Zeitung Heute : Wie entsteht Gewalt?

Wo jeder jeden bekriegt: ein Wochenende in der Stadt Medellin in Kolumbien – zehn Jahre nach dem Tod des Großverbrechers Pablo Escobar

Ariel Hauptmeier[Medellin]

Von Ariel Hauptmeier,

Medellin

Sonntagmorgen rast eine Nachricht durch San Pablo: Yimmie ist tot. Erschossen! Und Oscar haben sie an der Schulter getroffen. Wer hat das getan? Großes Rätselraten, geballte Fäuste. Im Billardsalon, vor den Kneipen und an der Bushaltestelle, wo einige Jungs einen Joint rauchen – in San Pablo, einem kleinen Viertel an den Hängen hoch über Medellin, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens.

Gegen Mittag verdichten sich die Gerüchte: Die von El Oyo sind es gewesen. Der Erz-, der Erbfeind. Eine der Banden aus der Nachbarschaft. Sie haben wieder zugeschlagen, diese Hurensöhne, die Antwort ist Rache. Und wenig später kann man einen jungen, hageren Mann sehen, er war der beste Freund des Toten, wie er sich auf ein Moped schwingt, einen Revolver im Hosenbund versteckt und losknattert. Nach einer halben Stunde kommt er zurück. „Niemand auf der Straße“, sagt er bitter, als er das Moped vor dem Billardsalon abstellt, „jetzt haben sie Schiss.“ Nachmittags taucht Oscar auf, der, den sie angeschossen haben, 17 Jahre alt, kommt mit dem Bus aus der Klinik, die Ellbogen und Knie zerschrammt, zieht sein T-Shirt aus und zeigt den anderen den Verband auf seiner Schulter. Da haben ihm die Ärzte die Kugel rausgeholt.

Oscar setzt sich auf einen Mauervorsprung und erzählt: „Es war so gegen Mitternacht. Yimmie hat mich gefragt, ob ich mitkomme, einige Sachen bei seiner Freundin abholen. Ich habe ihn noch gefragt, sollen wir nicht unsere Fierros (Eisen) mitnehmen? Nee, sagt er, lass mal. Wir also los, biegen um eine Ecke, da drüben, wo schon El Oyo herrscht, da ist plötzlich alles voller Blei. Yimmie lag gleich da im eigenen Saft, ich nichts wie weg, aber sie haben mir trotzdem eine verpasst.“ Dann sei er mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren.

Ein Dutzend junger Männer nickt.

Und drunten im weiten Tal glänzt Medellin, die Schöne, die Brutale, die Faszinierende, die Stadt der Poesie, des Kokains und des ewigen Frühlings; es glänzen die Hochhäuser und die hereinschwebenden Flugzeuge, das Fußballstadion, die Stadtautobahnen und die Fenster der Hütten, die immer höher die Hänge hinaufkriechen. Was für eine Aussicht. Später, am Abend, wird sich das Tal in einen Teppich aus Lichtpunkten verwandeln, in eine Armada aus Glühwürmchen und ein Meer aus Sternen, durch das die Schüsse hallen.

Denn Medellin, die Schöne, ist gefährlich, die Mordrate eine der höchsten der Welt: Rund 160 Menschen pro 100000 Einwohnern sterben hier jährlich eines gewaltsamen Todes, während es in New York 13 und 117 in Johannesburg sind. 40000 junge Männer sind in Medellin in den letzten zehn Jahren erschossen, erschlagen oder erdolcht worden, 40000, gerade so, als herrschte hier Krieg.

Und wirklich, am Montagmorgen, als Yimmie von seinen Freunden zu Grabe getragen wird – erinnert da der Gottesacker nicht an einen Soldatenfriedhof, mit seinen langen Reihen voller Gräber, in denen fast nur junge Männer liegen, kaum einer über 25? Warum? Was ist hier schief gelaufen? Wer könnte Frieden stiften?

Samstagmorgen scheint die Welt noch in Ordnung in San Pablo. Auf den Straßen spielen Kinder Fußball, Frauen hängen Wäsche auf die Dachterrassen und in der Kirche unten am Platz wird gleich ein halbes Dutzend Babys auf einmal getauft. Auch der kleine Junge von Pacho ist darunter. Es ist sein fünftes Kind, mit der fünften jungen Frau – aber auch sie hat er längst verlassen, genau wie ihre vier Vorgängerinnen. Und ihre beiden Nachfolgerinnen, zwei Baby sind unterwegs. Doch keiner würde es jemals wagen, Pacho zur Rechenschaft zu ziehen, diesen 28-jährigen, stämmigen, unwirschen, dickköpfig dreinschauenden Kerl – denn er ist Boss und Bandenchef und Pate von San Pablo.

