• Wie das Weiße Haus weiß wird Eine Firma aus dem Allgäu streicht die Welt neu an: Schloss Bellevue, Bolschoj-Theater, Buckingham Palast – und nun gibt es Streit ums Pentagon.

Zeitung Heute : Wie das Weiße Haus weiß wird Eine Firma aus dem Allgäu streicht die Welt neu an: Schloss Bellevue, Bolschoj-Theater, Buckingham Palast – und nun gibt es Streit ums Pentagon.

Kerstin Decker

Die Amerikaner können alles. Aber das Weiß für ihr Weißes Haus mischen, das können sie nicht. Hätten sie sonst einen Bayern damit beauftragt?

Dass man bei Weiß nichts falsch machen kann, glauben nur die Farbenblinden. Kapitulationsweiß oder Pazifistenweiß geht schon mal gar nicht fürs Weiße Haus, aber Blendweiß ist genauso unmöglich. Oder Kühlschrankweiß, ausgeschlossen. Welches Weiß also braucht das Weiße Haus? – Peter Neri, Geschäftsführer der Firma „Keimfarben“, steckt seine Autoschlüssel weg, zeigt auf das Haus vor uns und sagt: Ungefähr das da! – Da steht auch ein weißes Haus. Mit freiem Blick auf die Alpen. Dieses weiße Haus im Allgäu gehört Peter Neri und irgendwie beinhaltet sein Weiß eine Kapitulation. In ihm liegt das Wissen, dass nicht alles weiß ist auf Erden. Es gibt auch das Straßenstaubgrau, das Schmutzgelbgraubraun und immer so weiter. Von all dem ist in Peter Neris Weiß eine Ahnung enthalten. Und so streicht er jetzt also auch das Weiße Haus. Es ist ein wissendes Weiß, eins, das alle anderen, traurigeren Farben der Welt schon in sich trägt.

Und das hätten die Amerikaner nicht allein mischen können?

Aber es ist nicht nur das Weiß. Das Schmutzgelbgraubraun können sie ja auch nicht. Hätte sonst der Bayer Peter Neri den Auftrag bekommen, auch das Pentagon zu streichen? Nachdem er früher schon den Auftrag hatte, ein Stückchen Capitol, das ganze Arlington House und die New York Stock Exchange anzumalen? Aber das Schmutzgelbgraubraun ist exklusiv fürs Pentagon. Das würde kein anderer nehmen. Puristen würden ohnehin bestreiten, dass es sich bei diesem kolorierten Abwasser um eine Farbe handelt. Aber nicht deshalb hat Peter Neri gerade großen Ärger. Seine Farbe gefiel allen wirklich sehr gut. Die Malerarbeiten waren schon in vollem Gange, als es plötzlich hieß: Stopp!

Im Pentagon war eine Frage laut geworden: Dürfen wir unser Verteidigungsministerium mit einer deutschen Farbe streichen lassen, gerade jetzt? Also gewissermaßen mit einer alteuropäischen, ganz und gar unkriegerischen Farbe?

Peter Neri sitzt auf dem Sofa seines Weißen Hauses, hinter sich die Alpen, vor sich einen Kachelofen und sieht aus, wie man sich einen schwer geprüften Mittelständler immer vorstellt. Nur dass die Prüfungen des Peter Neri sich von denen eines gewöhnlichen Mittelständlers unterscheiden. Gutmütig wirkt er; sehr friedlich ein kriegerischer Typ, da hat das Pentagon schon recht, ist er wirklich nicht.

Nun ist gar nicht das Pentagon selbst auf die Gretchen-Farb-Frage gekommen, aber dafür ein abgelehnter Mitbewerber von „Keimfarben“ aus Ohio. Kannst du das wirklich verantworten?, fragte die geschmähte Firma ChemMasters aus Madison, Ohio, den republikanischen Kongress-Abgeordneten Steve La Tourette. La Tourette verstand sofort und trug die Frage weiter in den Kongress: „Wir sprechen hier über das militärische Hauptquartier unserer Nation, ein Symbol der Freiheit." Und sein Sprecher Richard Carter fügte mahnend hinzu: „Gerade jetzt, da die Zeiten für amerikanische Arbeiter und Fabriken schwer sind, müssen wir sicherstellen, dass Steuergelder für US-Produkte ausgegeben werden.“ Alle Arbeiten wurden gestoppt und ein Überprüfungsverfahren angesetzt. Das dauerte dem Pentagon-Chefrenovierer jedoch zu lange, und er bestellte schon mal weitere Farbe aus Bayern. Für 40 000 Euro. Das war im April. „Keimfarben“, die Traditionsfirma, 330 Mitarbeiter, Dependancen weltweit, lieferte, aber dann bekam die Firma aus Ohio den Zuschlag.

