Zeitung Heute : Wie belehre ich Supermarkt-Sünder?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ich ärgere mich sehr, wenn ich im Supermarkt Leute beobachte, die von ganz hinten die Lebensmittel mit dem längsten Verfallsdatum hervorkramen. Das gehört sich doch nicht! Wäre es richtig, die darauf aufmerksam zu machen?.

Das ist der Nachteil, den die Besitzer von Supermärkten gegenüber den Betreibern von Tante-Emma-Läden haben. Sie haben praktisch keine Möglichkeit, den Verkauf ihrer Waren nach Frischegrad zu steuern. Manche stellen nach meinem Eindruck manchmal extra die Lebensmittel, die sich nicht mehr so lange halten, nach hinten. Dahinter steht offenbar der Gedanke, dass viele inzwischen automatisch und ohne es auch noch genau zu überprüfen, sich von dort das vermeintlich frischere Produkt hervorangeln.

Allein mit dieser Beobachtung entlarve ich mich an dieser Stelle wohl. Ja, auch ich gehöre manchmal zu denen, die auf ein längeres Haltbarkeitsdatum achten. Allerdings versuche ich es auf Gelegenheiten zu beschränken, wo ich weiß, dass aufgrund eines überbuchten Terminkalenders der nächste Einkauf allerfrühestens in einer Woche unterzubringen sein wird. Ich tue es, das merken Sie schon, zwar nicht ganz reinen Gewissens, aber dennoch aus Überzeugung. Unser System sieht ja dankenswerterweise vor, dass man genau das kaufen kann, was man will. Die Günstlingswirtschaft der DDR, wo der Glückliche, der mit der Verkäuferin befreundet war, schon mal eher an frische Sachen rankommen konnte, ist ja glücklicherweise seit nunmehr 15 Jahren passé.

Andererseits würde ich gern in einer Gesellschaft leben, in der alle mitdenken und Rücksicht aufeinander nehmen. Nicht nur im Supermarkt gucken viel zu viele mit einem egozentrischen Tunnelblick aus der Wäsche. Das kann einen in dem Augenblick vielleicht ein paar Zentimeter weiterbringen, blockiert aber grundsätzlich alles und entzieht dem gesellschaftlichen Getriebe das Öl wie ein ausgehungerter Vampir einem lebensdurstigen Körper das Blut. Diese Message können Sie einem eiligen Supermarktkunden aber nicht vermitteln. Deshalb halte ich es für hoffnungslos, ihn anzuquatschen. Wahrscheinlich kommen Sie da nur wie eine unangenehme Meckerziege rüber.

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