Zeitung Heute : Wie führt man ein Doppelleben?

Während die Kollegen zu Mittag aßen, setzte er sich einen Druck. Er war Junkie und erfolgreicher Journalist. Jetzt ist Jörg Böckem clean und hat ein Buch geschrieben. Er hat sich selbst enttarnt, und es gibt kein Zurück.

Tanja Stelzer[Hamburg]

Es gab diese Momente ständig, in denen beinahe alles aufgeflogen wäre. Einmal fiel ihm in der Toilette beim „Spiegel“ eine Kugel Heroin runter und rollte zur Nachbarkabine. Ein anderes Mal – er war gerade zur Entgiftung – sollte er in ein anderes Büro umziehen. Eine Kollegin, die Bescheid wusste, entsorgte Löffel und Spritzen, die er in der Schreibtischschublade liegen gelassen hatte, kurz bevor die Umzugsleute mit den Kartons kamen. Immer wieder ging es gut, nicht mal der Leiter einer Klinik für Spiel- und Drogensüchtige merkte was: Bevor Jörg Böckem ihn zum Interview traf, setzte er sich noch einen kleinen Schuss, wie meistens bei solchen Gelegenheiten. Nur so viel, um klar denken zu können, keinen Schweiß auf der Stirn zu haben, keine Gliederschmerzen.

Für das Treffen hat Jörg Böckem eine Crêperie im Hamburger Stadtteil Winterhude vorgeschlagen. Nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt, die tabu ist für Pressetermine. Er bittet um Verständnis, wenigstens dieser Schutz müsse sein, wo er doch schon in seinem Buch so viel Intimes preisgebe. Jörg Böckem weiß, wie das ist mit Interviews, er führt selbst ständig welche, für „Spiegel“, „Zeit“ und andere Auftraggeber. Und er weiß, dass sein Leben eine gute Geschichte ist, „außer dass es meine ist“.

Die Ärmel seiner schwarz-grauen Kapuzenjacke hat er bis zu den Ellbogen zurückgeschoben; noch vor drei Jahren trug er Schlabberpullis, die ihm bis zu den Fingerspitzen reichten, damit niemand die Einstiche sehen konnte. Jörg Böckem, heute 38, führte jahrelang ein Doppelleben als Journalist und Junkie. Wenn er beim „Spiegel“ Redaktionsdienst hatte, fuhr er in der Mittagspause zum U-Bahnhof Jungfernstieg, kaufte sich ein Päckchen Heroin und setzte sich einen Druck, damit er den Tag durchstehen konnte. In einem anonymen Text, der im vergangenen Sommer im „Spiegel“ erschienen ist, hat er beschrieben, wie er im Rausch beinahe seine damalige Freundin erwürgt hätte. Morgen, am Montag, wird sein Buch präsentiert, mit vollem Autorennamen, in der Prinzenbar in St. Pauli werden hundert Kollegen sein, 150 vielleicht, und ihm Fragen stellen.

„Ich habe Öffentlichkeit schon immer gehasst.“ Jörg Böckem spricht mit leicht gepresster Stimme und einem kleinen sympathischen Lispeln. Einmal hat ihn seine Verschlossenheit einen Job gekostet: Bei „Max“, wo er Mediengeschichten schrieb, bat ihn der Chefredakteur, er solle mehr Insiderinformationen ranschaffen, ob er nicht häufiger zu Werberpartys gehen könne? Die Vorstellung war für ihn „blanker Horror“. Jörg Böckem versuchte, den Kontakt zu anderen Menschen so spärlich wie möglich zu halten. Er arbeitete freiberuflich und meist von zu Hause aus. Redaktionskonferenzen besuchte er nur, wenn es unumgänglich war. Musste er eine Filmkritik schreiben, ging er erst zur Pressevorführung, wenn das Licht schon aus war, und verließ das Kino, sobald der Abspann lief. Jede Berührung mit der Außenwelt barg die Gefahr, enttarnt zu werden.

