Zeitung Heute : Wie beginnt ein Aufstand?

Bier, Bockwurst und Geselligkeit: Auf einer Dampferfahrt am 13. Juni beschlossen sie den Streik – der Bauarbeiter Kurt Bluhm erinnert sich

Robert Ide

Seinen Gehstock hat er auf den Bootssteg gelegt, mit zitternden Händen zündet er sich eine Zigarette an. Kurt Bluhm, genannt Kutte, braucht eine Pause. „Ich habe mein ganzes Leben geackert“, sagt der kleine Mann mit den starken, schwieligen Händen. Er kneift die Augen zusammen, blickt in den Wind, der über den Müggelsee kommt. „Nur ein Mal, da hatte ich keine Lust mehr zu schindern.“ Da stand er auch hier an der Dampferanlegestelle „Rübezahl“, zusammen mit seinen Kumpels vom Bau. Er war wütend, alle waren das.

Mit zwei Dampfern waren sie gekommen, die hießen „Triumph“ und „Seid bereit“. An einem heißen Samstag im Juni 1953 saßen sie im Gasthaus „Rübezahl“, Schulter an Schulter, Biertisch an Biertisch. Hunderte vom Volkseigenen Betrieb Industriebau waren dabei, solche Ausflüge machten sie öfter. Als sie nach fünf Stunden zurückfuhren zur Berliner Jannowitzbrücke, hatten sie eine Revolution beschlossen. Bluhm sagt heute: „Ich weiß nicht, wie das kommen konnte.“

Revolutionen sind keine Sache der Deutschen. „Wenn die einen Bahnhof stürmen, kaufen sie sich vorher eine Bahnsteigkarte“, spottete Lenin. War das so im Juni 1953 in der DDR? Damals streikten Arbeiter gegen Lohnkürzungen, das Volk rief nach freien Wahlen. Eine Million Protestler in 700 Städten und Dörfern waren nur mit Panzern aufzuhalten. Kann man das planen? Wie geht so was los? Ein halbes Jahrhundert später stellt sich heraus: Alles nahm einen ziemlich deutschen Anfang. Mit Bier, Bockwurst und Geselligkeit.

Es war der 13. Juni 1953, ein sonniger Samstag. „Wir haben Schultheiß getrunken und uns die Köpfe heißgeredet“, erzählt Bluhm und zieht an der Zigarette. Damals war er 18, wohnte noch bei seinen Eltern. Auf Baustellen fand er Anerkennung, brachte es zum Brigadier. Fast 20 Leute schufteten in seiner Gruppe, sie bauten Fundamente fürs Krankenhaus Friedrichshain. Bluhm erinnert sich genau: Neben ihm auf dem Dampfer saß eine junge, hübsche Frau, ihr gegenüber ein alter Bauarbeiter von der Stalinallee. Der flüsterte Kutte zu: „Jetzt ist Schluss mit dem Quatsch. Bei uns spielt sich nichts mehr ab.“ Übersetzt hieß das: Streik. In der DDR, dem Arbeiter- und Bauernstaat, gab es das eigentlich nicht.

Kurt, der Abenteurer

Der Dampfer der Revolution fährt heute über den Schwielochsee im südöstlichen Brandenburg. Besitzer Manfred Wiedemann steht im Maschinenraum; sein Unterhemd hat Ölflecken, Schweiß rinnt über die Baumwollrippen. „Alles muss gefettet werden, damit der Laden läuft“, ruft Wiedemann und beugt sich über die Maschine. Der Motor rattert lauter. Jetzt kann der Dampfer auslaufen, der den Namen „MS Falke“ auf dem Dach trägt. Früher hieß das Schiff „Triumph“. Wiedemann hat das „eiserne Personenmotorboot“, wie es in den Papieren heißt, vor fünf Jahren gekauft – ohne zu wissen, welche Geschichte es hat. Nun bringt er Rentner und Familien über die Spree.

Die Spuren der DDR – auf „MS Falke“ sind sie noch da. Die Bänke sind mit dunkelgrünem Plastikstoff bezogen. So sahen früher die Sitze in ostdeutschen Straßenbahnen aus; in der Sommerhitze klebten die Leute daran fest. „Und hier: Sprelakat“, ruft Wiedemann begeistert und pocht auf einen Tisch. Die schmalen Tische, mit Häkeldecken und Plastikblumen dekoriert, bestehen aus zusammengepressten Holzspänen und abwaschbaren Plastikplatten. Daneben Schiebefenster aus S-Bahn-Waggons und Schilder: „Nicht hinauslehnen.“ In der Ecke brummt ein alter Foron-Kühlschrank aus Sachsen. „Auf dem Wasser ändert sich nicht so viel wie an Land“, sagt Wiedemann und legt ab.

