Zeitung Heute : Wie entfliehe ich dem Freizeitstress?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Mein Freund und ich unternehmen an fast jedem Wochenende Ausflüge ins Umland oder in andere Regionen. Mir wird das langsam zu anstrengend, aber er ist so stolz auf seine ausgeklügelten Programme. Wie komme ich da raus, ohne ihn zu verletzen?

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Freizeit ähnlich wie Arbeitszeit verbracht werden muss: also durchgeplant mit möglichst vielen Terminen wie Kino, Kraftsport, Kochkurs. Manche Leute sind richtig stolz drauf, was sie am Sonntagabend an vollbrachten Vergnügungsleistungen alles vorweisen können und übersehen dabei völlig den Druck, unter den sie sich selber setzen. So wird Freizeit zum Stress und mitunter anstrengender als Arbeit, über die man wenigstens mal stöhnen darf.

Bieten Sie Ihrem Freund doch an, als Dank für seine Kulturprogramme mal ein Überraschungswochenende zu gestalten. Vielleicht können Sie ihn ja die Freuden des Nichtstuns lehren. Lange schlafen, danach alle Frühstücksfavoriten servieren und ausgiebig genießen, vielleicht ein Spaziergang, vielleicht alte Fotos anschauen oder mal wieder seine liebsten CDs auflegen. Vielleicht sogar gemeinsam lesen, obwohl das eher für Fortgeschrittene ist. Um eine Brücke zu den Programmwochenenden zu schlagen, würde sich eher ein Besuch im Hamam und als krönender Abschluss ein Essen in einem Restaurant eignen, das Sie sich normalerweise nicht leisten würden, in diesem Fall aber können, weil Sie ja das ganze Benzin gespart haben. Sie ahnen schon, wie gut das tun wird. Nun müssen Sie Ihrem Freund nur noch das Gefühl vermitteln, dass es mehr als okay ist, das Wochenende so zu verbringen. Schon weil Sie sich vom Mainstream damit absetzen, können Sie mit einigem Stolz auch Freunden und Kollegen davon erzählen. Das macht sicher mehr Eindruck, als wenn Sie einen Marathon durch 20 neue deutsche Heimatmuseen am Stück hinlegen würden. Entspannt zu sein ist nämlich gerade richtig hip.

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