Zeitung Heute : wie er Helden

War Salvador Allende ein übler Rassist? Ein Forscher in Berlin behauptet das – und löste Irritationen und heftigen Widerspruch aus.

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Salvador“ heißt Retter, und wie ein Retter wurde er gefeiert: Mit Salvador Allende wurde am 4. September 1970 zum ersten Mal ein marxistischer Regierungschef demokratisch gewählt. Der Chilene schrieb als Anwalt der Armen Geschichte.

Man kennt die Bilder des Brille tragenden, kurzsichtigen Arztes. Es sind Bilder, die ihn zum Mythos werden ließen: Mit geballter Faust verkündet Allende als frisch gewählter Präsident den Sieg der Freiheit und verspricht eine bessere, eine gerechtere Welt. Eine begeisterte Menge jubelt ihm zu. Andere Bilder zeigen Allende im Gespräch mit Fidel Castro; sie zeigen Allende, den Mann des Volkes, bei einem Besuch auf dem Land. Und dann die Bilder vom Putsch: Am 11. September 1973 greifen die Militärs unter General Pinochet den Präsidentenpalast an. Einige Zeit war unklar, ob Allende von den Putschisten erschossen oder sich – wie sein Leibarzt behauptete – selbst erschossen hat. Doch längst weiß man, dass er sich das Leben nahm; und auch, dass die CIA finanziell und aktiv am Putsch beteiligt war.

Aus dem belagerten Präsidentenpalast sprach Allende letztmals über den Rundfunk: „Ich werde für die Treue des Volkes mit meinem Leben bezahlen.“

Der Mann, der die Ikone Allende 32 Jahre nach dessen Tod demontieren will, sitzt in seinem Büro im Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin und isst Apfelschnitze. Victor Farías ist gebürtiger Chilene, Philosoph und Historiker. Der Dozent hat sich in einem Archiv in Santiago de Chile die Abschlussarbeit des Medizinstudenten Salvador Allende besorgt. Im März dieses Jahres veröffentlichte er das Ergebnis seiner Forschungen. Der Kernsatz lautet: „Allende war Rassist und Antisemit.“

„Psychohygiene und Verbrechen“ heißt die Studie, die der damals 25-jährige Allende 1933 vorlegte. Die Thesen, die der junge Allende auf verschiedene Eugeniktheorien aufbaut, entsprechen laut Farías dem damaligen wissenschaftlichen Mainstream: Homosexualität sei vererbbar. Um wieder „moralische Wesen“ aus Homosexuellen zu machen, seien operative Eingriffe notwendig. Besonders konkret habe sich Allende über Juden geäußert: „Die Hebräer sind durch bestimmte Verbrechensformen gekennzeichnet: Betrug, Falschheit, Verleumdung und vor allem Wucher.“ Der Mediziner Allende habe diese Eigenschaften für unheilbar gehalten, folgert Farías.

Starke Vorwürfe. Salvador Allende, der Anwalt der Armen, also ein verwirrter Rassentheoretiker? Über diese Frage hat Victor Farías eine hitzige Diskussion ausgelöst – doch inzwischen sieht es ganz so aus, als würde der Ankläger selbst zum Angeklagten.

Farías sagt, er selbst habe auch lange an Allende geglaubt; und: „Nachdem ich das Papier entdeckt hatte, wurde ich erst mal krank. Ich wusste nicht, was ich machen sollte.“ Der 64-Jährige schaut aus seinem Fenster auf die Bäume, die hinter dem Institut wachsen. „Ich wusste, dass es für viele schlimm werden würde, die Wahrheit zu erfahren, aber wenn ich das Dokument habe, muss ich auch darüber schreiben.“ Die Wissenschaft versteht er als eine Pflicht: „Sie darf nicht mit persönlichem Empfinden oder politischen Einstellungen durcheinander geraten.“ Das fertige Buch „Salvador Allende – Antisemitismus und Euthanasie“ sei fast ein Jahr lang in der Schublade geblieben, bevor er es in seinem Heimatland veröffentlichte. Ein paar Verlage sollen sein Manuskript auch abgelehnt haben.

Für Victor Farías gibt es eine direkte Verbindung zwischen den medizinischen Forschungen des jungen Arztes und den Zielen des Politikers. „Es geht hier nicht um eine Jugendsünde“, meint Farías. Erstens habe Allende 1939 als Gesundheitsminister über ein Gesetz zur Zwangssterilisation von psychisch Kranken nachgedacht, und zweitens habe er sich später als Präsident geweigert, den deutschen Nazikriegsverbrecher Walter Rauff an Israel auszuliefern.

