Zeitung Heute : Wie es euch gefällt

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Von Christine Lemke-Matwey

Exakt 86 Festivals verzeichnet die European Festivals Association für die laufende Saison 2002. Eine schier unglaubliche Zahl – zumal der 1952 von Denis de Rougemont und dem russischen Dirigenten Igor Markevitch gegründete Verband aus lauter freiwilligen Mitgliedern besteht und in seinen Verlautbarungen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Das bedeutet: Die Dunkelziffer ist hoch. Und: Die Lust am Feiern ungebrochen. Die Festivalitis – so das Schlagwort aus den frühen 90er Jahren – infiziert Jahr für Jahr neue Künstlerherzen, Veranstalterhirne und Publikumsschichten. Was aber ist es, was den Menschen des Sommers in bröckelige Burgruinen, zugige Zirkuszelte oder altehrwürdige Festspielhäuser ohne Klimaanlagen treibt, wo ihn mittlerweile nicht selten dasselbe Repertoire und dieselben Interpreten erwarten wie übers Jahr daheim – nur zu horrenden, buchstäblich festspielwütigen Preisen?

Ist’s Nostalgie, ist’s die (imaginäre) Flucht aus den Zentren der Zivilisation an deren beschaulichere, tröstlichere Peripherie? Ist’s die alte Sehnsucht nach Aura und Exklusivität? Das rituelle Sehen und Gesehenwerden an auserwähltem Ort? Oder doch bloß: Kunst als Markt und Freizeitfaktor? „Das Fest hört dann auf, Fest zu sein, wenn es – statt neben den Alltag zu treten – an die Stelle des Alltags tritt und dadurch den Alltag auslöscht“, hat der Philosoph Odo Marquard einmal gesagt. Schlechte Aussichten für unsere Festspielkultur?

Zwei Faktoren sind es, die den Festspielmachern des 21.Jahrhunderts zunehmend Sorge bereiten dürften: Zum einen die so genannte „Event-Kultur“ (die Drei Tenöre, als sie noch singen konnten, brachten hier eine ganz neue Qualität ins Spiel), zum anderen die unaufhaltsame Globalisierung der Kunst. Wenn schon übers Jahr ein „Event“ das andere jagt und sich der heilige Ereignischarakter der Kunst nur mehr ausgelutscht und abgenutzt wiederfindet, womit sollten Festspiele dann jemals locken? Und wenn – im Zeichen des Klassik-Jetsets und der Globalisierung – allüberall ohnehin die selben Stars auftreten, um wessentwillen sollte man dann überhaupt noch zusätzliche Strapazen auf sich nehmen? Wer Waltraud Meier und Placido Domingo bereits in Berlin oder an der New Yorker Met mit Wagner erlebt hat, der fährt nicht zwangsläufig ein paar Monate später nach Salzburg und Bayreuth (obwohl es notorische Fans gibt, die mit nichts anderem ihr Leben verbringen).

Eine interessante Konstellation bietet in dieser Hinsicht übrigens das Jahr 2006: Zeitgleich mit Christian Thielemann und Lars von Trier in Bayreuth lädt auch Simon Rattle in Aix-en-Provence zu einer Neuinszenierung des Wagnerschen „Ring des Nibelungen“. Es heißt, um die Sängerbesetzungen werde schon jetzt heftig gefeilscht. Die internationale Austauschbarkeit als erstrebenswertes Ziel?

Um dem Festspielgedanken nicht Unrecht zu tun, sei kurz an die Gründerväter erinnert. Richard Wagner erbaute sein Festspielhaus 1876 auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, um den Schlampereien des Theateralltags zu entgehen und ungestört ans „Gesamtkunstwerk“ gehen zu können. Und Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt beanspruchten 1919, ebenfalls in großer Sorge um den Verfall der Kunst, sogleich „den ganzen klassischen Besitz der Nation“ für die Salzburger Festspiele – inklusive Mozart, versteht sich. Älter als diese beiden traditionellen Supertanker-Festivals sind übrigens nur die Münchner Opernfestspiele (seit 1875), die insbesondere durch die modellhaften Wagner(!)- und Mozart(!)-Interpretationen des Dirigenten Felix Mottl Anfang des 20. Jahrhunderts Weltruf erlangten.

Heute nun beginnen die Salzburger Festspiele. Er wolle, sagt der neue Intendant Peter Ruzicka, „fort von der Beliebigkeit der Postmoderne, fort von der Neigung, Stücke über Stücke zu inszenieren“. Produktionen wie der Eröffnungs-„Don Giovanni“ (mit Martin Kusej und Nikolaus Harnoncourt) oder Puccinis „Turandot“, der Liederabend von Jessye Norman, die Konzerte mit den Wiener Philharmonikern oder die Gala mit José Carreras sind bereits ausverkauft. Für das etwas randständigere Repertoire hingegen, für Zemlinskys „König Kandaules“ (Christine Mielitz/ Kent Nagano) oder die Reihen mit zeitgenössischer Musik scheint sich das alte neue Salzburger Publikum weniger zu interessieren. Gleichwohl wurden für 2002 mehr Karten verkauft als im Vorjahr (zu Höchstpreisen von bis zu 340 Euro). Im Gegenzug sehen die Finanzen nicht eben rosig aus: Stadt, Land und Staat müssen ihre Bezüge ab nächster Saison voraussichtlich um drei Prozent kürzen, daneben werden erstmals die Tarifsteigerungen nicht übernommen, und selbst ehedem so potente Mäzene wie der Amerikaner Alberto Vilar zeigen sich aufgrund der angespannten Weltwirtschaftslage eher zögerlich.

Im übertragenden Sinn bedeutet dies: Salzburg geht es auch nicht besser als Berlin. Die Sparwelle ist längst über die Tellerränder unserer kulturellen Zentren geschwappt und macht auch vor den renommierten Festivals nicht Halt. Hier wie da drohen Kulinarisches und Kommerz den Sieg über das aufgeklärte Bewusstsein davonzutragen. Es bleiben drei Möglichkeiten, sich zu trösten. Erstens interpretieren nicht wir die Werke Mozarts und Wagners, sondern diese uns (wodurch ein gewisser Anspruch gewahrt bleibt). Zweitens ist es nie zu spät, die Kunst jenseits ihrer Eventualisierung als alltägliches Überlebensmittel zu begreifen und damit auch den Festgedanken in sein Recht zu setzen. Und drittens wird sich das 21. Jahrhundert die Lust an der Lust so rasch nicht verderben lassen. Oder wie sagte Hofmannsthal: „Es ist wahrlich ein Urtrieb, der sich da auslebt; und wenn die Zeiten finster werden, die Wirklichkeit hart und grässlich auf den Menschen liegt, so wird dieser Trieb stärker, nicht schwächer.“

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