Zeitung Heute : Wie die Bilder laufen lernen

HELMUT MERSCHMANN

Reebok hat es, 3Com hat es, Disney schon lange und Harald Schmidt auch: Um die eigene Homepage auf Trab zu bringen, setzen immer mehr Anbieter auf Shockwave und Flash, zwei Zusatzprogrammen von Makromedia . Mit ihrer Hilfe lernen die Computerbilder laufen. Bunte Bälle hüpfen nun über die Bildschirme und verwandeln sich, sobald man sie anzuklicken versucht. Objekte beginnen sich zu bewegen, begehbare Räume tauchen auf, kleine Animationen spulen sich ab. Eindeutige Indizien für "geflashte" Webseiten.

Flash-Ästhetik ist momentan ungemein hip. Kein Wunder, denn sie erinnert an die Zeichentrick-Kultserien im Fernsehen. Die "Simpsons" oder die auch bei uns bald startende US-Serie "Southpark" haben vorgemacht, wie sich trotz einer auf das Allernötigste reduzierten Optik schnell der Kultfaktor einstellt. Lediglich der Witz muß stimmen. Das steht nun auch im Internet bevor. Denn viele Flash-Sites sehen ähnlich aus: kunterbunt aufgemacht, zweidimensional gezeichnet und plakativ in der Anmutung. So gibt es schon einen Ableger von " Southpark " im Internet, wo Cartman Beefcake und Dead Kenny ihr Unwesen treiben.

Flash und Shockwave sind kleine Darstellungsprogramme, das als Plug-in in jeden Browser integriert werden bzw. meist schon enthalten sind. Anders als herkömmliche Videoformate, bietet sich Flash aufgrund der knappen Bandbreiten im Internet gerade zur Animation einfacher Layouts an. Klaus Seiler, Mitarbeiter der Berliner Multimedia-Agentur " 3000 communications ", erklärt das Prinzip: "Man kann dem Programm sagen, zeichne eine Linie oder einen Kreis und spiele einen Sound. Das Gute dabei ist, daß man auf einmal geladene Objekte zurückgreifen und sie verschieben, vergrößern oder die Farbe ändern kann. Man muß also keine ganzen Bilder übertragen, sondern nur Linien und deren Führung bestimmen." Richtige Filme mit Szenen und Einstellungswechseln lassen sich inszenieren. Die Dateien sind dann zwar ziemlich groß, doch durch geschicktes Timing - indem zuerst der Sound angespielt oder ein Intro eingelegt wird - läßt sich tote Wartezeit vermeiden.

"3000" ist eine Agenturen, die sich auf Flash-Websites spezialisiert haben. Ihre eigene Homepage gehört zu dem Avanciertesten, was die Flash-Technologie derzeit zu bieten hat Über eine Startseite mit sensitiven Navigationsfelder, unterspült von modernen House-Klängen, gelangt man beispielsweise in eine Discothek, wo man an der Bar einer coolen Schönheit einen Drink spendieren oder sich vom DJ den neuesten Musiktitel vorspielen lassen kann ( www.disco3000.com/disco/d1.html ). Wie auch der animierte Chatraum im Stil einer Cocktailbar aus den 50er-Jahren wollen solche Referenzprojekte die Auftraggeber zum Einsatz von Flash motivieren.

Daß Flash beim Webdesign voll im Trend liegt, zeigen die vielen neugestalteten Webseiten. Die Münchner Agentur " EYE4U " hat unlängst zum Start der Sat.1-Nachrichtenshow " Newsmaker " den Zeichenzauberstab angesetzt. Bei den Disney Studios ist Flash seit langem im Einsatz und wird ständig aktualisiert, ebenso wie auf den Internet-Seiten der Harald-Schmidt-Show oder der Homepage von 3Com , dem Hersteller des Taschencomputers Palmpilot. Selbst bei der Vermittlung eines medizinischen Fachgebietes, der Funktionsweise des HIV-Virus, bietet sich diese Technologie an, wie das Beispiel des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche zeigt.

Längst ist das kleine Tool nicht mehr nur kommerziellen Profiseiten vorbehalten. Auch Webkünstler arbeiten mit Flash. Als Grafikformat, das über Vektoren definiert wird, bietet es die Möglichkeit eines gleichbleibenden Erscheinungsbildes, unabhängig von den Voreinstellung des jeweiligen Computers. Jeden Grafikdesigner muß es nämlich nerven, daß der Nutzer die Bildschirmauflösung ändern, die Farbskalierung oder den Browser manipulieren kann. Schon ist das mühsam erstellte Layout nicht mehr wiederzuerkennen.

Eines der renommiertesten Web-Art-Projekte, das die Funktionsweisen von Flash voll ausschöpft, ist das " Remedi Project ". Dort werden vierteljährlich die neuesten Arbeiten von einer Vielzahl von Flash-Künstlern vorgestellt. Schon die Startseite ist ansprechend gestaltet, auf der zu den Klängen einer eingängigen Musikschleife ein Schmetterling in Überlebensgröße über den Monitor hascht. Die einzelnen Arbeiten lassen sich separat anschauen.

Initiator George Ulm hat mit seinem "Ergoactive Soundscape" besonders auf die interaktiven Möglichkeiten der Flash-Software abgehoben. Und auf die gute Tonqualität. Nach weniger als einer Minute ist eine Art Scratch-Pad geladen, auf dem man verschiedene Hör-Landschaften bespielen kann. Streicht man im Menü "Rainforest" mit dem Mauszeiger über die blauen Punkte, ertönt ein Konzert verschiedener Tierstimmen, das je nach Bewegung an- oder abschwillt. Eine gelungene Illusion, genau wie "Ultra Clean" von George Larou, bei der der eigene Bildschirm von innen per Putzschwamm vom angesammelten Schmutz gereinigt werden kann. Das ist manchmal nötig.

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