Bayrische Fresken

Obwohl Neri doch eine Pentagon-Westseite schon gestrichen hat. Halt, ruft Neri aus seinem Sofa, so darf man das nicht sagen: Nicht er hat gestrichen. Schon klar, überlegen wir, das waren amerikanische Arbeiter, lediglich seine Farben kleben am Pentagon. Der Geschäftsführer wird blass. Kleben? Seine Farben kleben? Aber das tun sie nicht. Kleben ist was für die anderen. Für ChemMasters aus Madison zum Beispiel. Peter Neri war schon wieder in New York, er hat sich das Schmutzgelbgraubraun der Ohio-Konkurrenz angesehen, und ein Ausdruck tiefster Verachtung erscheint auf Neris Gesicht. Das, dachte er, ist keine Farbe. Das ist ein Irrtum. Wenn die wirklich ChemMasters aus Madison nehmen, glaubt Peter Neri, hat er in ein paar Jahren einen neuen Auftrag: Pentagon streichen! Noch hat Peter Neri nicht aufgegeben.

Aber am Weißen Haus macht „Keimfarben“ weiter. Zwei Jahre schon, im Oktober 2001 fingen sie an; zwei Jahre wird es noch dauern, weil das Weiße Haus so groß ist. Eigentlich besteht es aus vielen weißen Häusern, die nun Stück für Stück eingerüstet und wieder abgerüstet werden. Bei großen Staatsbesuchen wird ganz abgerüstet. Noch kam niemand auf den nahe liegenden Verdacht, bei einem deutschen Weiß am Weißen Haus könne es sich um ein Pazifisten-Weiß oder ein Kapitulations-Weiß handeln.

Dabei könnte Peter Neri ganz ruhig sein. Seine Farben sind vollkommen systemresistent. Er hat selbst das „Reich des Bösen“ schon mal angestrichen, als es noch existierte. Das berühmteste Theater der Sowjetunion. Peter Neri formuliert das so: „Wir haben das Bolschoj-Theater verkeimt.“ Was wiederum das britische Königshaus keineswegs davon abhielt, den Buckingham-Palace mit der Farbe desselben bayerischen Ursprungs zu bedecken. Und nun dürften wir mal raten, womit wohl das Bundeskanzleramt oder das Schloss Bellevue gestrichen sind. Und die vielen Schlösser auf der ganzen Welt oder das Mailänder San-Siro-Stadion oder die Flughäfen Asiens. Mit Farben aus Bayern. Wir verkeimen die ganze Welt, schließt der Mittelständler Peter Neri.

Ein allwissendes Weiß ist schon eine schöne Sache. Und ein souveränes Schmutzgelbgraubraun natürlich auch. Aber dass man damit so exklusiv durchs Leben kommt, ja durch die ganze Welt, das hätten wir doch nicht gedacht. Peter Neri blickt auf den Besucher wie auf einen hoffnungslosen Fall. Schon wieder jemand, der Farben nicht von Farben unterscheiden kann. Und Neri weiß, dass er jetzt noch einmal ganz von vorn anfangen muss. Also entweder mit Goethes Farbenlehre oder mit dem bayerischen König Ludwig I. oder mit dem schwäbischen Tüftler Adolf Wilhelm Keim.

Der bayerische König Ludwig I. liebte im vorletzten Jahrhundert die italienischen Fresken. Solche wollte er auch haben bei sich in Bayern. Er bekam sie. Auf den noch feuchten Putz malten die Maler mit bunten Erden. Aber dann geschah etwas Merkwürdiges. Nach drei Sommern und drei Wintern waren die neuen Fresken König Ludwigs I. fast schon wieder weg. Die Winter waren zu kalt und zu feucht für die Kalkbilder. Doch Ludwig gab nicht auf, er schrieb einen Wettbewerb aus: „Entwickelt mir eine Farbe, die wie Kalk aussieht, aber länger hält!“

