Zeitung Heute : Wie die Kirche den Kopf verliert

Paul Kreiner[Rom]

Johannes Paul II. ist noch im Krankenhaus. Wenn er es gesundheitlich nicht mehr bewältigen sollte, könnte ein Papst dann von seinem Amt zurücktreten?

Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, so etwas wie der Chefpolitiker des Vatikans, drückte sich wolkig aus. Und schon wuchern die Spekulationen, umso mehr als die Kirchenleitung sich erst Donnerstag wieder zum Zustand des Papstes äußern will. Auf die Frage, ob Johannes Paul II. wegen seiner Krankheit zurücktreten werde, sagte Sodano: „Überlassen wir das seinem Gewissen.“ Der Papst hat einen Rücktritt nie öffentlich in Erwägung gezogen; er will sein Amt „so lange ausüben, wie es der Wille Christi ist“. Jesus, so sagte er „ist ja auch nicht vom Kreuz herabgestiegen“. Und: „Es gibt keinen Platz für einen emeritierten Papst.“

Laut Kirchenrecht kann ein Papst jederzeit zurücktreten. Kanon 332 des von Johannes Paul II. im Jahr 1983 reformierten Paragrafenwerks setzt das als selbstverständlich voraus und bestimmt: „Sollte der Papst auf sein Amt verzichten, ist zur Gültigkeit verlangt, dass der Verzicht frei geschieht und hinreichend bekannt gemacht, nicht jedoch, dass er von jemandem angenommen wird.“ Mit anderen Worten: In der Form des Rücktritts ist der Papst frei. Ob er einen Brief an die Kardinäle schreibt oder ob er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus die Gläubigen informiert, spielt keine Rolle. Der Vorgang muss nur öffentlich transparent sein.

Auch kann der Papst von niemandem abgesetzt werden, nicht einmal von einem allgemeinen Konzil. Sollte er zurücktreten, würde – wie im Falle seines Todes – 15 bis 20 Tage später das Konklave zur Wahl eines Nachfolgers beginnen.

Offen ist, was bei einer dauerhaften Verhinderung des Papstes passiert. Sollte Johannes Paul II., was derzeit befürchtet wird, die Sprache verlieren, könnte er noch mit Zeichen agieren. Aber was, wenn er unfähig wird, seinen Willen kundzutun. Ungeregelt ist, dass ein Papst Alzheimer bekommt und womöglich über Jahre hinweg keine Entscheidungen mehr treffen kann. Während eines solchen Siechtums wäre die katholische Kirche gelähmt; das Kirchenrecht bestimmt (Canon 335): „Bei Vakanz oder völliger Behinderung des römischen Bischofsstuhls darf in der Leitung der Gesamtkirche nichts geändert werden.“

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