• Wie eine tägliche Umarmung „Bei Büchern werde ich eifersüchtig“ Wenn Lesen krank macht „Im Krankenhaus liest man Lyrik“

Zeitung Heute : Wie eine tägliche Umarmung „Bei Büchern werde ich eifersüchtig“ Wenn Lesen krank macht „Im Krankenhaus liest man Lyrik“

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Leselust? Aber ja. Vielleicht nicht so unmittelbar wie das Bedürfnis zu essen, aber tiefer gehend als der Heißhunger auf eine Zimtrosinenschnecke. Und mindestens so elementar wie der Wunsch, einmal am Tag umarmt zu werden. „Wer sie nicht liest, ist verloren“, hat Pablo Neruda über die Erzählungen von Julio Cortázar geschrieben. Es wäre „wie eine schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen.“

Man kann das ruhig grundsätzlicher sagen: Wer nicht liest, ist verloren. Welche Teile seiner Persönlichkeit er dabei nach und nach verliert, muss aber jeder selbst erfahren – wenn er beim Lesen zuvor einmal etwas gewonnen hat. Denn Lesen ist nicht einfach Lesen. Es ist das Erhabene einer Hölderlinschen Elegie und die trockene Coolness eines Krimis von Raymond Chandler. Die verlangsamende Konzentration eines Texts von Miklos Mészöly und das nach vorne preschende Tempo von Jack Kerouac. Der fröhliche Irrsinn bei Robert Walser und die tödliche Stille bei Marguerite Duras. Wer will ich heute sein? Gregor Dotzauer

Tagesspiegel-Literaturredakteur

LUST

Nach einem schweren Unfall musste die Schriftstellerin Birgit Vanderbeke („Alberta empfängt einen Liebhaber“) fast ein halbes Jahr mit gebrochenem Rücken im Bett liegen, „von der Schulter bis zum Becken einzementiert“. Zu den Schmerzen kam die Ungewissheit, ob sie wieder ganz geheilt werden würde.

Haben Sie viel gelesen in dieser Zeit?

Im Krankenhaus nicht, da stand ich unter Morphium. Aber dann: alles. Alles hab ich noch mal gelesen, Tschechow, Johnson, Tolstoi, Borges… Ich brauchte das Gefühl von etwas Vertrautem, das Gefühl, es hat etwas vor dem Unfall gegeben. Das Leben war ja wirklich durchgeschnitten in dem Moment. Das ist was ganz anderes als eine Grippe – da macht man die Augen zu, schläft, wartet bis das Fieber sinkt, steht auf und macht weiter. Das war schon ein existenzieller Schnitt. Da habe ich dringend Rat gebraucht und überall gesucht, weil ich ja nicht wusste, wie es weitergeht in meinem Leben.

Und, haben Sie Rat gefunden?

Naja, Teilgefunden. Natürlich kann einem ein Cortassa auch nicht sagen, wie es sich lebt mit einem gebrochenen Rücken. Aber jedenfalls hat er mit mir gesprochen. Literatur ist für mich eine Stimme, und wenn ich lese, ist die bei mir. Ich kann mich mit ihr unterhalten, ich kann sie was fragen, und manchmal antwortet sie mir. Das ist kein seelsorgerischer Effekt, man beichtet ja nicht. Aber man kann sich mit der Literatur verständigen, und dann hilft sie einem. In so einer Situation fehlen einem ja in der Regel Menschen. Man kriegt die erste Woche unglaublich viel Blumen und Trost und so, aber dann ist auch gut. Dann fehlen einem Menschen. Und ich wollte meinem Mann und meinem Sohn gegenüber die Krankheit auch nicht ausbreiten, sondern möglichst zurücknehmen, damit die ihren Alltag weiterleben können. So ist man ziemlich alleine. Und dann ist es gut, wenn man es schafft, in dem, was man liest, Menschen zu sehen. Bei Proust und Musil hab ich richtig das Gefühl, die kenn ich persönlich.

Wie unterscheidet sich das vom Gespräch mit realen Menschen?

Naja (lacht), Literatur ist geduldiger. Es waren für mich ja auch keine unerwarteten, neuen Gespräche, sondern Vertiefungen eines Gesprächs, das ich schon geführt habe. Ich war ganz stark auf der Suche nach was Vertrautem, darum habe ich auch sehr ritualisiert ferngesehen und Musik gehört. Immer wieder dasselbe, immer wieder dasselbe.

Haben Sie auch Hörkassetten gehört?

Nie. Ic h höre nie Bücher. Da werde ich viel zu eifersüchtig. Hören, das kann ja jeder, aber ich brauche die Intimität zwischen mir und dem Buch. Sonst spricht das doch mit allen. Das könnte ich nicht ertragen. Das Buch spricht in dem Moment des Lesens nur mit mir.