Allende, sagt Farías, sei auch als Revolutionär gescheitert. Er zitiert Lenin: „Wenn du nicht die Hälfte plus eins des Volkes und des Militärs auf deiner Seite hast, dann ist der Versuch einer Revolution kein Fehler, sondern ein Verbrechen.“ Der Historiker vergisst dabei, dass der Sozialist nicht durch eine Revolution Präsident wurde, sondern durch freie Wahlen. Allerdings verfügte Allendes Partei, das linke Wahlbündnis Unidad Popular zu keiner Zeit über die Mehrheit im damaligen chilenischen Kongress, Allende wurde mit 36,6 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt, seinem konservativen Gegner gaben 35,3 Prozent der Wähler ihre Stimme.

Und Farías fügt hinzu: „In Chile haben wir so ein Verbrechen erlebt.“ Den Mythos Allende hätten nur Europäer und Exilchilenen aufgebaut. „Dabei übersahen sie, dass es Allende nicht gelungen ist, für seine Politik eine klare Linie sichtbar werden zu lassen.“

Das Echo, das Farías mit seiner These auslöste, gleicht nun einem einstimmigen und empörten Aufschrei. „Allende war ein Rassist“, diese Schlagzeile ging durch die europäischen Medien – nach der Veröffentlichung in Chile, wo es relativ ruhig geblieben war. Nach dem Erscheinen des Buchs in Spanien schließlich wurde die Diskussion konkreter. Inzwischen kann man auch das Originaldokument, die Doktorarbeit Allendes, im Internet nachlesen (www.elclarin.cl/hemeroteca.html). Und die deutschen Feuilletons schlagen sich fast durchweg auf die Seite des von Putschisten gestürzten Präsidenten. „Am Ende steht nicht die Neubewertung Allendes, sondern Victor Farías an“, schrieb etwa die „taz“. An vielen Orten machten sich die Verwalter des Allende-Erbes daran, die aufrührerische These genauer zu untersuchen.

Auch die spanische Fundación Presidente Allende ist aus der ersten Schockstarre erwacht. In einer Rundmail verschickt sie eine Presseerklärung, in der von Farías unsauberen Forschungsmethoden und gefälschten Dokumenten die Rede ist. Die spanische Allende-Stiftung protestiert gegen den Vorwurf des Antisemitismus: Das Zitat über die vermeintlich verbrecherischen Juden ist nicht von Allende selbst. Inzwischen ist nachgewiesen, argumentiert die Stiftung, dass Allende an dieser Stelle den Arzt und Kriminologen Cesare Lombroso zitiert; eine Verdrehung, mit der Allendes Rufmord durch Farías begründet würde.

Zum anderen sei die Auslieferung von Walter Rauff nicht vom Präsidenten, sondern vom obersten Gerichtshof in Chile abgelehnt worden. Allende habe in einem dokumentierten Briefwechsel mit Simon Wiesenthal, der die Auslieferung verlangt hatte, sein Bedauern über diese Entscheidung betont. Wiesenthal selbst beschreibt in seinem 1988 veröffentlichten Buch „Recht und Freiheit“ das Ende der Geschichte, ein Ende, das nicht nur der These von Farías widerspricht, sondern auch dessen wissenschaftliche Quellenarbeit in Frage stellt: „Ich bat Allende, die Möglichkeit der Ausweisung Rauffs zu prüfen (...): Wir könnten möglicherweise in einem anderen Land mit einer günstigeren Gesetzgebung gegen ihn vorgehen. Aber bevor Allende auf meinen zweiten Brief antworten konnte, gab es einen Staatsstreich und Allende starb.“

Mittlerweile waren die Irritationen sogar in Berlin-Köpenick angekommen. Hier werden zwar nicht – wie in Madrid – Forderungen nach akademischen Konsequenzen für Farías laut, doch der Fall Allende wird in Köpenick heftig diskutiert. „Schauen, laufen, bummeln, lauschen, kaufen…– willkommen im Allende-Center“: Dieser Slogan wirbt für das Köpenicker Shoppingcenter. Allende ist in Köpenick nicht nur Namensgeber für das Einkaufszentrum, sondern auch für Hauptstraße, Oberschule und Neubauviertel. Ein Rassist als Namenspatron? Die CDU-Fraktion im Rathaus Köpenick hat nach Farías Anwürfen einen Antrag gestellt, das Allende-Gedenken in dem Berliner Bezirk umzubenennen.

