Zeitung Heute : Wie dürfen Mädchen Sekt trinken?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

In letzter Zeit habe ich wiederholt junge Frauen oder Mädchen, gesehen, die in der Öffentlichkeit, also zum Beispiel auch in der U-Bahn, Sekt aus der Flasche trinken. Ich finde das sehr ungehörig. Die Hitze rechtfertigt doch nicht alles, oder?

Auf den ersten Blick ist Ihre Empörung sicher nicht ganz grundlos. Schließlich gibt es genug Zeitgenossen, die sich noch erinnern können, dass Essen auf der Straße verpönt war, Frauen kaum allein in Restaurants gehen mochten, geschweige denn, dort Alkohol bestellten. Und in der Öffentlichkeit zu trinken, gar aus der Flasche? Das war vor allem für Bier trinkende Maurer okay, damit sie gängige Klischees bedienen konnten. Klischees zu überwinden, rangiert in meiner persönlichen Hitliste der Gesten guten Benehmens allerdings ziemlich weit oben. In der Öffentlichkeit aus Wasserflaschen zu trinken, ist inzwischen weitgehend gesellschaftlich akzeptiert. Das hat auch einen ganz vernünftigen Grund. Es ist ganz einfach gesund, möglichst viel Wasser zu trinken, besonders bei großer Hitze. Trotzdem handeln viele Menschen, vor allem ältere, nicht entsprechend. Wenn die immer wieder daran erinnert werden, zum Beispiel durch fröhlich-anarchischen öffentlichen Wassergenuss, kann das nur gute Folgen haben. Das heißt aber, dass gegen Flüssigkeitszuführung aus der Flasche grundsätzlich nichts zu sagen ist. Sekt zu trinken, gilt natürlich nach wie vor als nicht besonders gesund, auch wenn es vergnüglich sein mag (falls der denn bis in die U-Bahn kalt geblieben ist). Theoretisch müsste man es also tatsächlich verurteilen, wenn junge Frauen sich so in der Öffentlichkeit präsentieren. Leider gelingt mir das nicht.

Frauen haben sich lange so viel härteren Einschränkungen unterwerfen müssen, auch was Benehmen betrifft. Wenn ich so ein Mädchen mit Sektflasche sehe, muss ich jedes Mal lächeln. Es zeigt eben auch, dass sie sich doch bewegt, die Emanzipation. Und zwar vorwärts.

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