Die über den Tod lachen

Rund 400 Banden gibt es in Medellin, die meisten davon im Nordosten der Stadt. Dort, wo auch San Pablo liegt, wo sich die Straßen schnurgerade den steilen Hügel hinaufziehen, wo die Häuser nicht verputzt, die Straßen voller Kinder und die meisten Männer ohne Job sind. Wo alle zehn, zwanzig Blocks eine andere Bande herrscht.

Sie haben viele Wurzeln. Manche entstanden als Verbrechergangs. Oder gingen, wie in San Pablo, hervor aus Selbstverteidigungsgruppen, angetreten, das eigene Viertel von Kriminellen zu säubern. Oder sie wuchsen mit dem Kartell von Medellin, in den 80er Jahren, als die Kokain-Sucht in den USA explodierte und Pablo Escobar aufstieg zum reichsten Verbrecher aller Zeiten. Damals, als der Drogenhandel Geld und Waffen nach Medellin spülte, entstand auch die Figur des jugendlichen Auftragsmörders, des viel beschriebenen Sicario – gottesgläubig, den Körper voller Amulette, seine Mutter über alles liebend, seine Opfer vom Motorrad aus erschießend, den Tod, der ihn bald holen wird, aus vollem Hals verlachend.

Die Zeiten sind vorbei. Vor zehn Jahren wurde Pablo Escobar erschossen, das Kartell von Medellin zerfiel, die Auftragsmörder wurden arbeitslos. Die Kultur der Gewalt, des Todes aber blieb erhalten. Längst waren Faustkämpfe, Wortgefechte oder Messerstechereien aus der Mode – nun griffen alle gleich zur Waffe. Die Banden, genährt von einem endlosen Strom armer, ehrgeiziger, skrupelloser Jugendlicher, arbeiteten weiter. Und wurden schließlich, gegen Ende der 90er Jahre, vom Sog des kolumbianischen Konfliktes erfasst, zwischen rechtsextremen Paramilitärs und linksextremer Guerilla, deren Kämpfer zunehmend in die Städte strömten.

Pachos Bande hat sich den Paramilitärs angeschlossen, vor zwei Jahren, als die ihn vor die Wahl stellten: Entweder bist du für uns oder wir erschießen jeden deiner Männer. Pacho gab klein bei, genau wie die anderen Banden der Umgebung. Doch untereinander schlossen die jungen Männer keinen Waffenstillstand. So kam es, dass zwar alle bald dem gleichen Kommando gehorchten, doch die Kleinkriege zwischen den Nachbar-Gangs in immer neue Runden gingen.

Schuss und Gegenschuss

Die Paramilitärs kämpfen mit größeren Kalibern. Einige hundert Meter den Hügel hinauf haben sie sich verschanzt und feuern ihre automatischen Gewehre ab, und kurz darauf hört man die Antwortsalven der Guerilla, die sich ein Stück weiter rechts eingenistet hat, ebenfalls in dicht bebauter Gegend. Den ganzen Samstag fliegen dort oben Schüsse hin und her, über die Köpfe der Bewohner. Es sind die zuletzt nach Medellin Gezogenen, die Allerärmsten, deren Häuser oft nur aus Holz, Blech, Draht, Steinen oder Pappe bestehen. Kein guter Schutz vor automatischen Gewehren.

Doch in San Pablo achtet niemand auf das Echo der Schüsse. Das Leben geht seinen ganz normalen, samstäglichen Gang. Einer wäscht sein Auto, vor dem Kramladen halten Frauen ein Schwätzchen, zwei hübsche Mädchen, die umherschlendern, müssen sich obszöne Komplimente gefallen lassen. In einem kleinen Haus in der 96. Straße wird die Taufe von Pachos Sohn gefeiert. Pacho ist allein gekommen, gerade kann man ihn sehen, wie er inmitten der 20-köpfigen, fröhlichen Festgesellschaft sitzt und einen großen Teller Essen in sich hineinschaufelt. Wenig später wird er grußlos verschwinden und einige Stunden später auftauchen, nicht mehr im zerknitterten Anzug zu schief sitzender Krawatte, sondern in weiten Jeanshosen über Nike-Turnschuhen. Ghetto-Style, wie im Hip-Hop-Videoclip.

