Zeitung Heute : Wie die Weltmeister

Das Prinzip vom Wachstum jenseits der Leistungsfähigkeit hat in der Wirtschaft längst Einzug gehalten

Maren Peters

Tour-de-FranceSieger Floyd Landis ist wahrscheinlich nicht ohne ausgekommen, Radstar Jan Ulrich hat möglicherweise darauf zurückgegriffen und auch 100-Meter-Weltrekordler Justlin Gatlin steht im Verdacht, seine Bestzeit mit Hilfe von Doping ersprintet zu haben. Alle drei verbindet ein Ziel: Sie wollten besser, schneller, erfolgreicher sein als die Konkurrenz. Um selbst dann noch neue Rekorde aufzustellen, wenn die Grenze der natürlichen Leistungsfähigkeit längst erreicht ist.

Das Prinzip vom Wachstum jenseits der Grenzen hat auch in der Wirtschaft längst Einzug gehalten. Durch den Einsatz von Hightech in der Autoproduktion und Gentechnik in der Medizin und der Ernährungswirtschaft erwarten Experten noch viel größere Sprünge.

Mit Hilfe eines gentechnisch eingebauten Wachstumshormons bringt etwa die US-kanadische Firma „A/F Protein“ Lachse dazu, dreimal so schnell zu wachsen wie natürliche Artgenossen. Dadurch können die Lachse, die noch auf die Zulassung der US-Aufsichtsbehörde FDA warten, schneller geschlachtet werden. Bei Kühen schaffen es Bauern mit Hilfe hoch konzentrierten Kraftfutters und extremer Züchtung, die Milchproduktion so anzukurbeln, dass die Tiere unter der Last des Euters fast zusammenbrechen und anfälliger für Krankheiten werden.

Gentechnisch veränderte Proteine, Enzyme und Aromen sind gerade dabei, eine große Karriere in der Ernährungsindustrie zu machen. In den USA benutzen Eishersteller ein künstlich hergestelltes Protein, um Eis softiger zu machen und den Fettgehalt um zehn bis 20 Prozent zu senken. Gentechnisch hergestellter Lab lässt auch hierzulande Käse schneller reifen. Künstliche Enzyme helfen auch Bäckern: Sie halten die Brötchen länger frisch. „Im Vergleich zu konventioneller Herstellung sind die neuen Zusatzstoffe billiger, reiner und oft auch umweltfreundlicher“, sagt Klaus-Dieter Jany, der Leiter des Molekularbiologischen Zentrums an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Vom Einsatz dieser Biomoleküle, die chemische Prozesse beschleunigen und Massenproduktion mit ermöglichen, ahnt der Verbraucher nichts: Sie müssen weder zugelassen noch gekennzeichnet werden.

Nicht nur in der Ernährungsbranche wird Wachstum in der Grauzone generiert: An den Finanzmärkten locken Banken risikobereite Investoren in fantastisch anmutende Superrenditen. Technologiekonzerne steigern die Leistung von Mikrochips ins Unendliche, und ein Autokonzern wie VW baut mit dem Bugatti Veyron 16.4 ein Turbo-Auto, von dem Experten sagen, dass damit die Grenze des Vorstellbaren überschritten wurde. „Ich glaube nicht, dass wir schon am Ende der Entwicklung stehen“, sagt ein Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie.

Der Amerikaner Dennis L. Meadows hat schon vor 30 Jahren prophezeit, dass das nicht ewig so weitergehen kann. „Die Grenzen des Wachstums“ nannte er seine 1972 im Auftrag des „Club of Rome“ veröffentlichte Studie, von der bis heute zwölf Millionen Exemplare verkauft worden sind. Seine Kernthese: Wenn die Industrie weiterhin so wächst, die Umwelt weiterhin so verschmutzt wird, die Weltbevölkerung sich weiterhin so stark vermehrt, dann wird die Welt bis spätestens 2100 ihre Wachstumsgrenze überschreiten und kollabieren.

Doch auch 30 Jahre später ist ein Ende des Wachstums nicht abzusehen. Anders als von Meadows befürchtet, versprechen viele neue Entwicklungen auch Rettung – vor schweren Krankheiten oder Hunger. Die Firma Syngenta etwa setzt molekularbiologische Methoden ein, um zielgenau Gene im Reis aufzuspüren, die Trockenheit besonders gut vertragen oder resistent sind gegen Krankheiten – um diese Eigenschaften dann mit konventioneller Züchtung zu vermehren. Sogar Greenpeace, sonst größter Kritiker der Gentechnik, lobt die Methode als „Riesenschritt“ mit „unbegrenztem Potenzial“.

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