Zeitung Heute : WIE DER WESTEN MIT MILOSEVIC UMGEHEN MUSS: Kampf dem Spieler

CHRISTOPH MARSCHALL

Slobodan Milosevic kämpft um sein politisches Überleben. Je offensichtlicher der Kosovo-Krieg mit einer bedingungslosen Kapitulation endet, desto stärker wird das Signal für das serbische Volk, den Mann zu stürzen, der es ins Verderben geführt hat. Wollte die Nato dazu beitragen, würde sie es sich nicht antun, mit ihm überhaupt noch zu reden. Aber weil sie einen Geschäftspartner braucht, wenn sie nicht ganz Serbien besetzen will, nimmt sie ihn hin. Allein schon mit ihm zu sprechen, ist das Zugeständnis. Darüber hinaus kann es in der Sache keine geben. Kann man Milosevic trauen? Diese Frage ist längst beantwortet: Die Friedhöfe des Balkan sind voll von seinen gebrochenen Versprechen, hat Bill Clinton formuliert. An Absprachen hält Milosevic sich nur, wenn ihm kein Ausweg mehr bleibt, wenn ihn Gewalt dazu zwingt. Freiwillig wird er weder seine Truppen abziehen noch die Flüchtlinge zurückkehren lassen, noch Autonomie gewähren. Als nun die Gesprächen über Serbiens Rückzug scheiterten, weil er auf Zeit spielte: Hatte die Nato da eine andere Wahl - mußte sie nicht wieder Luftangriffe fliegen?

Die Erfahrungen in Kroatien, in Bosnien, im Kosovo haben den Westen mißtrauisch gemacht. Welche Überraschungen hält Milosevic noch in seiner Trickkiste bereit? Er sucht einen Ansatzpunkt, das internationale Bündnis aufzubrechen. Das Paradoxe ist: Diesem Ziel kann selbst ein unerwartet schnelles Einlenken wie das am Donnerstag in Belgrad dienen. Hatten nicht viele mit Finten gerechnet? Bosnien bietet das Muster - mit einer Ablehnung des G-8-Planes durch das Parlament, woraufhin Milosevic unter Verweis auf dieses "demokratisch legitimierte" Votum Nachverhandlungen gefordert hätte. Der überraschende Durchbruch hat die Europäer im Glauben gewiegt, der Frieden sei nahe. Moskau verlangte die Einstellung der Luftangriffe, und viele werden diesen Reflex geteilt haben - wer sehnt sich nicht nach einem Ende von Tod und Zerstörung? Nur die USA blieben skeptisch.

Milosevic verhält sich wie ein geschickter Hütchenspieler. Der hat bekanntlich am Ende unter keinem der drei Hütchen ein Silberkügelchen liegen, muß das staunende Publikum aber ständig in der Illusion wiegen, es habe eine Chance auf den Hauptgewinn. So lockt auch Milosevic immer mal wieder mit Frieden - um dann die Hütchen in rasende Bewegung zu versetzen, bis die Zuschauer nicht mehr folgen können, um welche Position es gerade genau geht. Gegen diesen Spieler gibt es zwei Chancen: sein Spiel erst gar nicht mitzuspielen oder ihn zu zwingen, alle drei Hütchen gleichzeitig aufzudecken.

Milosevic die eigenen Regeln aufzwingen, das heißt: den Fahrplan zum Frieden zu verfolgen, unbeeindruckt von allen Finten. Der mit Rußland abgestimmte G-8-Plan muß in eine verbindliche Resolution des UN-Sicherheitsrates geschrieben werden, im Idealfall versehen mit der Autorisierung, ihn notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Das wird noch einmal eine schwere Prüfung für Moskau; innenpolitisch wird es mit dem Vorwurf konfrontiert, nationale Interessen zu verraten. Wenn aber die serbischen Generäle zuvor die Nato-Bedingungen akzeptieren würden, dann liefe diese Kritik ins Leere. Neue westliche Milliarden-Kredite werden Rußland die Entscheidung versüßen. Auch China kann sich nun, da es den zehnten Jahrestag des Tiananmen-Massakers ohne neuen Aufruhr überstanden hat, wieder leichter dazu bereit finden.

Und wenn nicht? Die UN haben jetzt die große Chance, wieder zum Herrn des Verfahrens zu werden. Wenn Moskau und Peking sich dieser Verantwortung verweigern, dann wären sie es - und nicht die Nato -, die den Vereinten Nationen zum zweiten Mal ihren legitimen Einfluß rauben.

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