Zeitung Heute : Wie eine Droge

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Sozialhilfe, so formulierte vor 70 Jahren der Gründer des modernen amerikanischen Wohlfahrtsstaates, Franklin D. Roosevelt, „ist ein Droge, denn sie verursacht eine schleichende Zerstörung der menschlichen Gesinnung“. Damals waren durch die Weltwirtschaftskrise hundertausende Menschen in Not geraten und erstmals in seiner Geschichte sprang der USStaat helfend ein. Trotzdem blieb der Präsident skeptisch seiner eigenen Politik gegenüber – ein Misstrauen, was die amerikanische Sozialpolitik bis heute prägt. Ihr Credo ist, dass zunächst einmal der Einzelne für sein Lebensschicksal verantwortlich ist und nicht die Allgemeinheit. So kennen die USA keine gesetzliche Krankenversicherung. Die Bürger sind privat versichert, etwa ein Fünftel haben gar keinen Schutz. Preiswerte Policen zahlen bei schweren Erkrankungen nicht. Wer sich gegen Krebs oder Aids versichern will, muss dagegen sehr hohe Prämien berappen. Die Arbeitslosenversicherung zahlt maximal sechs Monate. Wer danach keinen Job gefunden hat, dem stehen nur noch Lebensmittelmarken zu, damit er nicht verhungert. Sozialhilfe existiert nur für Frauen mit Kindern unter 18 Jahren. Bis 1996 zahlte sie notfalls unbegrenzt, wenn sich die Familie nicht anders über Wasser halten konnte. Damit ist inzwischen Schluss. Nun bekommt jeder lebenslang noch maximal fünf Jahre Geld. Eine staatliche Unterstützung sollte einfach grundsätzlich nicht ohne Zeitbegrenzung sein, argumenierten damals die Republikaner und setzten sich durch. Denn alles andere untergrabe die Arbeitsmoral und verleite zu Müßiggang. M.G.

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