Zeitung Heute : Wie bei Mobiltelefonen gibt es jetzt auch vertragsgekoppelte PCs für eine Mark

Kurt Sagatz

Rechner der gehobenen Mittelklasse zum Scleuderpreis - einer prescht vor, viele warten abKurt Sagatz

Das Handy für 1 Mark war nur der Anfang. Ende der Woche sollen nun die ersten Computer zum Schleuderpreis an den Käufer gebracht werden. Vorausgesetzt, der Kunde unterschreibt zugleich einen Kombivertrag mit einer Telekommunikationsfirma und verpflichtet sich darin, für einen festgelegten Zeitraum über diese Gesellschaft zu telefonieren und ins Internet zu gehen.

Die Nachricht über den "Free PC" schlug ein wie eine Bombe: allerdings an falscher Stelle. Fast hätte die Detonation auch die zarten Bande zwischen den Partnern dieses Modells zerrissen. Kurz nachdem der PC-Hersteller IPC, der sich bislang vor allem mit dem Zusammenbau preiswerter Notebooks für Privatleute einen Namen gemacht hatte, die Meldung an die Presse gegeben hat, meldete sich der Telekommunikations-Partner Mannesmann Arcor zu Wort und ging zumindest verbal auf Rückzugposition. "Als Provider sind wir an dem PC-Angebot nicht beteiligt", hieß es aus Düsseldorf. IPC ergänzte daraufhin seine Pressemeldung um eine Klarstellung, in der unterstrichen wurde, dass für den Internet-Zugang die gleichen Konditionen gelten wie allgemein üblich und der PC-Hersteller von der Mannesmann-Tochter nur die üblichen Provisionen für eine Vertragsvermittlung kassiere.

Egal wie, der "Free PC" soll bereits in Kürze in den Handel kommen, wobei sich IPC auf das Vertriebsnetz so großer Häuser wie Pro Markt, Kaufhof, Interfunk, Expert und Globus stützen will. Insgesamt 15 000 Geräte sollen über diese Kanäle an die Internet-Novizen gelangen. Die ersten Rechner werde es voraussichtlich bei Sigma Bürowelt noch in dieser Woche geben, erklärte Unternehmenssprecher Claus Seifert.

Bei den Geräten handelt es sich um Rechner der gehobenen Mittelklasse. Ein Intel-Celeron-Prozessor mit 400 Megahertz Taktfrequenz reicht für alle Büroanwendungen und das Surfen im Internet völlig aus, was auch für den 64 Megabyte großen Arbeitsspeicher und die 8,4 Gigabyte-Festplatte gilt. Zum Gang ins Netz wurde der PC um ein schnelles Analog-Modem mit 56 Kilobit/sec Übertragungsleistung ergänzt. Ein Monitor fehlt jedoch genau wie eine Soundkarte, so dass zum "Kaufpreis" von einer DM nochmals rund 600 DM für den Bildschirm und die Soundkomponenten hinzukommen. Viele Nutzer dürfte zudem abschrecken, dass anstelle des üblichen Windows 98 als Betriebssystem auf dem IPC-System Linux vorinstalliert ist. Die Vorkonfiguration des Internet-Zugangs auf den Vertragspartner dürfte den Wechsel des Betriebssystems zudem nicht zulassen.

Dabei gestand Seifert ein, dass es in der ersten Pressemitteilung wohl einige "unklare Formulierungen" gegeben habe. Um weitere Missverständisse mit dem erlärungsbedürftigen Produkt "Free PC" zu vermeiden, wollen sich die Partner der Aktion in einer Pressekonferenz den Fragen der Journalisten stellen. Dort sollen auch die genauen Konditionen der Telefon- und Internet-Verträge erläutert werden.

Der Name "Free PC" könnte dabei womöglich das erste Opfer der gemeinsamen Klarstellung werden. So möchte Seifert auch lieber vom "Volks PC" reden, denn unter diesem Namen will der Internet-Provider Gigabell zusammen mit IPC weitere 10 000 Rechner mit Netzanschluss verkaufen. Im Gegensatz zum Umsonst-Computer soll der "Volks-PC" monatlich 29,90 Mark kosten. Zudem sieht der Vertrag vor, dass der Kunde in den nächsten drei Jahren per Preselection über Gigabell telefoniert und den Internet-Zugang der Firma mit Namen "callOKAY.NET" nutzt.

Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AGV) bewertet zumindest das "Free PC"-Modell analog zu den 1-DM-Handys. "Nur wenn die Vertragsbedingungen transparent sind und das Preis-Leistungs-Verhältnis für den Kunden nachprüfbar ist, sind solche Konstruktionen akzeptabel", sagte AGV-Sprecherin Helga Kuhn. Schwierig wird die Bewertung allerdings aus Sicht der Verbraucherschützer immer dann, wenn die Märkte stark in Bewegung sind. Und genau dies gilt zumindest für das Internet, wo noch kein Ende des Preisverfalls bei den Minutenpreisen in Sicht ist. Marktführer T-Online und Hauptkonkurrent AOL liefern sich derzeit eine Preisschlacht nach der anderen.

Überraschend an der Meldung über den ersten "Free PC" war überdies, dass sie von IPC und dem Partner Mannesmann Arcor beziehungsweise Gigabell kam. Denn bereits vor einiger Zeit hatten zwei andere Kommunikations-Dienstleister die aus den USA bereits seit längerem bekannte Diskussion nach Deutschland importiert. Den Anfang gemacht hatte schließlich Mobilcom mit seinem umtriebigen Chef Gerhard Schmid, der jetzt offenbar erst einmal abwartet, wie die ersten Versuche mit Umsonst-PCs ausgehen. Nach seiner Aussage wird es innerhalb eines Jahres ein entsprechendes Mobilcom-Angebot geben "und zwar dann, wenn die Produktionskosten niedriger sind als jetzt", wie er in "Spiegel online" sagte. Nach dem Misserfolg der ersten echten Internet-Flatrate soll in diesem Fall nicht noch einmal mit heisser Nadel gestrickt werden.

Abwartend gibt sich auch der Internet-Provider und Online-Dienst AOL. "Wir haben vor, einen Free PC auf den Markt zu bringen, planen dies und führen dazu auch Gespräche", erlärte Firmensprecher Alexander Adler. Doch alles in Ruhe. "Das Angebot kommt so schnell es geht, aber auch die Qualität muss stimmen. Dies gelte auch für den Kundenservice", ergänzt Adler, denn seinem Unternehmen gehe es vor allem darum, den Menschen den Einstieg ins Internet zu erleichtern. So wird der AOL-PC wohl auch nicht für umsonst zu haben sein, sondern zu einem reduzierten Preis, gab Adler einen Ausblick auf die Überlegungen des Online-Dienstes. Billig ist eben nicht alles.
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