Bis tief in Nacht dauert das Fest. Nachmittags toben die Nachbarskinder durchs Haus, verfolgen Luftballons und wickeln mit schokoladigen Händen kleine Geschenke aus. Als es dunkel wird, stellen alte Männer Stühle auf die Straße, lassen eine Schnapsflasche kreisen, reden, lachen und blicken hinunter in das Meer aus Sternen. Wieder einige Stunden später erzittert das kleine Haus unter den Bässen von champeta, der schnellen, aufreizenden Musik der Gegend, und im leergeräumten Wohnzimmer tanzen jetzt die jungen Mütter. Keine hat einen Mann mitgebracht. Kaum eine ist verheiratet, einige sind schon verwitwet.

In dieser Nacht wird Yimmie erschossen.

Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, sitzt Pacho in einer leeren, schmuddeligen Kneipe und spielt Karten. Reina, Königin, heißt das Spiel, vor sich hat er einen Haufen Geldscheine gestapelt, daneben liegt ein Beeper. Pacho gegenüber sitzen drei Männer. Die Einsätze sind niedrig, doch Pacho setzt mit großer Geste. Schweigt. Nippt am Bier. Schaut kaum auf, wenn jemand an den Tisch tritt und ihn etwas fragt. Knurrt nur: „Soll bezahlen.“ Oder: „Ist mir doch egal.“ Nur einmal regt er sich auf. Da sagt ihm jemand, dass es die von El Oyo waren, die Yimmie erschossen haben. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, bellt er da, „wir werden zwei, drei von denen erschießen.“

So verrinnt der Sonntag.

Vor der Kneipe sitzen einige aus Pachos Bande, drehen Joints und schlagen die Zeit tot. 15 ist der Jüngste und 27 der Älteste, sie sehen aus wie die meisten anderen hier im Viertel: Fußballtrikots, bunte Sonnenbrillen, kurzgeschorene Haare. Sie haben seltsame Spitznamen: Hexe heißt einer, Affe ein anderer, außerdem gibt es den Stummen, die Ratte, den Clown, den Makabren oder den Spinner. Die Jungs sind herzlich und gastfreundlich und erzählen, dass Unbekannte bei ihnen im Viertel nichts zu suchen hätten, sondern umgehend „legalisiert“, also erschossen würden. Mir hatte ein ehemaliger Sozialarbeiter Pachos Handy-Nummer gegeben, es reichte, einmal mit dem Boss durch San Pablo zu schlendern, damit sich die feindlichen in freundliche Blicke verwandelten. Aggressivität und Herzlichkeit liegen dicht beieinander.

„Hier im Viertel muss niemand Angst haben“, erklärt Ratte, ein 18-jähriger Albino, „hier passen wir auf. Hier wird nicht geklaut und kein Basuco geraucht (das billige Abfallprodukt von Kokain), hier werden keine Frauen vergewaltigt oder keine Ladenbesitzer erpresst. Hier im Viertel herrscht Respekt.“ Sicherheit und Sauberkeit haben ihren Preis: Auf Missachtung der von der Bande auferlegten Regeln steht die Todesstrafe.

Vor sieben Jahren, erzählt Ratte, habe die Guerilla über San Pablo geherrscht, habe die Bewohner des Viertels terrorisiert und die Ladenbesitzer erpresst. Dann wurde Pachos Bruder erschossen. Daraufhin kaufte der sich einen Revolver und erledigte den ersten Guerillero. Zwei Jahre später waren alle Revolutionäre tot oder geflohen. Pacho wurde der neue Boss von San Pablo.

„Ich würde auch lieber in Frieden leben“, sagt Ratte, „aber es geht nicht.“ Er zählt die Banden der Nachbarschaft auf: El Plan, Granizal, El Culupio, Las tres A, El Afan und die Banda de Douglas, zu manchen gehörten 50, 60 Leute. „Wenn wir uns nicht wehren, terrorisieren die morgen unser Viertel“, sagt Ratte. Nicht zu vergessen El Oyo, mit denen seit Jahren Krieg herrscht. Warum? Weil die einst das Busunternehmen aus San Pablo erpressen wollten, deren Sicherheit doch schon Pacho und seine Männer gewährleisten, gegen eine geringe Gebühr. Weil vor Jahren ein Querschläger von El Oyo einen Jungen aus San Pablo tötete. Weil Yimmie gerächt werden muss.

