Zeitung Heute : "Wie die Titanic vor dem Eisberg" - Expertentreffen in Berlin

Sonja Bonin

Die Bildungskrise ist in aller Munde, ausländische Experten sollen Defizite im deutschen Ausbildungssystem füllen. Anlass genug für den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die "großen fünf" unabhängigen Wissenschaftsorganisationen an einen Tisch zu bringen. Die Generalsekretäre der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) trafen sich in Berlin, um über Reformen und neue Projekte zu sprechen.

"Wir verhalten uns, als wären wir auf der Titanic: Der Eisberg kommt auf uns zu, und wir streichen die Reling, während wir uns über die Farbnuancen streiten", beschreibt Barbara Bludau, Generalsekretärin der MPG, die verzweifelten Versuche verantwortlicher Politiker und Bildungsexperten, die gegenwärtigen Probleme zu lösen. "Die Deutschen verschließen die Augen vor der Möglichkeit, dass ihr Wohlstand gefährdet sein könnte." Mit ihrer alarmierenden Kritik stand die Generalsekretärin der Max-Planck-Gesellschaft allerdings allein. Ihre Kollegen betonten viel mehr ihre Erfolge mit neuen, internationalen Projekten, die vom Stifterverband oft unterstützt werden.

Die Grenzen in der Wissenschaft fallen

Die Studienstiftung beispielsweise finanziert jungen Leuten ein Studium in einem europäischen Land. Ihr Hölderlin-Jahresstipendium deckt auch zwei Sprachkurse ab, sowohl in der Sprache des Gastgeberlandes als auch in einer weiteren europäischen Sprache. Daneben scheint Gerhard Teufel, der Generalsekretär der Studienstiftung, vor allem interessiert daran, dem Image als Kaderschmiede für den akademischen Nachwuchs entgegen zu wirken. Immerhin sind 15 Prozent der deutschen Professoren ehemalige Stipendiaten der Stiftung. Eine internationale Management-Akademie und Praktika bei multinationalen Organisationen wie der Europäischen Union und den Vereinten Nationen stehen neu auf dem Programm. Der DAAD will gemeinsam mit den Goethe-Instituten und den deutschen Hochschulrektoren einen Test für Deutsch als Fremdsprache auflegen, um endlich eine der vielen Hürden für ausländische Studenten an deutschen Hochschulen beseitigen.

Eine internationale Gutachtergruppe hatte unlägst die DFG und die Max-Planck-Gesellschaft bewertet. Sie forderte beide zu mehr Kooperation mit den Universitäten und anderen Forschungsinstituten und zur Konzentration auf zukunftsträchtige Forschungsgebiete auf.

China gilt als Zukunftsmarkt

So will die DFG ihre Aktivitäten in China durch ein eigenes Forschungszentrum verstärken. Sie hat ihre Programm auch für ausländische Hochschulen geöffnet, Wissenschaftler aus aller Welt dürfen sich um die begehrten Sonderforschungsbereiche bewerben. Die Max-Planck-Gesellschaft will künftig mehr Direktoren gemeinsam mit den Hochschulen berufen. "Allerdings ist das nicht unproblematisch", erklärte Hubert Markl, Präsident der MPG am Rande eines Treffens der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung in Berlin. "Diese Spitzenleute sind dann durch ihre Lehrverpflichtungen an den Unis stark eingebunden und sollen gleichzeitig ein Forschungsinstitut leiten." Außerdem hat die DFG ein transatlantisches Graduiertenkolleg etabliert. Unklar bleibt, warum ausgerechnet Immanuel Kant im Mittelpunkt dieses Kollegs steht. Wäre es nicht sinnvoller und "zukunftsträchtiger" gewesen, ein Expertennetz zu aktuellen ethischen Fragen wie der Gentechnik oder der Atomenergie aufzubauen?

Mit ihren inhaltlichen Veränderungen wollen die Forschungsorganisationen der drohenden Abwanderung hervorragender deutscher Wissenschaftler ins Ausland entgegenwirken. Unbeeindruckt davon verwahrte sich DAAD-Generalsekretär Christian Bode gegen den Eindruck, die Wissenschaftsorganisationen hätten deutsche Außen- und Wirtschaftspolitik zu betreiben. Andererseits kritisieren führende Bildungspolitiker immer wieder, dass die Bildung in Deutschland zu wenig Beachtung fände.

Um dies zu ändern, möchte Manfred Ehrhardt, Generalsekretär des Stifterverbandes, die Eliten fördern und Studiengebühren einführen. Auch befürwortete er, dass sich die Hochschulen ihre Studenten durch Eignungsprüfungen selbst heraussuchen dürfen. Er kritisierte, dass die unabhängigen Organisationen für eine dringend notwendige Bildungsoffensive bisher zu wenig Vorschläge geliefert hatten.

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