Es ist Abend am 13. Juni 1953 im „Rübezahl“, die Luft kühlt ab, und ein paar mitgereiste Kinder fangen an zu quengeln. Zeit für Bauleiter Karl Roepke, seine übliche Ausflugsrede zu halten. „Nach der Harmonie unserer Feier wünsche ich uns allen einen fröhlichen Arbeitsbeginn am Montag“, sagt er. Nur wenige Arbeiter klatschen. Plötzlich poltert es, Gläser fallen um. Ein Mann steigt auf einen Tisch, es ist Brigadier Alfred Metzdorf. Metze, wie ihn die Kollegen nennen, war schon immer ein Frecher. Aber jetzt hat er wohl ein Glas zu viel getrunken. „Montag ab sieben gehen wir nicht aus den Baubuden“, ruft er. „Wir streiken!“ Applaus, Gejohle. Dann Stille: Darf der das? Einige ziehen Metze vom Tisch, beruhigen ihn. Zu spät. Bauleiter Roepke ruft ihm zu: „Wir sprechen uns am Montag.“ Doch am Montag sollte er andere Sorgen haben.

Was ist bloß los in diesen Wochen? Für die Lebensmittelkarten bekommt man immer weniger Fett und Brot, manchmal gibt’s keine Butter mehr. Auf Baustellen hängen Losungen: „Baut mit an der Zukunft des Sozialismus“, doch Materiallaster kommen wenige. Und jetzt sollen alle zehn Prozent mehr Leistung bringen, sonst wird der Lohn gekürzt. „Ulbricht hat sich das ausgedacht, das war der größte Knallkopf überhaupt“, schimpft Bluhm über den SED–Vorsitzenden. Er ist immer noch wütend, 50 Jahre danach.

Kurt Bluhm war ein Abenteurer. Mit 16 sprang er von den Treptower Brücken in die Spree, später wurde er Judo-Europameister. Sein Traum war die Seefahrt. Als er volljährig war, wollte ihn die SED anwerben. Er hat gesagt: „Macht euren Mist alleine.“ Nach dem Aufstand fuhr er Panzer bei der Volksarmee. Doch im Inneren der sowjetischen T-34-Tanks roch es nach Pulverdampf, stank es nach Krieg. Bluhm hat es schnell sein lassen mit der Armee und dem Traum von der See. Kutte blieb Arbeiter.

Als die Dampfer wieder losfahren am 13. Juni 1953, von „Rübezahl“ zurück ins Stadtzentrum, gehen die Diskussionen los. Auf der „Seid bereit“ ist es vergleichsweise ruhig, da sitzen die Funktionäre und bewundern den Vollmond. Doch auf der „Triumph“, wo die Arbeiter dicht an dicht an schmalen Tischen sitzen wird über Politik geredet. Bluhm sitzt dabei und denkt: Aufstand? Die haben einen Knall. Wer macht denn so was?

Am Montag dann, es ist der 15. Juni, arbeiten am Krankenhaus Friedrichshain nur die Lehrlinge. Die Arbeiter treffen sich zur Versammlung, es gibt Tumulte. Jemand von der Gewerkschaft ist da, redet davon, dass die höheren Arbeitsnormen richtig sind. Pfui!, ruft Bluhm ihm zu. Eine Resolution wird verfasst. Max Fettling, Chef der Betriebsgemeinschaft, liest den Text vor. Fettling ist ein angesehener Mann, er hatte ein paar Wochen zuvor das Geld für die Dampferfahrt eingesammelt. „Wir Kollegen der Großbaustelle des Krankenhauses Friedrichshain vom VEB Industriebau wenden uns an Sie, Herr Ministerpräsident“, – Raunen im Raum, Fettling liest weiter – „wenden uns an Sie mit der Bitte, von unseren Sorgen Kenntnis zu nehmen. Unsere Belegschaft ist der Meinung, dass die zehn Prozent Normenerhöhung für uns eine große Härte ist. Wir fordern, dass von dieser Normenerhöhung auf unserer Baustelle Abstand genommen wird.“ Beifall. „Wir erwarten Ihre Stellungnahme bis morgen Mittag.“

