Zeitung Heute : Wie es euch gefällt

Die Mode von Boessert & Schorn entsteht unabhängig von Trendvorgaben und Konventionen. Nicht zu viel nachdenken – anziehen und fertig

Grit Thönnissen

Sonia Boessert und Brigitte Schorn praktizieren eine sehr moderne Form der Teamarbeit. Sonia Boessert arbeitet in ihrem Atelier in Friedrichshain, Birgitte Schorn knapp 700 Kilometer entfernt in der Nähe von Krefeld.

Wo Sonia Boesserts Atelier anfängt und wo die Arbeit aufhört, ist kaum zu erkennen. Die Entwürfe von Boessert & Schorn haben die charmante Eigenschaft, dass sie, wie sie da an einem Hochbettgestell hängen, aussehen wie hübsche dekonstruktivistische Dekoration. Auch die Kleiderstange im Schlafzimmer, voll gepackt mit den voluminösen Entwürfen für den nächsten Winter, wirkt wie ein eleganter Raumteiler.

Wenn Sonia Boessert den Stoff eines T-Shirts in Größe XXL so lange in Wülste legt und umstickt, bis „aus einer großen Sache eine ganz kleine“ geworden ist, mailt sie ein Foto davon an ihre Partnerin, damit die ihr mit ihren eigenen Ideen folgen kann. Umgekehrt funktioniert es ebenso. Es ist noch nicht vorgekommen, dass eine der anderen etwas ausreden wollte. Sonia Boessert: „Es geht mehr darum, sich nicht zu sehr anzunähern.“ Das vermeiden die beiden auch durch die handwerkliche Bearbeitung ihrer Kleidung.

Manchmal vereinen sich aber auch die Boessert & Schorn’schen Ideen in einem Entwurf, zum Beispiel in einem gestrickten Schal. Die von Brigitte Schorn fallen gelassenen Maschen nutzt Sonia Boessert, um schmale Stoffbahnen aus Jersey in den Strick einzuflechten. Oder in einem Oberteil: Ein langer Schal in gebrochenem Blau, Brombeerfarben und Grau, ist mal in die Seitennaht, mal oben an den Halsausschnitt genäht und kann so als Kragen oder als Revers getragen werden.

Kompliziert soll das Ganze nicht sein. Die Frage, wie man ein weites T-Shirt mit einem in Streifen geschnittenen weiten Kragen tragen soll, gefällt Sonia Boessert gar nicht: „Wie man will.“ Bloß nicht zu viel nachdenken, einfach anziehen und fertig. Nachgedacht, oder besser experimentiert, haben die Designerinnen ja schon vorher genug. Das ging direkt nach ihrem Studium an der Kunsthochschule Burg Gibichenstein in Halle an der Saale los.

Seitdem sie im April 2003 beim Designnachwuchswettbewerb im südfranzösischen Hyères ihre Entwürfe auf einer großen Modenschau präsentierten, wissen sie: „Wir machen unser eigenes Ding.“ Seit Brigitte der Liebe wegen an den Niederrhein zog, sind sie meist nur durch moderne Medien verbunden. Fast könnte man meinen, das gehöre auch zum Konzept: So viel Individualität wie möglich und trotzdem jede Saison eine zusammenhängende Kollektion.

Wobei Einzelstücke den beiden immer wichtiger werden. Deshalb verlassen sie sich nicht auf die Fernwirkung eines ganzen Outfits: „Unsere Kleidung muss man aus der Nähe sehen.“ Jedem Stück soll man ansehen, dass nicht nur eine Schneiderin nach Anweisung die Schnittteile zusammengenäht hat. Bei so starker Bearbeitung muss außerdem die Qualität des Materials stimmen.

Überbordende Weiblichkeit kann man den Teilen nicht attestieren. Aber wenn eine Freundin der Designerinnen, die immer mal wieder aushilfsweise als Model einspringt, ein wenig genervt in die Kamera schaut, die Hände in den Taschen des Kleides vergraben, so dass das tiefe Dekollete ein wenig verrutscht, dann ist das ganz schön sexy.

Oberteile von Boessert & Schorn kann man bei www.styleserver.de bestellen.

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