Irgendwann hat er die Enttarnung selbst gesucht. Er hatte, sagt Jörg Böckem, „schon immer im Kopf“, dass seine Geschichte ein Buch werden müsse. Als er sich bei einem der wenigen Kollegen, die von seiner Sucht wussten, zu seiner letzten Therapie verabschiedete, fragte der Kollege, ob er seine Erlebnisse nicht mal für den „Spiegel“ aufschreiben wolle. Wenn ich wieder clean bin, antwortete er. Ein knappes Jahr später begann er zu schreiben. Bei der Szene, wie er beinahe zum Mörder geworden wäre, hatte er Schweißausbrüche, Herzrasen, musste den Computer ausschalten. Dann schaltete er ihn wieder ein und fasste in Worte, was passiert war: wie er eine Überdosis erwischt hatte, wie er die Augen öffnete und ein Gesicht sah, das sich über ihn beugte, wie er in Panik geriet und die Person, die ihm unbekannt vorkam, durch die Wohnung jagte, wie er sie würgte, wie er zur Besinnung kam und die Polizei abwimmelte, die vor der Tür stand, wie er am nächsten Morgen zum Interview fuhr.

Fast ein Jahr lang lag die fertige Geschichte in der Redaktion. Aus einem geplanten und immer wieder verschobenen Drogen-Dossier wurde nichts; dann kam der Friedman-Skandal. Da ging es um Koks, um Menschen, die Drogen nehmen, um kreativ zu sein oder sich wenigstens so zu fühlen. Ein Phänomen dieser Zeit, Jörg Böckems Drogenberater kennt einige dieser Leute: erfolgreiche Menschen aus dem Marketing, der Werbung, den Medien. Aber ein erfolgreicher Junkie, das gibt es eigentlich gar nicht. Jörg Böckem spritzte sich Heroin, und Heroin lullt zu sehr ein, als dass man unter dem Einfluss arbeiten könnte. Wenn Jörg Böckem schrieb, war er so nüchtern, wie es eben ging.

Koks oder Heroin, egal, auf einmal passte das Thema Drogen ins Blatt. Das war der Anfang vom Ende des Doppellebens. Und wer nun Jörg Böckem gegenübersitzt, hofft, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, dass er aushält, was jetzt auf ihn zukommt.

Die „Spiegel“-Geschichte, sagt er, war der Testballon, noch ohne Autorenname, weil er nicht wusste, was passieren würde. Das Echo war enorm. Der Text war Kantinenthema; die Kollegen rätselten, wer unter ihnen der Junkie sein mochte. Einer sprach ihn an, ob er der Autor sei. Aber es gab keine Verachtung, keine Häme, nur einen Leserbrief, der ihn eher amüsierte: „Geh doch arbeiten, oder bist du zu viel auf Schwulenpartys?“ Ein weiterer Brief stammte von einer Mutter, deren Sohn im Jahr zuvor an einer Überdosis gestorben war. Sie bedankte sich; nun könne sie sich besser vorstellen, wie es ihrem Sohn in den letzten Monaten seines Lebens gegangen sei. Außerdem meldete sich die Deutsche Verlagsanstalt: Ob er nicht ein Buch schreiben wolle. Vier Monate hat er daran gearbeitet, es heißt „Lass mich die Nacht überleben“. Die Geschichte von 24 Jahren Drogenexzessen, Abstürzen und Rettungen, Sex, Punk, Rebellion.

Das Schreiben war keineswegs nur Schmerz. Die Kapitel über die ersten Jahre, als er silberne Leggins trug und in der Innentasche seiner Lederjacke eine Ratte spazieren trug, als die Sucht noch ein großes Abenteuer war und die Mädchen leicht ins Bett zu bekommen waren – es machte gute Laune, die Zeit, in der alles anfing, in die Erinnerung zurückzuholen. Die Zeit, in der er sich unsterblich fühlte. „Es gab gute Gründe für mich, Drogen zu nehmen.“ Jörg Böckem bereut den Tod vieler Junkie-Freunde, er bereut das Leid, das er seinen Eltern angetan hat, aber nicht die Zeit, die er mit der Droge verbracht hat.

