Zeitung Heute : Wie das Gift in die Welt kommt

Mohammed Nawi kann sich jetzt eine zweite, junge Frau leisten. Er verdient sein Geld mit dem Anbau von Mohn, aus dem Opium gemacht wird. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht – in den rauen Pamirbergen wächst nichts anderes. Eine Reise ins Herz der afghanischen Drogenproduktion.

Peter Böhm[Feisabad]

Bauer Adschesiah Mohammed Nawi hat Hochzeitspläne. 4400 US-Dollar hat er mit der letzten Opium-Ernte im Sommer verdient. Jetzt im Winter gibt es auf dem Feld nichts zu tun, das ist die beste Zeit zum Heiraten. Obwohl er schon 60 ist und auf dem Weg von seinem Verkaufsstand am Markt zu seinem Haus mehrmals eine Pause einlegen muss, wird seine Frau, es ist seine zweite, erst Anfang 20 sein.

Nawi lebt in Argo, nirgendwo auf der Welt wird so viel Opium angebaut wie hier. Von Feisabad aus, der Hauptstadt der afghanischen Provinz Badachschan, sind es noch 25 Kilometer hinauf in die Berge. In Badachschan lebt man von oder mit dem Opium. Die Bauern bestreiten damit ihre Existenz, die Schmuggler werden reich und die Süchtigen betäuben damit ihren Schmerz.

2,3 Milliarden US-Dollar haben Afghanistans Händler im vergangenen Jahr am Opium verdient, schätzt die Uno. Und ein Großteil des Opiums kommt eben aus Badachschan, dieser kargen Provinz in der äußersten Nordostecke des Landes. Viele Täler in den rauen, über 7000 Meter hohen Pamirbergen sind neun oder zehn Monate lang vom Rest der Welt abgeschnitten. Hier wächst so gut wie nichts – außer Mohn. Weil Badachschan so abgelegen ist und die Berge ihm Schutz geben, war es die einzige Provinz Afghanistans, die die Taliban nie einnehmen konnten.

Die Fahrt von Kundus in der Ebene hinauf nach Feisabad dauert mehr als zehn Stunden und geht über schmale Bergpisten und durch kleine Flüsse. Neben der Straße ducken sich kleine Dörfer mit flachen Häusern ganz aus Ton. Über den grünen Kukdsch-Fluss haben die Leute Drahtseile gespannt, an dem sie in Körben ihre Waren oder sich selbst über das Wasser balancieren.

Vor mehr als 100 Jahren kam das Opium aus China nach Badachschan. Doch der Opiumanbau im großen Stil begann erst in den 80er Jahren mit dem Krieg gegen die Sowjetunion. Aus dem Drogenhandel kam das Geld für den Widerstand gegen die Rote Armee, auch im Krieg gegen die Taliban finanzierten sich so die zur Nordallianz zusammengeschlossenen Warlords.

Auf dem Weg zu seinem Haus deutet Bauer Nawi mit weit ausholenden Bewegungen die Grenzen seines Ackerlandes an und zeigt auf einen großen, flachen Hügel, wo er in einigen Wochen wieder Opium anbauen wird. Vor seiner Haustür steht ein nagelneuer russischer Geländewagen und in seiner guten Stube ein Fernseher. Beim Tee sagt Nawi auf die Frage, ob er eher reich sei oder eher arm: „Na ja, schon reich, denke ich.“ Er spricht selbstsicher wie ein Mann, der stolz sein kann auf das, was er erreicht hat. Zum ersten Mal hat sein Dorf Mohn angebaut, berichtet er, nachdem es die Russen angegriffen hatten. „Sie haben alles, was wir hatten, zerstört“, sagt er, „was sollten wir anderes machen?“ Er selbst baut auf dem größten Teil seines Landes Weizen und Reis an. Ein Drittel Hektar Mohn, sagt er gönnerhaft, reiche ihm völlig aus.

Nawi trägt einen Turban auf dem Kopf und um die Schultern einen langen, grünen wattierten Mantel. Die Füßen stecken in Galoschen, die wie an den Knöcheln abgeschnittene Gummistiefel aussehen. Nawi hat acht Kinder. Alle helfen ihm bei der Feldarbeit. Den ganzen Winter aber sitzen sie im Haus und haben nichts zu tun. Warum schickt er sie nicht in die Schule? Die ist geschlossen, sagt er. Der Lehrer hat schon lange keinen Lohn mehr bekommen.

30000 Süchtige

Und dann wird Bauer Nawi auf einmal ganz wortkarg. Jetzt soll er nämlich darüber sprechen, an wen er sein Opium verkauft. Nach der Ernte, druckst er herum, kämen immer viele Händler ins Dorf. „Ich verkaufe dann ein Kilo an den einen und ein anderes an den nächsten.“ Auf die Frage, ob er wisse, was dann weiter mit dem Opium geschehe, schüttelt er energisch den Kopf. Gibt es Drogensüchtige in Afghanistan? Heftiges Kopfschütteln. Und was weiß er von den Süchtigen in Europa? „Darüber haben wir keine Informationen.“ Aber dass Opium gefährlich ist, weiß Bauer Nawi doch? „Selbstverständlich!“, antwortet er. „Wenn Sie es nehmen, werden Sie sterben.“ Und dann sagt er noch: „Wenn es bei uns eine bessere Wirtschaft gäbe, würde ich nie Mohn anbauen.“ Außerdem sei Opium nach dem Islam verboten. Später wird er auch erzählen, dass sich sogar der Gouverneur von Badachschan gegen das Opium ausgesprochen hat, aber darüber wird Nawi leicht belustigt den Kopf schütteln.