Die Fragen stellte Susanne Kippenberger

INTERVIEW

Der 50-Jährige war von guter körperlicher Kondition. Bedenklicher sah es mit der Psyche aus. Manchen schönen Acker veräußerte der ehemals Vermögende, um sich – Ritterbücher kaufen zu können. „Kurz, der gute Junker versank so tief in seine Lektüre, dass er die Nächte von Untergang bis Aufgang und die Tage von Aufgang bis Untergang damit zubrachte und sich endlich durch zu viel Lesen und zu wenig Schlaf das Gehirn so ausdörrte, dass er den Verstand verlor.“ Am Ende zog Don Quichote von la Mancha aus, um gegen Windmühlen zu kämpfen.

Pikanterweise finden sich viele Fälle krankhafter Leselust ausgerechnet in Büchern. Gustave Flauberts Madame Bovary wurde zur unglücklichen Ehebrecherin, weil sie ihre Erwartungen an das Leben aus schlechten Liebesromanen ableitete. Und für Gegenwarts-Autoren ist das Thema nicht passé. Die Heldin von Karen Duves Roman „Dies ist kein Liebeslied“ durchleidet die Sucht gleich doppelt: „Ein stetiger Strom von Schokolade und Weingummi half mir, mich ins Vergessen zu spülen. Lesen allein genügte einfach nicht. Ich hielt es mit den Süßigkeiten wie mit den Büchern – der Inhalt war zweitrangig. Ich brauchte vor allem eine Quantität, die mich sicher über den Nachmittag brachte.“aml

SUCHT

Heike Sporkhorst, Diplom-Bibliothekarin, hat bis vor einem Jahr die Alfred-Döblin-Patientenbibliothek im Klinikum Am Urban geleitet. Heute betreut sie den Bereich Kultur/Kunst der Krankenhausgesellschaft Vivantes.

Liest man im Krankenhaus anders als zu Hause?

Im Krankenhaus wird schon mehr gelesen. Und Patienten lesen auch anders – wenn ich das mit meiner Zeit in der Stadtbibliothek Kreuzberg vergleiche, wo ich vorher gearbeitet habe. Patienten sind ja in einer Ausnahmesituation. Die Krankheit kann den Menschen zurückwerfen auf existenzielle Fragen.

Und das wirkt sich auf die Buchauswahl aus?

Ich habe festgestellt, dass im Krankenhaus zum Beispiel mehr Lyrik ausgeliehen wird. Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff waren sehr gefragt. Oder auch Novalis.

Romantiker also?

Auch, Naturlyrik im weitesten Sinne, assoziative Gedichte, die zum weiteren Nachdenken über grundsätzliche Fragen anregen. Aber auch Brecht als politischer Lyriker wurde durchaus nachgefragt.

Hat denn auch die Art der Erkrankung Einfluss auf die Literaturauswahl?

Ja, gerade Krebspatienten interessieren sich sehr dafür, wie andere mit dieser Krankheit umgegangen sind. Die Tagebücher der Maxie Wander sind so ein Beispiel. Das ist ja eine Autorin, die selbst an Krebs gestorben ist.

Das Ende macht nicht gerade Mut.

Wichtiger scheint mir zu sein, dass da jemand in einer vergleichbaren Situation ist, der sich ähnlichen Fragen zu stellen hat.

Und Patienten der Chirurgie oder der Orthopädie, haben die auch spezielle Leseinteressen?

Nicht so auffällig wie bei Krebspatienten oder überhaupt bei Erkrankungen, die in extremer Weise mit dem Tod konfrontieren. Es gibt aber Unterschiede zwischen Patienten der somatischen Stationen und der Psychiatrie. Psychiatrie-Patienten sind auf Grund ihrer Erkrankung in anderer – wohl existenziellerer Weise – mit sich konfrontiert. Und sie sind meistens länger in der Klinik. Das spielt eine große Rolle. Sie haben einfach mehr Möglichkeiten, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und zu sich selbst zu kommen.

Welche Literatur bevorzugen denn die psychiatrischen Patienten?

Weniger Unterhaltung, mehr Bücher, die die so genannte Sinnfrage beinhalten.

Hermann Hesse zum Beispiel?

Ja, „Steppenwolf“ ist ein gutes Beispiel.

Hatten Sie denn den Eindruck, dass den Patienten die Lektüre beim Gesundwerden hilft?

Mir wurde oft gesagt, dass durch dieses Angebot der Krankenhausaufenthalt viel erträglicher wurde.

Die Fragen stellte Andreas Austilat

INTERVIEW

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