Zeitung Heute : Wie er sein Leben so spielt

Was ist Rolle, was ist echt? Birol Ünel ist für den Europäischen Filmpreis nominiert

Maxi Leinkauf

„Du willst wissen, ob ich gesoffen habe? Gut, dann können wir das Gespräch gleich beenden. Haben wir uns verstanden? Ich bin zu alt für so was.“ Birol Ünel bebt. Das ist nicht die Generalprobe für seinen neuen Film, sondern eine Begegnung mit dem Schauspieler im Gorgonzola Club, seinem Stammlokal in Berlin-Kreuzberg. Ist es also doch kein Spiel – ist er auch im Leben der aggressive Typ aus „Gegen die Wand“, Fatih Akins Film über Liebe, Fremdheit und Selbstzerstörung? Für seine Rolle des Cahit wurde Birol Ünel für den Europäischen Filmpreis nominiert, der heute in Barcelona verliehen wird. Doch wer Ünel einmal erlebt hat, fragt sich zwangsläufig, ob er in dem Film den lebensmüden, türkischen Säufer mimt oder ob er das selber ist. Auf einer Party irrt er durch den Saal, streift die Tanzenden, fragt nach seiner Jacke, umarmt fremde Frauen, die Bierflasche immer in der Hand. Als würde er noch einmal eine Szene aus dem Film nachspielen, doch nun ist sie echt.

An diesem Abend im Gorgonzola Club trägt er einen abgetragenen Cordanzug und schwarze Bauarbeiterschuhe. Sein Gesicht sieht gesünder aus, als vor einigen Monaten, es hat Farbe. Ünel löffelt bedächtig seine Minestrone. Dann sagt er: „Ich stelle mal klar, ich habe den Cahit trocken gespielt. Das wäre sonst auch nie gegangen.“ Wenn die Leute sagen, er habe nur sich selbst gespielt, dann betrachtet er das als Hommage an seine Schauspielkunst. Danke schön. Mehr nicht.

Der schmale, kleine Mann streicht sich eine graue Strähne aus dem Gesicht. Er trägt deutliche Narben am Hals. Spuren eines früheren Lebens. Da war Birol Ünel in der autonomen Szene. Eine Zeitung schrieb, er sei sogar vorbestraft. „Ja das stimmt, ich habe einen Fascho geschlagen“, sagt er ungerührt. Im Übrigen habe er den Kampf gewonnen.

Er ordert auf Türkisch ein Bier. Na ja, für Smalltalk reicht’s gerade, spielt die Kellnerin auf seine Sprachkenntnisse an. Im Grunde sei er ja gar kein Türke, sondern ein „Gemisch aus vielen Kulturen“, erzählt Ünel. Seine Mutter ist Iranerin, sein Vater Aserbaidschaner. Und dann sagt er noch: „Eigentlich sind wir alle Zigeuner.“

In einem südtürkischen Dorf am Meer wurde Birol Ünel groß, spielte mit seinen Geschwistern in den Ruinen einer Burg. Ende der 60er Jahre wanderten seine Eltern nach Brinkum, in die Nähe von Bremen, aus. Birol war sieben, als er in Deutschland ankam. Der Vater, ein ausgebildeter Techniker, hatte einen Job bei der Schiffswerft, die Mutter war Analphabetin. „Leider werden Menschen wie meine Eltern gerade verleugnet“ – er hebt die Stimme, reagiert auf die Äußerungen Helmut Schmidts. Der hatte in einer Zeitung gesagt, es sei ein Fehler gewesen, die Gastarbeiter nach Deutschland zu holen. „Ich weiß nicht, wie der so etwas behaupten kann. Er gießt Öl ins Feuer.“ Birol Ünel zieht an seiner filterlosen Lucky Strike. Er hält sich kaum auf dem Barhocker, so wütend macht ihn das. Steht auf, geht durch den Raum, setzt sich wieder. Die nächste Kippe.

Von wegen, eine multikulturelle Gesellschaft sei in Deutschland nicht möglich! „Da hat doch die Politik versagt“, ruft er. So laut, dass ihn inzwischen jeder in der Kneipe hört. „Ich kenne die ganzen Programme, Rehabilitierung, Resozialisierung, Integrierung. Die sind alle gescheitert.“ Man traut sich kaum zu fragen, ob die Einwanderer nicht auch etwas beitragen könnten. Ünel schaut sanft. Ja, leider kapseln sich viele ab, schicken ihre Kinder nicht in die Schule. „Lernt doch bitte schön das ABC einer fremden Sprache“, sagt er. So, als stünden ihm die Unwilligen gegenüber. Aber er versteht auch deren Mentalität. „Ich bin die zweite Generation. Ich kenne die gebückten Häupter von meinen Landsleuten, auf dem Amt. Das wird an die Kinder weitergegeben.“ Aber bei den Jüngeren fruchte das nicht. Die wollten sich emanzipieren. Ünel hat selbst einen Sohn, Stanislav, der ist jetzt 15. Der steige ihm auf den Kopf, „aber er hat das Recht dazu“.

Das Handy klingelt. Er prüft aus dem Augenwinkel die Nummer, nimmt ab. „Ich bin sauer“, ruft Ünel auf Englisch. „Wie soll ich morgen früh zur Premiere in die Türkei fliegen, wenn die Tickets nicht gebucht sind?“ Seine braunen Augen sind zum Kampf bereit. „Tut was, ich bin doch hier nicht das billige Schwein“, herrscht er den Regisseur an. Er knallt das Handy auf den Tresen. Schaut einem ins Gesicht. Wartet er auf Beifall? Die Leute müssten endlich begreifen, dass Schauspieler keine Puppen sind.

Die Koffer für Istanbul jedenfalls sind gepackt. Genauer gesagt, noch nicht wieder ausgeräumt. So wie alles in Ünels 140-Quadratmeter-Wohnung, gleich neben der Kneipe, provisorisch wirkt. Die selbst gebauten Holzregale, Ünel hat mal eine Tischlerlehre absolviert, der fast leere Kühlschrank oder das von einem Freund abgestellte Bild. Im letzten Jahr war der Schauspieler immer unterwegs. „Ich muss meine Freundin anrufen und fragen, wo die Teekanne steht.“ Er öffnet dann die Tür zur Terrasse. Dort will er im Sommer frühstücken.

1989 kam Ünel aus Hannover, wo er Schauspiel studiert hat, nach Ost-Berlin. Er baute die Theatergruppe im Tacheles auf, stand Mitte der 90er Jahre als Siegfried in Frank Castorfs „Nibelungen“ auf der Bühne. Heiner Müller engagierte ihn für sein Stück „Der Bau“. Irgendwann spielte er auch mal den Mephisto. Böses wollen und Gutes schaffen, „das ist auch ein Teil von mir“, sagt der 43-Jährige.

Er sei ja schon einige Male halb tot gewesen, aber auf der Bühne habe er immer durchgehalten. Nur einmal nicht. Das war neulich, da bekam er während einer Lesung eine Kreislaufattacke, er musste abbrechen. Der Auftraggeber habe hinterher behauptet, Ünel sei betrunken gewesen. „Das ist üble Nachrede. Wir Künstler sind doch nicht vogelfrei“, sagt er. Ünel wird klagen. Jetzt bestellt er sich erst mal ein neues Bier.

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