Zeitung Heute : Wie ein riesiges Puzzle

Ein Airbus hebt nur ab, weil Einzelteile aus aller Welt genau da gelandet sind, wo sie hingehören

Annette Fahrendorf

Bevor ein Airbus fliegt, fliegen erst mal fast alle seine Teile: Von dort, wo sie gebaut werden, nach Hamburg oder Toulouse, wo sie eingebaut werden. Die Flügel kommen aus England, die vordere und hintere Rumpfsektion aus Deutschland, die Mitte aus Frankreich, die Höhenleitwerke aus Spanien und die Seitenleitwerke aus Deutschland. Es entsteht ein Flugzeug, das gerade dem US-amerikanischen Konzern Boeing die Weltmarktführerschaft abgerungen hat: mit 305 im vergangenen Jahr ausgelieferten Verkehrsflugzeugen und damit 52 Prozent Marktanteil. Eine Leistung von Ingenieuren, Technikern – und ganz besonders auch von Logistikern.

Dass in Europa überhaupt große Verkehrsflugzeuge gebaut werden, ist Ergebnis einer politischen Entscheidung. Die Regierungen von England, Frankreich, Deutschland und Spanien legten Anfang der 70er Jahre fest, dass und welchen Anteil jedes Land an der Produktion der Flugzeuge leistet. Die logistische Herausforderung besteht darin, die sich aus der Quotenregelung ergebenden Zusatzkosten möglichst gering zu halten. Tore Prang von der Airbus-Pressestelle in Toulouse sagt dazu: „Aus einem politischen Geflecht ist ein effizientes ökonomisches System geworden." Inzwischen haben sich aus den verschiedenen Zuständigkeiten heraus 16 Kompetenzzentren entwickelt. In Zusammenarbeit mit regionalen und internationalen Zulieferern werden dort ganze Flugzeugsektionen gefertigt. Eine gesamteuropäische Erfolgsgeschichte, an der weltweit 48 500 Mitarbeiter Anteil haben.

Je größer das Flugzeug, desto größer die Einzelteile. Mit riesigen Frachtflugzeugen, über Straßen und Wasserwege, wird dann alles in Hamburg oder Toulouse zur Endmontage zusammengeführt. Allein 24 fest angestellte Piloten beschäftigt Airbus, um Material zwischen den einzelnen Standorten hin- und herzufliegen. Jedes Flugzeug wird nach den Bedürfnissen der Fluggesellschaft ausgestattet. Von der Art der Bestuhlung bis zur Farbe der Nackenkissen ist alles wählbar. Deshalb muss sichergestellt sein, dass jedes Teil genau da landet, wo es hingehört und dann, wenn es gebraucht wird. Airbus hat diesen Part an Dienstleister abgegeben. Die Logistik für das Innenleben der kleineren Airbusse, die in Hamburg ausgestattet werden, hat die Firma Anker Leschaco GmbH & Co. KG übernommen. „Wir verwalten alles, was der Passagier in der Kabine sieht und was zu seinem Wohlbefinden und seiner Sicherheit an Bord beiträgt“, sagt Wolfgang Laue, Geschäftsführer der Leschaco-Tochter AF2M. Dafür ließ Leschaco eine spezielle Lager- und Verwaltungssoftware entwickeln, die mit den Systemen bei Airbus verbunden ist.

Wenn der Airbus A 380 nächstes Jahr seinen Jungfernflug antritt, soll auch das neue Kabinenausstattungszentrum von Leschaco fertig sein. 66 Mitarbeiter sollen dann dafür sorgen, dass von der Küche bis zum „Rauchen Verboten"-Schild alles zur rechten Zeit am rechten Ort ist. „Wer hier Karriere machen möchte, sollte selbstständig arbeiten können und verhandlungssicher Englisch sprechen“, sagt AF2M-Chef Laue. Außerdem werden Verlässlichkeit, Genauigkeit und Sicherheit im Umgang mit Computerprogrammen gefordert.

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