Wild und maßlos

Wie er dasitzt im Café, an seinem Mineralwasser nippt und die Worte wiegt, mag man kaum glauben, dass es sich um den Menschen aus dieser Geschichte handelt. Das Buch unter dem richtigen Namen erscheinen zu lassen, sei eine „schwierige und lange Entscheidung“ gewesen, sagt Jörg Böckem. Seine Eltern hätten es lieber gesehen, wenn er unter Pseudonym geschrieben hätte. Sie haben viel Energie darauf verwendet, Freunde und Nachbarn nicht merken zu lassen, welchen Weg ihr Sohn eingeschlagen hatte. „Meine Mutter leidet noch immer sehr an der Erinnerung.“ Es war schwer, sie darauf vorzubereiten, aber sie hat seine Wahl akzeptiert. Er wollte dieses Buch.

Böckem hat beruflich zwei schwierige Jahre hinter sich. In der Wirtschaftskrise gab es drastisch weniger Aufträge. Er fragte sich, ob er mit einem Outing einen weiteren Rückgang riskieren würde. Vielleicht würde er als unzuverlässig gelten. Dann siegte die Überlegung, wenn ihm ein gutes Buch gelänge, könnte sich seine Marktposition festigen.

Es ist diese Distanz zu sich selbst, die auch an seinem Buch beeindruckt. Er beschreibt den Hass auf seine Mutter, die es doch nur gut meinte, ihn nicht in den Kindergarten schickte, weil sie ihren Jungen nicht in fremde Hände geben wollte, die ihn mit ihrer Liebe erdrückte. Er rebellierte gegen das wohlgeordnete, enge Leben der Eltern in einem Ort nahe der niederländischen Grenze, wo es ein Neubaugebiet gab mit Doppelgaragen und Partykellern. Der Leser erfährt, wie die Suche nach dem wilden, maßlosen Leben ihn in eine ganz andere Enge trieb: eine Zelle im Amsterdamer Polizeipräsidium, wo er hörte, wie der Häftling nebenan abwechselnd würgte und nach Methadon schrie, das Abendessen kam um 16 Uhr 30, um 20 Uhr ging das Licht aus. Böckem war mit LSD, Kokain und Heroin im Gepäck geschnappt worden. Und dann schildert er minutiös, wie er sich als 20-Jähriger mit einer Freundin als Pornodarsteller versuchte und scheiterte.

Schreiben als Rettung

Wozu entblößt sich einer so? Er hat lange überlegt, sagt Jörg Böckem, ob er die Pornogeschichte weglassen sollte, aber sein Buch sollte ehrlich sein, authentisch. Vielleicht hat die radikale Offenheit, mit der er über seine Exzesse schreibt und redet, damit zu tun, dass er all das unzählige Male in Therapiesitzungen hin und her gewendet hat. Er hat seine Therapien immer sehr ernst genommen, sagt er. Nur so hatte er eine Chance.

Es hat tatsächlich funktioniert. Nach seiner ersten Therapie zog Jörg Böckem nach Hamburg, in eine Wohngemeinschaft von Ex-Junkies, und fand mit einem Praktikum bei der Zeitschrift „Tempo“ den Einstieg in den Journalismus, der immer sein Traumberuf gewesen war. Die „Tempo“-Kollegen wussten von seiner Vergangenheit, auch Chefredakteur Michael Jürgs, der sich heute erinnert, Böckem sei unglaublich schüchtern gewesen, „ein verängstigter Mensch, der immer dachte, es geht ihm an den Kragen“. Jürgs gab ihm einen Auftrag und sagte: Wenn der Text gut wird, bekommst du ein Volontariat. „Das Schreiben war seine Rettung vor der Sucht“, sagt Michael Jürgs, „und er hat es geschafft.“ Jörg Böckem bekam die Volontärsstelle; danach arbeitete er für die renommiertesten Auftraggeber. Er war zuerst sehr stolz und bald sehr gelangweilt. Nach einem etwas zu harmonischen Silvesterabend mit Freunden und ohne Drogen konnte er es nicht mehr ertragen: „Ich fühlte mich älter, als ich je werden wollte.“ Am Neujahrsmorgen fuhr er zum Hauptbahnhof. Er war 29 und wieder drauf, nach fünf Jahren.

