Zeitung Heute : Wie gefunden so verschwunden

Saddam ist gefasst, aber keiner weiß, wohin ihn die Amerikaner gebracht haben. Die Iraker zucken nur die Achseln.

Susanne Fischer[Bagdad]

Es gibt an diesem Tag in Bagdad tatsächlich Dinge, die viele Iraker mehr beschäftigen als die Festnahme von Saddam Hussein und die Frage, wohin die Amerikaner ihn wohl gebracht haben. Zum Beispiel Benzin. Schlangen an den Tankstellen sind in Bagdad ein vertrautes Bild.

Doch seit etwa zehn Tagen sind die Straßen von Bagdad zu einer Art Freiluftparkhaus mutiert. In zwei bis zu drei Kilometer langen Reihen ziehen sich wartende Autos über Brücken und um Kreisverkehre hin und legen den ohnehin chaotischen Verkehr zusätzlich lahm. Selbst nachts lösen sich die Schlangen der Wartenden nicht mehr auf, viele Autofahrer schlafen gleich auf der Rückbank im Wagen.

Wo ist Saddam? Was soll jetzt mit ihm geschehen? Auf die Fragen, die derzeit die Welt beschäftigen, reagieren viele Iraker lediglich mit einem Achselzucken. „Mechalif“, egal, sagt ein älterer Mann, der seinen fast schrottreifen Passat einen Meter weiter in Richtung Zapfsäule schiebt, „ich stehe hier seit sechs Stunden, Saddam ist gefasst – aber davon wird mein Tank noch nicht voll.“

„Saddam steht für 35 Jahre unseres Lebens“, sagt ein paar Straßen weiter der Besitzer eines hochmodernen Internet-Cafés. „Ob er im Gefängnis ist, im Ausland oder tot, aus unseren Köpfen wird er so schnell nicht verschwinden.“ Der US-Sender CNN hatte gestern berichtet, Saddam sei auf eine Militärbasis im Golfstaat Katar gebracht worden, was später von der US-Armee allerdings dementiert wurde. Sollten die Amerikaner Saddam tatsächlich außer Landes gebracht haben, würde das die wenigsten Iraker überraschen. Immer wieder kam in den Monaten seiner Flucht das Gerücht auf, Saddam sei längst nicht mehr im Irak, die Amerikaner selbst hätten ihn außer Landes gebracht. Vor allem die neue Boulevardzeitung „Al Schahid“, „Der Zeuge“, hatte mit Vorliebe immer wieder berichtet, wie Saddam Hussein von der CIA wahlweise nach Russland, New York oder Kuwait gebracht worden sei, natürlich mit seinem Einverständnis.

In Bagdad allerdings gab es am Montag Hinweise, dass Saddam Hussein auf das kilometerweit abgesperrte Flughafengelände gebracht worden sein könnte. Ohnehin nur für einen erlesenen Kreis von Geschäftsleuten, Übersetzern und Militärangehörigen zugänglich, war der „Bagdad Airport“, der früher natürlich „Saddam Airport“ hieß, gestern vollständig abgesperrt. Selbst die Bauunternehmer, die dort für die US-Armee arbeiten und mit ihren Spezialausweisen sonst problemlos die Militärsperren passieren, wurden abgewiesen. Augenzeugen wollen zudem Paul Bremer gesehen haben, wie er mit mehreren Mitgliedern des Regierungsrats auf das weiträumige Flughafenareal fuhr.

Am Flughafen wäre Saddam Hussein in illustrer Gesellschaft. Dort sitzen viele seiner früheren Gefährten seit Monaten in einem der insgesamt drei Gefangenencamps, darunter der ehemalige Außenminister Tarik Asis, Hassan Ali al Majid, besser bekannt unter dem Spitznamen Chemie-Ali, der für den Giftgasangriff auf die Kurden verantwortlich war, und Saddams früherer Leibwächter Abed Humud. Außerdem sitzt dort eine unbekannte Zahl mutmaßlicher Al-QaidaKämpfer in Haft. Aber egal, wo die Amerikaner ihren wichtigsten Gefangenen festhalten, es wird wohl eine Einzelzelle sein. Schon aus Angst, er könnte einem Racheakt zum Opfer fallen.

Das genaue Verfahren, mit dem Saddam Hussein nun zur Rechenschaft gezogen werden soll, ist noch unklar. Sicher scheint aber, dass er im Irak vor Gericht gestellt werden soll – vermutlich vor das gerade neu geschaffene Irak-Tribunal. Ein Sprecher von Ahmed Chalabi, der die Charta für das Tribunal maßgeblich ausgearbeitet hat, kündigte an, Saddam werde ein Verfahren bekommen, das allen rechtstaatlichen Anforderungen genügen werde. „Er wird einen Verteidiger bekommen, das Recht haben zu schweigen, es wird ein öffentlicher fairer Prozess. Kurzum: Er bekommt all das, was er den Irakern immer verweigert hat.“ Chalabi ist Chef des irakischen Nationalkongresses, dass ausgerechnet er den Rahmen dieses Gerichts gestaltet hat, sehen viele Iraker als Makel. Chalabi, Hätschelkind von Donald Rumsfeld und wegen betrügerischen Bankrotts in Jordanien in Abwesenheit zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt, gehört zu den unbeliebtesten Personen in der neuen Politikerriege im Irak. Chalabi wolle nur eins, sich selbst bereichern, wird ihm immer wieder vorgeworfen. „Und er wäre so gern unser nächster Präsident“, sagt der Betreiber des Internet-Cafés. „Aber es würde keine zwei Tage dauern, dann wäre er tot.“

Natürlich wird nach der Festnahme Saddams auch über die Todesstrafe debattiert. Von Saddam Hussein selbst häufig und willkürlich angewendet, wurde sie von den Amerikanern mit Beginn der Besetzung vorläufig ausgesetzt. Erst in der noch zu schaffende Verfassung soll festgelegt werden, ob die irakische Justiz die Todesstrafe anwenden wird oder nicht.

„Tod Saddam“, hallten nach der Verkündung seiner Festnahme hier und da Rufe durch die Straßen Bagdads. Doch welche Strafe auch immer der frühere Diktator schließlich für seine 35 Jahre währende Gewaltherrschaft erhält – die Todesstrafe wird ihn so schnell nicht ereilen. Dazu haben die Amerikaner noch viel zu viele Fragen an den bis vor kurzem meistgesuchten Mann der Welt.

Denn sicherer ist der Irak nach der Verhaftung Saddams nicht geworden. Erst gestern haben schwer bewaffnete Anhänger Saddam Husseins zwei Polizeiwachen in Bagdad angegriffen. Von umliegenden Dächern aus schossen sie mit Schnellfeuergewehren und warfen Granaten. Und auch am Sonntag hinterließen Bomben eine inzwischen erschreckend vertraute Szenerie: zersprengte Leiber, Autos in tausend Einzelteilen. Ein weiteres Auto, das bereits am Sonntagabend im Zentrum von Bagdad in der Nähe des häufig von Journalisten bewohnten Palestine Hotels in Flammen aufging, enthielt, wie sich später herausstellte, keine Bombe. Es ging wieder mal um – Benzin. Ein Schwarzmarkthändler hatte auf der Ladefläche seines Pick-ups mehrere Fässer Treibstoff geladen und geparkt. Ein Querschläger aus einer Kalaschnikow, die zu Ehren der Festnahme Saddams abgefeuert wurde, setzte erst ein Fass und dann das ganze Auto in Brand. So gesehen hat Saddams Verhaftung die Benzinkrise in Bagdad sogar noch verschärft. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben