Zeitung Heute : Wie das Meer zum Gartenteich schrumpfte

Imagination und Präzision bei Beschreibung und Kartierung der Welt.

Wolfgang Lehmann
Nicht zum Falten. Stadtplan von Nippur (Irak), um 1500 v. Chr., Ton, 21 x 18 cm. Foto: © Hilprecht-Sammlung im Eigentum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Nicht zum Falten. Stadtplan von Nippur (Irak), um 1500 v. Chr., Ton, 21 x 18 cm. Foto: © Hilprecht-Sammlung im Eigentum der...

Geh' geradeaus bis zum Tempel des Zeus, dann schlage den Weg nach rechts ein. An der großen Eiche wende dich nach links bis zu der gestürzten Säule... Ersetzt man den Tempel mit dem Eingang zu einem Fußballstadion, die große Eiche mit einer Karstadt-Filiale und die gestürzte Säule mit einem Städtischen Hallenbad, könnte die Auskunft auch heutzutage so gegeben werden. Oder Satellitengestützt: nächste Straße rechts, in 500 Meter links abbiegen ... – einmal Antike, einmal Gegenwart direkt, einmal Navigation mithilfe von GPS: Das Prinzip der Wegebeschreibung bleibt dasselbe, nur dass der freundliche Wegweiser zurückbleibt, der Navigator im Auto dagegen interaktiv agiert, also immer dabei ist.

Der antike Reiseschriftsteller Pausanias (2. Jahrh. n. Chr.) kannte diese hodologische Form der Orientierungshilfe (hodos = der Weg), und wahrscheinlich orientierten sich Ötzi und seine Steinzeitgenossen ebenfalls nach dieser Methode. Nur haben die's noch nicht aufschreiben können.

Aufgeschrieben und später -gezeichnet haben es die Frühen Hochkulturen und die Griechen und Römer. Bei den Römern waren es Wegbeschreibungen, itinerare, quasi Handzettel für die Reise. Darauf sind in einer Spalte die Städtenamen aufgeführt, in der nächsten die Entfernungsangaben in milia passum, in tausend Schritten. Solche Angaben für die Reise wurden sogar auf bronzene Trinkbecher in Meilensteinform graviert, sozusagen für den Schluck unterwegs.

Gestreckt (auf sieben Meter) und gestaucht (30 cm hoch ) wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. das Wegesystem von Spanien bis Indien aufgezeichnet  – überliefert als Tabula Peutingeriana, nach antiken Vorlagen von Konrad Peutinger (1465-1547) veröffentlicht – abstrahiert mit den Punkten zum Straßenwechsel, sozusagen zum Umsteigen wie auf unseren ebenfalls abstrahierten U-Bahn-Plänen. Der Fahrgast will wissen, wie er von einer Station zur anderen gelangt und wo er von einer Linie in eine andere umsteigen kann. Das meinte offensichtlich der römische Zeichner auch.

Abgesehen davon, dass die Menschen wissen müssen und wollen, wie sie von A nach B kommen, wollen sie auch wissen, wo sie sind, wo sie sich befinden, wie ihre Umgebung aussieht. Die Babylonier ritzten sich Stadtpläne in Ton, in denen zwar keine Straßen verzeichnet waren, aber natürliche Markierungen wie Flussläufe und markante Gebäude wie zum Beispiel Tempel, in deren Umrisse dann in Keilschrift der Name eingeritzt wurde. Man stellt dabei die Stadt maßstäblich korrekt dar. Die Verortung auf der Welt gehorchte dann oftmals anderen Gesetzen. Auf der Mappa Mundi (um 600 v. Chr.) liegt Babylon in der Mitte der bewohnten Erde, umgeben von einem Ozean – keine Kartographie in unserem Sinne, sondern ein abstrahierter Entwurf einer Weltsicht und Ordnung.

Die Vogelperspektive, die für uns selbstverständlich ist, blieb ihnen ja noch verschlossen, obwohl der Wunsch, die Welt von oben zu betrachten, schon vor Jahrtausenden bestanden haben muss. So lässt der Verfasser des sumerischen Etana-Epos den ersten König von Kisch (frühes 2. Jahrtausend v. Chr.) eine Himmelsreise unternehmen: Ein Adler trägt ihn in die Höhe und zeigt ihm die Erde, und zwar aus einer Höhe von einer, zwei und drei „sumerischen Meilen“, also aus immer größerer Distanz. „Beachte die Grenzen des Meeres“, sagt der Adler zu ihm, „es ist wie ein Fluss geworden“. Immer höher trägt der Adler ihn. In einer Höhe von zwei Meilen sieht die Erde wie ein Hügel aus, und noch eine Meile höher: „Schau, mein Freund, wie die Erde jetzt erscheint. Das Meer ist zu einem Gartenteich geschrumpft“.

Die Geschichte wird auf einer Keilschrifttafel, also, worauf Friederike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts und eine der Initiatoren der Ausstellung „Jenseits des Horizonts - Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt“, hinweist, auf einem Medium „eigener räumlichen Gesetzmäßigkeit“ weitergegeben. Die Vorstellung des Autors bekommt eine reale Form; der Leser kann sich eine Landkarte vorstellen. Dass Landkarten, wenngleich bekannt, allerdings auch Jahrhunderte später noch nicht zum Allgemeingut geworden waren, beschreibt Aristophanes (5. Jahrh. v. Chr.). in seiner Komödie „Die Wolken“. Der Bauer Strepsiades, der seinen Kredit nicht zurückzahlen will, sucht bei Sokrates und dessen Schülern Hilfe für die Argumentation gegen seine Gläubiger. Leider kann er eine Landkarte, die zur Landvermessung dienen soll, nicht lesen: Geometrie hält er nur zur Durchsetzung eigener Landforderungen für sinnvoll und er erschrickt, wie nahe der Gegner Athens, Sparta, auf der Landkarte an Athen liegt: „So nah bei uns? - Studiert doch ernstlich drauf, dass ihr das Ding da wegschafft weit von uns!“.

Je mehr der Boden zur Ware wurde, desto notwendiger war es, die Kenntnis der Landkartenherstellung zu vervollkommnen: Land musste verwaltet, verteilt, verkauft werden, sein Wert diente als Basis für Steuererhebungen. Und auch hier kommen, wie bei grundsätzlichen Kulturtechniken, Zahl und Schrift, die Kenntnisse aus dem Alten Vorderen Orient und aus Ägypten. Der griechische Historiker Herodot (5.Jahrh. v. Chr,) berichtet in seinen Historien über die Boden- und Steuerpolitik des Pharaos Sesostris, dass dieser König das Land auch unter alle Bewohner aufgeteilt und von dem zugeteilten Stück jährlich eine Abgabe erhoben habe: „Mir scheint, daß hierbei die Kunst der Landvermessung erfunden wurde, die dann nach Griechenland kam“, meint Herodot.

Und von da nach Rom. Als das Römische Reich sich immer weiter ausdehnte, musste der eroberte Raum geordnet werden: Militärlager wurden errichtet, Städte gegründet.Eroberte Städte wurden zu coloniae – anfangs militärische Vorposten, später Ansiedlungen römischer Bürger, die ihr römisches Bürgerrecht behielten. Ihnen wurde ein kleines Landstück per Los zugewiesen, und dieses Landlos musste vermessen werden.

Die antike Welt war also ihrerseits vernetzt. Die Menschen schufen mit Phantasie und Imagination einerseits und Präzision andererseits durch Beschreibungen und Karten ein Bild der Welt, in der sie lebten und handelten.

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