Als er das erste Mal Heroin nahm, war es, als hätte er auf der Suche nach der großen Liebe endlich die Richtige gefunden. Die Droge Heroin, findet er, hat tatsächlich etwas von einer Frau: Sie packt in Watte, sie behütet, nimmt alle Schmerzen, alle Angst. Heroinabhängige, sagt Jörg Böckem, suchen Schutz. Nur ist Heroin eine Frau, mit der man auf Dauer keine Beziehung führen kann, weil sie zu vereinnahmend ist. Die Sorte, mit der man den Kontakt abbricht, wenn es vorbei ist. Der Satz „Wir können Freunde bleiben“, an den Jörg Böckem sowieso nicht glaubt, funktioniert beim Heroin erst recht nicht.

In den letzten Jahren war die Sucht nur noch Leiden. Sein Körper wollte ständig mit der Droge gefüttert werden, und er wurde immer gefräßiger. Um seinen Heroinverbrauch zu finanzieren, versetzte Jörg Böckem seine CD-Sammlung. Seine Texte schrieb er immer häufiger vom Krankenhaus aus, wenn er wieder mal entgiftete. War er wieder drauf und musste zum Interviewtermin fliegen, kam ein verspätetes Flugzeug einer Katastrophe gleich. In diesen Rückfall-Phasen schrieb er nur extreme Geschichten: Reportagen über Teufelsaustreibungen, über Cage Fights in Holland, Kämpfe ohne Regeln.

Dass ihn seine Freunde in all der Zeit nicht fallen ließen, „hat mir den Arsch gerettet“, sagt Jörg Böckem. In der Drogentherapie der 80er Jahre habe es geheißen, man müsse einen Süchtigen fallen lassen, er müsse in der Gosse landen, sonst höre er nie auf. Zum Glück, findet Jörg Böckem, haben seine Freunde sich nicht daran gehalten. Während der Wartezeit auf einen Therapieplatz, als er nicht mehr genug arbeiten konnte und kurz davor stand, seine Wohnung zu verlieren, lieh ihm eine Kollegin 1500 Mark. Eine andere ließ ihn bei sich wohnen, als er es zu Hause nicht mehr aushielt, und führte für ihn die Interviews, für die er keine Kraft mehr hatte. Seine Freunde, sagt Jörg Böckem, blieben sein letzter Anker, „sie haben mein Leben gerettet“.

Der Anruf des Dealers

Er ist clean, seit drei Jahren. Die Angst vor dem Erwachsensein, die ihn in die Drogensucht getrieben hat, ist weg, „ich stehe nicht mehr unter Erlebensdruck.“ Er sagt, er genießt das Gefühl, älter geworden zu sein, er kann Abende vor dem Fernseher verbringen, mit Freunden essen, „und um eins bin ich müde“. Einen Rückfall kann man nie ausschließen, Jörg Böckem ist da realistisch: „Mich hat nie etwas davon abgehalten, rückfällig zu werden, nicht das Geld, nicht der Job.“ Doch nachdem er das Buch geschrieben hat, weiß er, dass es nie wieder möglich sein wird, gleichzeitig Drogen zu nehmen und weiterzuarbeiten. „Ich schlage damit eine Tür zu.“ Das ist ein gefährliches Experiment.

Für die „Zeit“-Rubrik „Ich habe einen Traum“ hat Jörg Böckem häufig Prominente interviewt. Er sei immer erstaunt gewesen, dass seine Gesprächspartner tatsächlich Träume gehabt hätten, er selbst hatte nie welche, auch heute nicht, allenfalls einen, der für keine Geschichte taugen würde: mit seiner Freundin in einer schönen Wohnung zu wohnen, mit ihr Kinder zu haben und von seiner Hepatitis C geheilt zu werden.

Vor ein paar Tagen hat sein alter Dealer angerufen. Er wollte die neue Handynummer durchgeben, für den Fall, dass sein alter Kunde doch mal wieder draufkommt. Jörg Böckem hat gesagt: Nein, ich brauche die Nummer nicht.

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