„Nur nichts überstürzen“, sagt dagegen Klaus Behrend. Der Mitbegründer des Bürgervereins Allende-Viertel glaubt nicht, dass es Gründe für eine Umbenennung gibt. Man müsse erst mal die Fakten sortieren und sie in den historischen Zusammenhang einordnen. „Dann erst werden wir darüber beraten.“

In der ersten Aufregung sah es so aus, als müssten die Köpenicker Bürger überlegen, ob sie für Schule und Shoppingcenter einen neuen Namen brauchen und sich der Frage stellen: Wollen wir an einer Lichtgestalt festhalten, die es vielleicht nie gab, oder anders: Dr. Salvador Allende oder San Salvador Allende?

Diese Frage gab es auch für die Macher der „Lateinamerika-Nachrichten“. „Solidarität ist eine Waffe – nutzt sie“, steht zwischen dem zweiten und dritten Stock im Treppenhaus des Kreuzberger Mehringhofs. Im fünften Stock befindet sich das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika. Hier entstehen auch die „Lateinamerika-Nachrichten“. 1973 gaben einige Studenten des Lateinamerika-Instituts ein Blättchen namens „Chile-Nachrichten“ heraus. Es entwickelte sich zum Forum vieler Chileflüchtlinge und zum Zentralorgan der akademischen Linken in West-Berlin.

Die meisten, die vorvergangene Woche während der Redaktionskonferenz um den Tisch saßen, sind Studenten. Wie gehen sie im nächsten Heft mit Farías um? „Die ganze Debatte wird viel zu emotional angegangen“, kritisiert einer. Die Veteranen von damals hätten heute weder in der Redaktion noch bei den Lesern die Mehrheit. „Wir sind Gott sei Dank persönlich weit davon entfernt“, sagt Anna Schulte, „und können uns deshalb mit Farías Buch sachlich auseinander setzen.“ Man wolle nicht ohne Sachkenntnis einfach drauflospöbeln. Doch ohne innere Anteilnahme läuft hier im Mehringhof auch nichts, einer der Redakteure sagt es laut: „Eines muss klar sein, unsere Position zum Putsch ändert sich dadurch nicht.“

Bereiten sich die Freunde Chiles auf einen schmerzhaften Abschied vom Vorkämpfer Allende vor? Im Mehringhof unterschieden sie erstmal zwischen dem Menschen Allende und der Idee Allende, und es ist fast so, als trennten sie sich damit auch von einem Stück ihrer eigenen Geschichte.

Ganz anders als Isidoro Bustos, der ehemalige Ministerialdirektor im Justizministerium der Regierung Allende, er sagt es gleich am Anfang: „Ich bin kein Freund von Allende.“

Bustos lebt in einer Altbauwohnung in Moabit. An seinen Wänden hängen zwei Weltkarten, auf der Kommode stehen drei Globen. Drei Tage nach dem Putsch wurde er von Soldaten des General Pinochet verhaftet und in das Nationalstadion von Santiago gebracht. Nach einem Jahr Folter und Konzentrationslager verbannte ihn das Regime. Es gab zu dieser Zeit niemanden in seinen Kreisen, der nicht Allendes Freund gewesen sei, erzählt er. Er selbst habe ihn kritischer gesehen: „Allende und die Unidad Popular, dahinter stand wenig Strategie.“ Natürlich hatte Bustos Hoffnungen, wie alle damals, aber: „Ich hatte kein Vertrauen in das Ergebniss des Projekts“, gibt er zu. Der damals 30-Jährige erlebte einen großen Taktiker, einen überzeugten Sozialisten, aber keinen strategischen Politiker. „Es war eine Enttäuschung.“

Ob sich Allende in den 30er Jahren mit Eugeniktheorien auseinander gesetzt habe, das weiß Bustos nicht. Er wird irgendwann das Buch von Farías lesen, aber er glaubt nicht, dass „es in Allendes Seele einen versteckten Faschisten“ gegeben hat. Und er müsse es wissen, schließlich habe er Allende aus nächster Nähe gekannt. Der weißhaarige Mann sorgt sich. Allende war für Bustos eben nicht nur eine Person, er verkörperte eine Idee. „Wer das Bild von Allende zerstören will, der zerstört den Glauben an eine Utopie, die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft“, sagt Isidoro Bustos.

Wie es weiter geht? Es könnte sein, dass am Ende der Wissenschaftler Farías um seinen Ruf kämpfen muss – und Salvador Allende ein Denkmal bleibt.

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