Fastfood-Farben

Der Töpfer Adolf Wilhelm Keim litt unter einer Profilneurose. Er war ein Autodidakt mit dem unbedingten Willen, es zum Professor zu bringen und eine „Wissenschaft der Maltechnik“ zu begründen. Goethe war mit seiner Farbenlehre noch gescheitert, aber er und Goethe zusammen, davon war Adolf Wilhelm Keim überzeugt, würden es schaffen. Im Zuge seiner Goethe-Studien las der schwäbische Töpfer auch, wie Goethes Mutter einst Eier haltbar gemacht hatte, so dass es Soleier wurden. Mit flüssigem Quarzsand. Die Eier von Goethes Großmutter bestanden außenrum aus Kalk, und aus Kalk waren auch die königlichen wetteranfälligen Putze. Also, beschloss der Töpfer und Tüftler, muss die Lösung im flüssigen Quarzsand liegen, „Wasserglas" genannt. Auch Goethe hatte schon mit Wasserglas experimentiert, ergebnislos – er, Adolf Wilhelm Keim, war nun also der Nachfolger und Vollender Goethes, was doch fast so viel war wie ein Professor. Das kaiserliche Patent Nr. 4315 für die Befestigung von Mineralfarben auf Wandputz zur Herstellung von Wandgemälden hängt im Foyer der Firma „Keimfarben“ in Diedorf bei Augsburg. Jetzt konnte man rein theoretisch Fresken wie in Pompeij an jede bayerische Hauswand malen und sie würden ungefähr genauso lange halten. Die bunten Marktplatzfassaden in Stein am Rhein sind schon über 100 Jahre alt und sehen aus wie gestern gestrichen. 119 Jahre alt ist der Anstrich eines Schwyzer Rathauses.

„Gott sei Dank gab es um 1870 diese Erdölchemie noch nicht!“ Wenn Peter Neri das Wort Erdölchemie spricht, klingt es ungefähr, wie wenn Adorno „Kulturindustrie“ sagte. Ein Wort wie Abfall. In der Hinsicht ist Neri Fundamentalist. Erdölfarben kleben. Silikatfarben, Salz-Farben also, streng anorganischen Ursprungs, kleben nicht. Sie verbinden sich physikalisch mit dem Untergrund. Darum halten sie auch viel länger. Um eine Silikatfarbe zu zerstören, muss schon der Putz abfallen. Peter Neri beginnt Molekülketten zu zeichnen, und die Silikatfarben-Moleküle sehen eindeutig schöner aus als die anderen.

Trotzdem sind heute fast alle Farben, die wir haben, Erdölfarben. Sie klebten auch, Schicht über Schicht, am Weißen Haus. 13 Schichten!, ruft Peter Neri mit ungespieltem Entsetzen. Und waren die Maler am einen Ende des Weißen Hauses fertig, fingen sie am anderen Ende schon wieder an. Bei Dispersionsfarben ist das so. Schon das „Keimobjekt“ Arlington-House fanden die Amerikaner sehr gut gelungen. Es bekam einen leichten Gelbton mit rosa Einschlag und wurde marmoriert. Spätestens seit Peter Neri das Arlington-House anstrich, wusste er, was in Amerika mit Menschen passiert, die auf der falschen Seite stehen. Denn das Arlington-House gehörte einst dem General Lee, der im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Südstaaten-Seite kämpfte.

Als er zurückkam aus dem Krieg, sah er sein Haus von einem großen Friedhof umgeben. Der Friedhof war neu. Im Oktober 2001, als die Bayern mit dem Weißen Haus anfingen, hatte der Bundeskanzler gerade seine uneingeschränkte Solidarität erklärt. Da gab es noch keine falschen Seiten, obwohl es sich bei den mineralischen Keimfarben natürlich schon damals um eine ziemlich alteuropäische Farbe handelte im Vergleich zu den Erdöl-Klebe-Farben. Unter „Keimfarben“-Anleitung werden die 13 Schichten heruntergeholt. Dass Gebäude richtig Luft kriegen, findet Peter Neri sehr wichtig. Und unter 13 Schichten Ölfarbe atmet keiner mehr.

Aber warum soll das Weiße Haus denn unter Peter Neris Farbe besser Luft kriegen? Weil das Wasser unter unseren Anstrichen von innen nach außen treten kann, sagt Neri. Also kommt es auch viel leichter von außen nach innen, argwöhnen wir. Peter Neri atmet tief und hat plötzlich ein beinahe asiatisches Lächeln im Gesicht. Auf so etwas können die Asiaten immer besser antworten. Peter Neri selbst hat das Badewannen-Gleichnis zum ersten Mal von seinem Mitarbeiter, dem Chef der „Keim Silicate Paints Asia“ gehört.