Dass es in Afghanistan Opium-Abhängige gebe, bestreiten hier fast alle. Aber es gibt sie, und ihre Zahl steigt. Wenn man dem Chef des Regierungsbüros zur Drogenbekämpfung in Feisabad, Sebgatullah Khaksary, glaubt, sind es in Badachschan allein 30000 abhängige Opiumraucher. „Ich weiß von einigen Dörfern, in denen 90 Prozent der Leute abhängig sind.“

Der 20 Jahre alte Ali Sobir ist einer von ihnen. Am Morgen kann er keinen Tee trinken, weil der ihm, wie er mit seiner schläfrigen Stimme erzählt, „schlimmen Druck im Kopf“ verursacht. Auch essen kann er kaum etwas. Wenn er aus dem Haus geht, trägt er eine dunkle Sonnenbrille, er ist schmächtig, hat lange, strähnige Haare. Mit 13 Jahren hat Ali Sobir geheiratet. Als er 15 war und schon zwei Kinder hatte, schickten ihn seine Eltern aus seinem Dorf, mit dem Auto vier Tagesreisen von hier, nach Feisabad. Hier sollte er auf die höhere Schule gehen. Nach zwei Jahren machte er seine erste Bekanntschaft mit Opium. „Damals“, sagt Ali Sobir, „habe ich etwas sehr, sehr Schlechtes getan.“

Er wurde abhängig und ging von da an nicht mehr zum Unterricht. „Ich hatte meinen Rhythmus“, sagt er, und er erzählt so distanziert, als spräche er von einer weit zurückliegenden Zeit. „Erst rauchen, dann schlafen, dann rauchen, dreimal am Tag.“ Die Sucht finanziert Ali Sobirs Onkel, ohne es zu wissen. Alle zwei, drei Tage steckt er ihm ein bisschen Geld zu. Eine Pfeifenfüllung kostet in Feisabad nur 50 Afghani, das sind rund 80 Cent. Einer von Ali Sobirs Freunden ist vor zwei Wochen zu einer kostenlosen Entziehungskur in eine Klinik nach Kabul gefahren. Dorthin will Ali Sobir nun auch bald. „Ich muss weg aus Feisabad, sonst kann ich nicht aufhören. Jeder hat hier Opium im Haus.“

Schamsa Urahman, der Vizegouverneur von Badachschan, hat Verständnis für die Opium-Bauern. Solange es keine Straßen gebe in Afghanistan, keine Krankenhäuser und keine Schulen, solange die Leute also in Armut lebten, sei es so gut wie unmöglich, sie vom Opiumanbau abzubringen. Er ist ein Mann in den Vierzigern mit einem runden, freundlichen Gesicht. Er trägt einen Turban und einen weißen Umhang, und weil in seinem Empfangszimmer mit den wuchtigen Sofas und flachen Tischen nicht geheizt ist, sieht man beim Sprechen seinen Atem. Um seine Hände zu wärmen, klemmt er sie beim Sitzen zwischen die Beine.

Vizegouverneur Urahman ist typisch für einen regionalen Machthaber in Afghanistan. Als er „zum ersten Mal selbst gedacht“ hat, da war er 14 oder 15, schloss er sich den Mudschahedin in seiner Gegend an. Während er das erzählt, schaut er scheu auf den Boden. Er will sich mit seiner Vergangenheit nicht brüsten, obwohl sie ihn in den Augen vieler Afghanis zu einem Helden macht.

Das Dekret von Präsident Hamid Karsai, das den Opiumanbau verbietet, kann er dennoch nicht durchsetzen. Zwischen 1000 und 2000 Polizisten gibt es nach seiner Schätzung in Badachschan. Da Feisabad rund 100000 Einwohner hat und die gesamte Provinz wohl die dreifache Zahl, wäre das nicht wenig. Das Problem ist jedoch, dass diese Polizisten weder ausgebildet sind noch entsprechend bezahlt. Außerdem hat die Polizei in ganz Badachschan nur ein einziges Auto zur Verfügung. Es ist ein grün-weiß gestreifter Geländewagen, eine Spende aus Deutschland. Mit ihm kann man den Polizeichef persönlich durch Feisabad fahren sehen oder mit seinem Sohn am Steuer, den er zu seinem Chauffeur gemacht hat.

Die Polizei verdient mit

Was der Vizegouverneur nicht sagt: Viele der Ordnungshüter verdienen fleißig am Drogenhandel. In Badachschan wird nicht nur Mohn angebaut, sondern hier beginnt auch eine der Haupthandelsrouten für die Droge: Das Opium des gesamten Landes wird von hier aus durch Tadschikistan nach Europa geschmuggelt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Ex-Warlords, die heute Gouverneure und Polizeichefs sind, für jede Lieferung durch ihr Gebiet eine Abgabe verlangen. Vor kurzem starben bei Kämpfen zwischen lokalen Machthabern mindestens sieben Milizionäre – es ging darum, wer die Steuern auf die Mohnernte erheben darf. Die Bundesregierung wird also gute Gründe haben, warum sie es bisher immer abgelehnt hat, die deutschen Soldaten in Kundus im Anti-Drogen-Kampf einzusetzen.

Die Schmuggler von Feisabad haben nagelneue Geländewagen und keine Skrupel. Auf den Nasen tragen sie dunkle Sonnenbrillen, und über die Holperwege der Stadt rasen sie in Schwindel erregendem Tempo. Um die Stadt herum gibt es etwa 20 Drogenlabore, berichtet ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation, der schon lange in Feisabad lebt. Mit ein paar Rohren, Tonnen und Stoffresten als Filter stellen die Schmuggler dort aus dem geernteten Opium Morphium-Basis her – ein Zwischenprodukt, aus dem man später Heroin macht. Das braucht viel weniger Platz, lässt sich also einfacher schmuggeln, bringt mehr Geld – und macht viel schneller abhängig.

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