Das Protestschreiben bringt Fettling mit ein paar Kollegen zum Haus der Ministerien, ins Büro von Ministerpräsident Otto Grotewohl. Vom Text werden Durchschriften gemacht, ein paar Bauarbeiter von der Stalinallee und von der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden bekommen Kopien. Später sollte das die Staatssicherheit zum Anlass nehmen, den Aufstand als einen von langer Hand geplanten Putsch darzustellen. War es nicht auch Fettling, der bei der Organisation der Dampferfahrt die Funktionäre und die Bauleute auf zwei verschiedene Schiffe verteilt hatte?, fragten sich die Ermittler. Die Stasi notierte: „Fettling traf eine solche Einteilung, dass auf einem Dampfer verschiedene Brigaden konzentriert waren, von denen Fettling wusste, dass unter ihnen provokatorische Elemente vorhanden waren. Dadurch wurden diejenigen faschistischen Elemente ermutigt, die sich bisher verborgen hielten.“ Fettling ahnte schnell, dass er ein Problem mit der Staatsmacht bekommen würde. In der Nacht zum 16. Juni 1953 setzte er sich in den Westen ab. Die anderen blieben, auch Kutte.

Das Ultimatum läuft ab

Am Morgen darauf läuft das Ultimatum ab, der Ministerpräsident tut nichts. Es ist Dienstag, der 16. Juni 1953, und in der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ ist zu lesen: „Jawohl, die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen sind in vollem Umfang richtig.“ Auf der Baustelle rennen Agitatoren herum, Parteileute, die keine Arbeiterhosen anhaben, Parteileute, die viel mehr Geld verdienen. „Auf das Gequatsche hatten wir keine Lust“, erinnert sich Bluhm. Da sind sie raus auf die Straße, rein in die Stadt, die Leute von der Stalinallee waren auch schon unterwegs. „Auf einmal waren wir viele.“ In Berlin brach ein Aufstand los, immer mehr schlossen sich an, riefen „Mehr Lohn statt Hohn!“ und „Der Spitzbart muss weg!“ Polizeiketten wurden von Zimmerleuten überrannt, Ulbricht kam in sowjetische Obhut am Stadtrand, und der deutsche Sozialismus stand vor dem Ende. „Aber dann kamen die Panzer.“ Als Bluhm die riesigen T-34 sah, die das Pflaster zersplitterten, ging er nach Hause. Widerstand zwecklos. Ein deutsches Ende?

Am Tag danach ging Kutte zur Arbeit, doch weil niemand da war am Krankenhaus, fuhr er raus ins Grüne, angeln. Polizisten griffen ihn auf, brachten ihn in die Stasi-Zentrale in die Lichtenberger Normannenstraße, verhörten ihn. Am Abend kam er frei, zwei Russen brachten ihn nach Hause, das war’s. „Damals war die Stasi nicht so auf Draht“, sagt Bluhm und lacht verächtlich. „Der Mielke war noch nicht dran, das war ja der allergrößte Knallkopf von allen.“

Ein paar Jahre später, Mielke war jetzt dran, hatte Bluhm nicht so viel Glück. Vier Monate lang saß er im Stasi-Knast Hohenschönhausen, im „U-Boot“, dem fensterlosen Kellerverlies. Bluhm war verhaftet worden, weil er in einer Kneipe auf die Regierung geschimpft hatte. „Das ist doch gar keine Regierung“, hatte er gesagt. Da haben sie ihn abgeholt und seine Wohnung durchwühlt. Ins Gesicht schlugen sie ihn bei den nächtlichen Verhören, wer weiß, was noch alles geschah – Bluhm will nicht darüber reden. Zur Begründung sagt er: „Ich musste denen versprechen, dass ich niemandem was erzähle.“

Es ist Abend am Schwielochsee, die Luft kühlt ab. Am Bootssteg liegt „MS Falke“, früher „Triumph“, bereit zur nächsten Fahrt. Wenn Betriebsgruppen kommen und sich an die schmalen Tische aus gepressten Holzspänen setzen, gibt es Volksmusik aus alten Lautsprechern und Bier aus einem brummenden Foron-Kühlschrank. Die Stimmung wird immer besser, je länger der Ausflug dauert. Aber über Politik redet niemand mehr an Bord.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben