Zeitung Heute : Wie die Schule in Schwung kommt

Nach der ersten Pisa-Studie begannen Schulreformen. Sie brauchen Zeit, um zu wirken. Ein Plädoyer

Olaf Köller

Fehlt es unseren Schulen an Reformkraft? Ende 2004 hat die zweite Pisa-Welle Deutschland erreicht, und die Befunde des internationalen Vergleichs wiesen erneut auf Schwächen deutscher Schülerinnen und Schüler hin. Schnell waren wieder die Ursachen gefunden, die sich stark auf das gegliederte Sekundarschulsystem bezogen und die fehlende Reformbereitschaft aller Beteiligten anprangerten, sprich: Politik, Schulaufsicht, Schulleitung und Kollegien.

Übersehen wurde, dass seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Herbst 2001 bis zur Testreihe im Frühjahr 2003 kaum mehr als 18 Monate vergangen waren. Reformmaßnahmen hatten also nicht länger als eineinhalb Jahre Zeit durchzuschlagen. In der internationalen Debatte über Schul- und Unterrichtsentwicklung ist man sich aber einig, dass einmal etablierte Reform-Maßnahmen zehn bis fünfzehn Jahre benötigen, um in den Bildungserträgen sichtbar zu werden. Diese Zeit hatte das deutsche System nach Pisa 2000 nicht. So ist in der Diskussion zu kurz gekommen, dass viele Maßnahmen ergriffen wurden, die langfristig gute Chancen haben, sich in besseren Schülerleistungen niederzuschlagen. Vier dieser Maßnahmen sind die Sprachlernklassen, das Sinus-Programm, die Ausdehnung des Ganztagesangebots und die Nationalen Bildungsstandards.

Bei der ersten Pisa-Studie wurden die großen sozialen und ethnischen Unterschiede deutlich. Die Leistungen und Kompetenzen vieler sozial benachteiligter Jugendlicher sowie Schüler nicht deutscher Herkunft lagen auf einem Niveau, bei dem man sich Sorgen um ihren erfolgreichen Einstieg in die Berufsausbildung machen musste. Daraufhin wurden in Bayern Sprachlernklassen eingeführt, um ausländische Schüler beim Erwerb der Unterrichtssprache Deutsch zu unterstützen. In relativ kleinen Gruppen mit zwölf bis fünfzehn Teilnehmern erhalten sie fünfzehn Wochenstunden Deutschunterricht von speziell ausgebildeten Lehrkräften. Die übrige Zeit verbringen sie im Klassenverband, um die Integration zu erleichtern. Eine Mittags- und Hausaufgabenbetreuung bietet weitere Möglichkeiten des Unterstützens.

Ähnliche Fördermöglichkeiten eröffnet das durch die Bundesregierung aufgelegte Ganztagesprogramm, bei dem die klassische Zeittaktung der Vormittagsschule zugunsten eines Angebots bis in die Nachmittagsstunden aufgegeben wird. Dadurch ergeben sich zusätzliche Lerngelegenheiten, die sich nicht nur auf Fachaspekte, sondern auch auf den Bereich des sozialen Lernens beziehen.

Bereits in den Neunzigerjahren hatte uns die Studie Timss aufgeschreckt, in der deutschen Schülerinnen und Schülern schwache Leistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften attestiert wurden. Videoanalysen von 100 Unterrichtsstunden legten nahe, dass die Ursachen für das schwache Abschneiden im Unterricht selbst zu suchen waren.

Die Reaktion erfolgte prompt, indem das so genannte Sinus-Programm zur Effizienzsteigerung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts auf den Weg gebracht wurde. Bei Sinus wird in den beteiligten Schulen auf die Weiterentwicklung und Optimierung des Unterrichts durch Kooperationen in den Lehrerkollegien gebaut. In den Schulen arbeiten die Fachkollegien an ausgesuchten Fragestellungen. Gemeinsam wird der bisherige Unterricht hinterfragt. Die Lehrer erproben neue Zugänge und Unterrichtskonzepte und hospitieren gegenseitig im Unterricht. Der Unterricht wird zum Zweck der Rückmeldung auf Video aufgenommen. Die Lehrer tauschen Materialien aus. Um diese ungewohnten Maßnahmen erfolgreich einzuführen, wird ein breites Fortbildungsangebot angeboten. Sinus wird wissenschaftlich begleitet und kann als Musterbeispiel dafür gelten, wie Befunde der großen Leistungsstudien in die Praxis fließen.

Ende 2003 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) als direkte Reaktion auf Pisa nationale Bildungsstandards für den mittleren Abschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) verabschiedet. Im August 2004 folgten die Entwürfe für die Naturwissenschaften, und im Oktober lagen die entsprechenden Standards für den Hauptschulabschluss vor, ebenso die Standards für Deutsch und Mathematik in der Grundschule. Sie benennen verständlich die wesentlichen Ziele pädagogischer Arbeit und Kompetenzen der Schüler zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Bildungsbiografien. Sie haben damit zwei wesentliche Funktionen: Sie definieren für Schulen verbindliche Zielvorgaben, lassen aber im Sinne der Eigenverantwortung von Schule Freiräume, wie diese Ziele erreicht werden können.

Zum anderen werden die Kompetenzen in den Standards so beschrieben, dass sie in Aufgaben umgesetzt und mit Hilfe von Tests überprüft werden können. Gerade ihre Messbarkeit zeichnet sie aus. So kann zu bestimmten Zeitpunkten festgestellt werden, ob und in welchem Ausmaß Schülerinnen und Schüler für das weitere Leben gerüstet sind oder ob das Bildungssystem optimiert werden muss. Zugleich werden Schulen Aufgaben bereitgestellt, um sie für die konkrete Arbeit im Unterricht zu nutzen. Jenseits aller Implikationen für die Überprüfung der Bildungsstandards bieten die Arbeiten, die Ende 2004 aufgenommen wurden, die große Chance, Schulen Unterrichtsmaterial zur Verfügung zu stellen, das deren Arbeit weiter stärken wird.

Diese Beispiele haben einen Ausschnitt der Maßnahmen in Folge der großen Schulleistungsstudien skizziert. Sie zeigen, dass das Reformtempo im deutschen Bildungswesen hoch ist und jede Maßnahme etwas Zeit braucht, damit sie sich in den entsprechenden Bildungserträgen niederschlagen kann. Auf jede neue Pisa-Veröffentlichung zu starren, um die Effekte solcher Maßnahmen zu bewerten, trivialisiert die Dinge sicherlich.

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