Das Badewannen-Gleichnis geht so: Wenn der menschliche Körper schwitzt, tritt Wasser von innen nach außen. Trotzdem hat niemand Angst, sich in die Badewanne zu legen. Das Badewannen-Wasser kommt nicht von außen nach innen. Und genauso funktionieren Silikatfarben. – Das ist die einzige Analogie zur organischen Sphäre, die Neri sich erlaubt. Denn der Gegensatz organisch-anorganisch ist im Weltbild des „Keimfarben“-Geschäftsführers konstitutiv. Warum wohl hält es der Schimmelpilz auf Keimfarbenwänden nicht aus? PH-Wert 13, da schüttelt es jeden Pilz. Außerdem bleicht die Sonne nur organische Substanzen (Erdölfarben), der Brillanz mineralischer Farben kann sie nichts anhaben. Und, fügt Peter Neri triumphierend an, unsere Farben verbrauchen Kohlendioxid, anstatt welches zu erzeugen.

Bleibt nur eine Frage. Warum streichen wir dann nicht alle längst mit mineralischen Farben? In keinem Baumarkt stehen „Keimfarben“. Neri schaut auf das Nachbarhaus. Der Nachbar hatte einst auch mit Silikatfarbe gestrichen, jetzt ist sein Sohn mit Dispersionsfarbe darüber gegangen. Neri sieht es mit Schaudern und doch, die Krise ist überstanden. Ende der 50er Jahre sah es trüb aus, Anfang der 60er stand die Firma auf der Kippe, Mitte der 70er gab es in ganz Deutschland noch drei Firmen, die Silikatfarben herstellten. Und die anderen beiden produzierten gemischt, organisch und anorganisch.

Aber sollte denn auch „Keimfarben“, die Erfinderfirma, auf Erdölcolorite umsteigen, nur weil der Kunde jetzt auch bei Farben Fastfood wollte? Deckel auf und los. Bei Keimfarben ging das nicht. Da bekam der Kunde traditionell ein Säckchen mit Pigmenten und einen Eimer Bindemittel, und am Abend vorher musste er alles zusammenrühren und dann öfter mal nachschauen, wie das wurde. Das war so unmodern. Und irgendwann wussten nicht mal mehr die Maler, wie man Silikatfarben verarbeitet. Nur der Denkmalschutz blieb „Keimfarben“ immer treu. Heute gibt es wieder mehr Silikatfarbenhersteller, aber „Keimfarben“ ist die Markenfirma.

Farbsand fürs alte Europa

Töpfe, Eimer, Bottiche, Kübel jeder Größe mit Pigmenten stehen in der großen Halle von „Keimfarben“ in Diedorf bei Augsburg. Die Palette eines Malers ist monochrom gegen diesen Karneval der Farben. Manchmal kommt der Obermischmeister vorbei und schaut abschätzig in ein Gefäß. Man kann sich hier eine ganz persönliche Farbe erfinden lassen, dann kommt eine Probe davon in eine Tüte, und wenn man nach zehn Jahren mit dieser ganz persönlichen Farbe weiterstreichen will, wird sie wieder neu gemischt. Natürlich stellt „Keimfarben“ inzwischen auch rein mineralische Deckel-auf-und-los-Farben her, aber für richtige Alteuropäer ist das nichts. Die wollen den Farbsand. Der Oberfarbmischmeister zuckt etwas zusammen, als er das Wort „Weißes Haus“ hört. Etwas Creme ist da schon drin, so ein Elfenbein-Ton, beginnt er. Ein Ästhet. Nennt ein grämliches Gelb also Elfenbein. Aber weiß, sagt er, weiß in einem strengen Sinne würde er das Weiß des Weißen Hauses nun nicht nennen. Nach der Pentagon-Farbe befragt, zeigt sein Gesicht einen Ausdruck akuten Schmerzes.

Dabei kann „Keimfarben“ stolz sein auf sein Pentagon-Schmutz-Gelbgraubraun. Obwohl ChemMasters aus Ohio nun Inhaber des Auftrags ist, hat der Oberrenovierungsverantwortliche des Pentagon ChemMasters aus Ohio mit seiner neuen Farbprobe erst einmal wieder nach Hause geschickt: Das muss aber noch besser werden! Peter Neri lächelt ein bittersüßes und irgendwie hoffnungsvolles Konkurrentenlächeln. Und wann muss das Weiße Haus das nächste Mal gestrichen werden? Das, sagt Peter Neri mit eigentlich unpassendem Stolz, werde ich nicht mehr erleben, es sei denn, die Amerikaner wollen es einmal rot haben.

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