Wie sie ihr Geld verdienen? „Wir machen alles, außer Entführungen“, sagt Ratte, „und: keine Frauen, keine Kinder, keine Schießereien mit der Polizei. Wir treiben Geld ein für Firmen oder Privatleute oder überfallen Taxis. Was gerade anliegt. Wenn jemand einen Sicario braucht, suchen wir einen Minderjährigen, die sitzen maximal ein Jahr im Jugendknast.“ Ab 250 Dollar sei ein Auftragsmord zu haben.

Verwandlung eines Mörders

La Rata hebt sein T-Shirt und zeigt eine Narbe in seinem Bauch. Auch die meisten andern vor der Kneipe sind schon einmal angeschossen worden. Keiner von ihnen war bislang im Knast, obwohl sie mehrfach festgenommen wurden, wenn sie ihre Waffen dabeihatten. Doch jedes Mal gelang es, die Polizisten zu bestechen. Anschließend habe man sich neue Pistolen gekauft – zum Beispiel bei der Polizei. „Die lässt sich hier nur blicken, wenn jemand erschossen wurde“, sagt Ratte. „Aber dass sie mal einen Mord aufklären, habe ich noch nicht erlebt.“

„Hast du Hunger?“, fragt ein irgendwann ein Junge namens Marcario, der wohl verrückteste von allen, rote Brille, völlig bekifft und ein großer Angeber. Ich nicke, er sagt, ich solle mitkommen, seine Oma habe etwas für mich gekocht. Wir gehen los, er prahlt von seinen Morden. Wie herrlich man sich fühle. „So entspannt!“, schreit er, breitet die Arme aus und schaut nach oben. „In meinen Körper dringen keine Kugeln ein!“ Und liefert schaurige Details von seinen Morden.

Doch kaum sitzt er auf dem Sofa seiner Oma, geschieht etwas Merkwürdiges mit Marcario: Der junge Killer verwandelt sich in einen kleinen Jungen. Sitzt da, und als er wieder prahlt, wie sicher es im Viertel sei, da fährt ihm die Oma über den Mund. „So ein verdammter Unsinn.“ Marcario widerspricht nicht. „Ich frage mich wie das alles kommt“, sagt irgendwann die alte Frau, während ihr Tränen die Wangen hinunterlaufen.

Später, als es dunkel ist, steigen alle in den Bus und fahren hinunter in die Stadt, zur Trauerhalle La Aurora, Morgenröte. Auf dem Bürgersteig stehen Nachbarn und Freunde und die Mutter von Yimmie. Gefasst wirkt sie, steht stumm da und will nichts sagen. Alle nippen am Tinto, dem pechschwarzen, zuckersüßen kolumbianischen Kaffee. „Er war ein großer Kämpfer“, sagt Ratte über Yimmie, „ein echter Freund, im Guten wie im Schlechten. Die Mädchen sind ihm nur so nachgelaufen.“

Und wirklich, als La Rata und die anderen aus der Bande in den Trauerraum treten, lehnen einige Mädchen über dem Glasfenster im Sargdeckel und blicken liebevoll hinein, mit geröteten Augen, die Fäuste voller Taschentücher. Rata und seine Freunde treten näher und klappen den Deckel hoch. Friedlich liegt Yimmi da, ein schmächtiger Kerl in Jeans und Sporthemd, die Hände gefaltet, über der Oberlippe leichter Flaum, das Einschussloch in der rechten Wange kaum sichtbar. Geschickt hat man es weggeschminkt. Die Mädchen werfen sich auf den Toten, umarmen und streicheln ihn und brechen in lautes Wehklagen aus. Die Jungen legen kleine Geschenke in den Sarg. Im Eingang zum Trauerraum steht die Mutter und kommt keinen Schritt näher. Ratte setzt sich. Er will die ganze Nacht bei Yimmie wachen.

Am Morgen des dritten Tages, es ist Montag, wird Yimmie Arredondo Holguin auf dem Friedhof El Universal beerdigt. Er war fast 18 Jahre und hatte, so wurde sich erzählt, mehr als 20 Menschen auf dem Gewissen.

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