Zeitung Heute : Wie das Neue in die Welt kommt

Michael Hutter untersucht, welche kulturellen Quellen eine Innovation prägen und ihr zum Durchbruch verhelfen

Sybille Nitsche

Was Autofahrern angesichts hoher Benzinpreise als Ausweg gepriesen wird, ist eigentlich ein alter Hut. Das Auto mit Strom anzutreiben, auf diese Idee war Charles Jeantaud schon 1895 gekommen. Damals fuhr der Autofabrikant von Paris nach Bordeaux. Im Gepäck hatte er mehrere Batterien, deren Strom seinen Zweisitzer antrieb.

Dann aber trat der Verbrennungsmotor seit den 1920er Jahren seinen Siegeszug an und verdrängte Alternativen wie den Dampfmotor oder den Elektroantrieb. Warum der elektrische Antrieb sich nicht durchsetzen konnte, auf diese Frage suchen Michael Hutter und Lutz Marz Antworten. Dabei ist diese Frage nur ein Teil eines viel umfassenderen Problems, dem sich die beiden Wissenschaftler angenommen haben: Nichts Geringerem, als zu begreifen, wie sich das Neue in der Welt behauptet, gilt in den nächsten sechs Jahren ihre wissenschaftliche Neugierde.

Hutters These ist kühn, manchen Ingenieur mag sie provozieren: Nicht die technische Lösung eines Problems bestimmt, ob sich eine Erfindung durchsetzt. Vielmehr beeinflussten dies kulturelle Faktoren. Darunter versteht man beispielsweise die kreativen Millieus in Städten oder die Kultur in Firmen oder Berufsständen. Auch Ausdrucksformen der Kunst gehören dazu. Das ist ein neuer Ansatz in der Innovationsforschung. „Der Zusammenhang von Technik und Innovation ist weitgehend erforscht“, sagt Hutter. „Mein Team setzt sich zum Ziel, den Zusammenhang von Kultur und Innovation abzubilden, zum Beispiel den Einfluss von intellektuellen Zirkeln auf die Entstehung von Neuem.“ Dazu wurde am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung im vergangenen Jahr eine neue Abteilung gegründet. Michael Hutter, seit Frühjahr 2008 auch Professor an der TU Berlin, ist ihr Direktor. Das neue Fachgebiet an der TU Berlin nannte er „Kultur, Wissen und Innovation“.

Die Wissenschaftler um Michael Hutter werden sich dem Problem von vielen Seiten nähern, um die kulturellen Quellen des Neuen freizulegen. Hutter selbst hat sich mit der Frage beschäftigt, wie sich künstlerische Erfindungen auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirkten. Ein Beispiel ist die Linearperspektive aus der Zeit der Renaissance, als man begann, dreidimensionale Bauten oder Gegenstände auf einer zweidimensionalen Fläche so darzustellen, dass der Betrachter einen räumlichen Eindruck erhielt. Das revolutionierte unter anderem die technische Zeichnung von Maschinen.

Eine weitere Arbeitsgruppe wird untersuchen, wie in Städten kreative Milieus entstehen. Lutz Marz wird anhand von Beispielen und vergleichenden Forschungen ergründen, wie die kulturelle Prägung von Ingenieuren mitbestimmt, welcher alternative Antrieb künftig favorisiert wird.

Belege für die These von den kulturellen Quellen des Neuen glaubt Lutz Marz zum Beispiel in der Geschichte des Hybridautos zu finden, das Verbrennungstechnik und Elektromotor vereint. „1997 kamen Audi und Toyota mit dem ersten serienreifen Hybridauto auf den Markt“, erzählt Marz. „Audi ging nach einem Jahr und knapp 60 produzierten Autos die Puste aus. Den Japanern dagegen gelang es, mit ihrem Hybridauto auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Seither hat Toyota mehr als eine Million dieser Autos verkauft. Da stellt sich die Frage, warum war Toyota erfolgreich und Audi nicht.“

Marz schreibt die Gründe für den japanischen Erfolg nicht der Überlegenheit der Technik im Toyota Prius zu, wenn er urteilt: „Diese war damals nicht ausgefeilter als eine andere Hybridtechnik.“ Vielmehr habe eine Firmenkultur, angetrieben vom unbedingten Willen, der Welt die eigene Innovationsfähigkeit überzeugend unter Beweis zu stellen, sowie eine hohe Risikobereitschaft, dem Hybridauto zum Durchbruch verholfen.

„Toyota wollte neben dem Verbrennungsmotor eine wirkliche Alternative auf den Markt bringen und nicht nur als Alibi für ein paar nette PR-Fotos“, sagt Marz. Hinzu sei ein fein gewirktes Geflecht gekommen aus strengen Umweltgesetzen in Kalifornien und einer Bürgerbewegung, die von der Idee beflügelt war, in den USA das Auto vom Öl unabhängig zu machen. Diese Einflüsse begünstigten das Toyota-Projekt zusätzlich.

Hutter und sein Team wollen verstehen, wie sich Neuerungsprozesse vollziehen. Noch stehen die Forschungen in diesem Projekt am Anfang. Doch eine Erkenntnis kann bereits als gesichert gelten: Neues bleibt mitnichten allein deshalb in der Welt, weil ein kluger Kopf für ein technisches Problem eine kluge technische Lösung fand. Ferdinand Porsche würde dem sicherlich zustimmen. Der geniale Ingenieur hatte das erste Automobil mit einem Hybridantrieb bereits im Jahre 1900 konstruiert. Sybille Nitsche

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