Zeitung Heute : Wie eine Villa zum Bunker wird Das Staatsgeheimnis um Berlusconis Anwesen

Paul Kreiner[Rom]

An Küsten wie dieser darf in Italien nicht gebaut werden. Doch hier, vor Porto Rotondo im Nordosten Sardiniens, geht es hektisch zu. Zwischen Steineichen und Myrten legen Arbeiter in Zwölfstundenschichten das Halbrund für ein Amphitheater, gelblicher Granit, 400 Sitzplätze. Und unten, wo die Klippen ins Meer stürzen, erweitern Bagger einen natürlichen Spalt zu einer exklusiven Einfahrt für mindestens ebenso exklusive Yachten. Mindestens 40 Meter tief haben sie eine geheimnisvolle Grotte in den Fels getrieben, Lichteffekte installiert, einen Aufzug durch den Stein gebohrt bis hoch zur Villa. Das alles soll legal sein? „Natürlich“, sagten die Anwälte des Bauherrn nach einer Anzeige. Doch als die Richter im Prozess fragten, wer das erlaubt habe, zeigten die Anwälte vergangene Woche nur lächelnd auf ihre fest verschnürten Akten: „Staatsgeheimnis!“

La Certosa heißt das Anwesen an der Costa Smeralda, einer der schönsten, und mondänsten Küsten des Mittelmeers. Die Kartause, wie die Villa in deutscher Übersetzung heißt, gehört dem reichsten Unternehmer Italiens, dem reichsten Regierungschef aller Industrieländer, Silvio Berlusconi. 47Hektar umfasst der Park, drei mehr als der Vatikanstaat, 2500 Quadratmeter Wohnfläche bietet das „Landhaus“, und unter den 14 Villen, die Berlusconi sein eigen nennt, ist ihm La Certosa die liebste: So gut wie jedes Wochenende verbringt er dort.

Dort hat bereits Wladimir Putin mit Freund Silvio geurlaubt, die Bush-Töchter waren da, Tony Blair hat sich nach etlichen Einladungen doch noch breitschlagen lassen, am heutigen Montag aus der Toskana herüberzufliegen. Doch der US-Präsident? Anfang Juni war George W. Bush nach Europa gekommen, und Berlusconi mochte gehofft haben, ihm wenigstens für ein paar Stunden seine Schätze zeigen zu dürfen. Doch Bush blieb nicht nur fern, er veräppelte Berlusconi auch noch. „Ich komme schon noch“, versprach er, „ich weiß ja, dass du dir einen Bunker gebaut hast.“ Bunker? Als die Opposition versuchte, Berlusconi für die Eingriffe in die Klippen zur Rede zu stellen, sagte er, allein die Geheimdienste hätten zu „Sicherheitsmaßnahmen“ gedrängt, „bei den 38 Todesdrohungen, die ich schon erhalten habe“. Dann „habe ich eben Pietro gerufen und ihm gesagt, er soll diese Aushöhlungsarbeiten machen“.

Pietro, das war in diesem Fall Pietro Lunardi, der nicht nur ein auf Tunnelbau spezialisiertes Ingenieurunternehmen führt, sondern auch noch Minister für Infrastruktur ist und auf diese Weise im Notfall einiges genehmigen kann. Und zuletzt – Berlusconis Rechtfertigungsbedarf war unübersehbar – erklärte Geheimdienstchef Emilio Del Mese, die tiefe Felsgrotte sei angelegt worden, weil im Kriegs- oder Terrorfall Italien von Berlusconis Anwesen aus gelenkt werden solle.

Ein technisch voll eingerichteter Regierungsbunker auf dem privaten Grundstück des Ministerpräsidenten? Berlusconi behauptet, er bezahle auf La Certosa alles aus eigener Tasche. Aber was wäre das für ein Land, das sich keine Regierungs-Notzentrale leisten könnte und würde? Und was geschieht nach Berlusconi? Wobei: Jene Zeit wird es kaum geben. Leibarzt Umberto Scapagnini erzählt voller Stolz, sein 68-jähriger „Patient“ sei „technisch so gut wie unsterblich“.

Veronica Lario, Berlusconis Ehefrau, hat jetzt verraten, womit der gestresste Regierungschef seine Wochenenden verbringt. Ob es voll Ehrfurcht war oder voll distanzierter Ironie, ist aus ihren Memoiren nicht herauszulesen, jedenfalls beschreibt sie detailliert den „großen Regisseur“, der „Hektar für Hektar“ jedes Pflänzchen, „Steineiche für Steineiche“ kontrolliert. Jahrhundertealte Olivenbäume hat Berlusconi herankarren lassen, 2000 Kakteen aus aller Welt. Lario selbst ist selten auf La Certosa. Aber die Normalbürger erfahren aus ihrem Buch, welche Dekorationsgegenstände in der Villa am meisten auffallen: die „vielen Fotos“, auf denen Silvio mit den Mächtigen der Welt abgebildet ist, und die „überaus zahlreichen“ Napoleon-Statuetten. Wobei noch niemand die Frage entschieden hat, wer von den beiden der größere ist.

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