Zeitung Heute : Wie der Schwindel in die Bilder kommt

HELMUT MERSCHMANN

Grün, gelb und orange sind die Kabel, die sich hundertfach in den offenen Bodenschächten winden, kilometerlang.Sie vernetzen noch den letzten Winkel im erst kürzlich eröffneten "fx.Center".FX steht in der Sprache der Filmfachleute für "effects".Im Neubau auf dem Babelsberger Studiogelände wird an den digitalen Spezialeffekten geschmiedet, ohne die heute keine Filmproduktion mehr auskommt.

Etwas romantisches Mondlicht gefällig? Noch steht ein schnöder Scheinwerfer auf der "Sonnenallee".Der Film von Leander Haußmann rückt die Straße aus Neukölln ins Rampenlicht, an der sich einst Ost und West schieden.Auf Knopfdruck verwandelt sich der Elektrostrahler in einen güldenen Himmelskörper.Was ganz einfach aussieht, erfordert allerdings viel Liebe zum Detail.Um den passenden Mond zum nächtlichen Himmel über Berlin zu bekommen, mußte in Bilddatenbanken aufwendig recherchiert werden.Äußerste "Genauigkeit bei bekannten Referenzen" - so lautet das Ethos im digitalen Handwerk.

Ob nun Monde zu simulieren sind oder Satellitenschüsseln an Häuserwänden verschwinden sollen, ein leeres Sportstadion mit Publikum gefüllt werden muß oder beim Stabhochsprung Bilder aus der Perspektive des Läufers benötigt werden: Die Tricks und Möglichkeiten im Reich der digitalen Effekte sind unbegrenzt.Immer mehr Filme verlassen sich auf die virtuelle Zauberei, wenn sie nicht gleich ganz aus dem Rechner stammen.Das ist oft kostengünstiger als Komparsen anzuheuern, teure Aufbauten zu entwerfen oder auf schönes Wetter zu warten.

Auf diesen sich allmählich auch bei uns entwickelnden Markt der filmischen Postproduktion setzt man im "fx.Center".Unter dem gläsernen Dach des Techniktempels sind fünfzehn Firmen versammelt, jede einzelne unterschiedlich spezialisiert.Man schwört auf Synergien, auf die Arbeit an gemeinsamen Aufträgen, nicht auf Konkurrenz.Der technische Leiter Wolfgang Lempp hebt hervor, daß auch Koproduktionen mit dem Studio Babelsberg anvisiert werden.Die Infrastruktur im High-Tech-Zentrum ist gewaltig - Ergebnis von über 100 Millionen Mark Aufbauhilfe vom Land Brandenburg und der Europäischen Kommission.Das "fx.Center" gilt als das modernste digitale Bild- und Tonbearbeitungszentrum Europas.Ob Film, Fernsehen, DVD oder Multimedia - jede Plattform und jedes Format kann bearbeitet werden.Nach dem Vorbild von Produktionszentren in London und New York ist hier eine digitale Shopping Mall für die Medienindustrie entstanden.

Auf rund 11 000 Quadratmetern sind ein Riesen-Atrium, Büroräume, Schnittplätze und weiterer Raum für Technik und Equipment untergebracht.Drei Studios unterschiedlichen Ausmaßes, eines davon absolut schallisoliert und 600 qm groß, stehen auch externen Produktionen offen.Im kleinsten, dem "virtuellen Studio", lassen sich per Blue-Box-Verfahren Realszenen aufnehmen und später mit beliebigen Hintergründen und virtuellen Sets verbinden."Compositing" nennt sich dieses Verfahren, das alle möglichen Kunstgriffe erlaubt.

So wäre es ein Trugschluß, zu glauben, daß die "Rama"-Familie tatsächlich in der heilen Bergwelt frühstückt.Vielmehr ist die harmonische Runde im Studio aufgenommen und nachträglich in eine Gebirgskulisse versetzt worden.Schön echt sieht es trotzdem aus.Viele Bilder schwindeln - das ist nichts Neues mehr.Was vor der Kamera keinen Platz findet, wird eben nachträglich hinzugemogelt.

Für solche Spezialeffekte werden im "fx.Center" Bildbearbeitungssysteme wie "Domino" und "Inferno" benutzt.Auf leistungsstarken Rechnern wie dem "Onyx 2" von Silicon Graphics können beliebige Tricks und Effekte ausgeführt werden.Auch die Hollywoodfilme "Volcano" und "Forrest Gump" sind auf diese Art entstanden.Für besonders aufwendige Produktionen steht ein Parallelrechner mit 64 Prozessoren bereit.Sein Massenspeicher faßt die für einen neunzigminütigen Spielfilm notwendigen ein Terrabyte.

In der Abteilung 3D-Animation ist augenblicklich die Hölle los.Auf Hochtouren läuft die Arbeit an "Werner III".Hier entstehen Teile des neuen Zeichentrickfilms von Brösel: Alle Szenen, in denen Werners chromglänzendes Motorrad zu sehen ist, werden im Computer animiert.Der Aufwand, all die Schrauben, Kabel und Details vom Chopper per Hand zu zeichnen, wäre zu groß.Allerdings erscheint der hier betriebene Aufwand keineswegs geringer.Denn die Motorradszenen, die bloß fünf Minuten im gesamten Film ausmachen, haben bereits ein Jahr an Vorarbeiten verschlungen.

Noch ist das "fx.Center" nicht komplett eingerichtet.Einiges an Technik fehlt, einige Mieter ebenfalls.Doch die Produktion läuft gut an.Seien es die Morphing-Effekte von Rammsteins Musikclip "Du riechst so gut", ein Sprung von der Siegessäule für den Pro7-Film "Schizo" oder die digitale Restaurierung eines alten Films: In Babelsberg kommt der Schwindel in die Bilder.

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