Zeitung Heute : Wie geleckt

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Die Rosenbergers auf Familienausflug. „Mal kieken, wat et Schönet hier jibt“, sagt Vater Rosenberger vergnügt. Sich durch alle Käfige mit den süßen Katzen, Hasen, Meerschweinchen und Hunden durchzukieken, dauert schon mal den ganzen Nachmittag. Kann ja auch. Ist ja Familienausflug. „Meistens nehmen wa denn ooch wat mit.“ Im neuen Tierheim in Falkenberg gefällt es Norbert Rosenberger richtig gut – er sagt, er sei begeistert. Mit der Betonarchitektur hat er keine Probleme. Alles so schön hell und aufgeräumt. Und nicht mehr dieses brutale Kläffen der Hunde wie in den Reihenzwingern in Lankwitz. Der Mensch also fühlt sich wohl in der „Stadt der Tiere“, dem größten Tierheim Europas, ein halbes Jahr nach der Eröffnung. Und was ist mit den Tieren?

Das kann nur eine wissen: Anne Mill, Tierärztin aus Lichtenberg. Sie hat die Oberaufsicht über das Wohlergehen der rund 600 Heimtiere und das letzte Wort, wenn ein aggressiver Hund eingeschläfert werden soll. Frau Mill lobt die großzügigen Zwei-Raum-Käfige mit Durchgang von innen nach außen, mit Lüftung und Fußbodenheizung. Von diesem Luxus konnten die Tiere im alten Heim in Lankwitz nur träumen. Ob sie wirklich geträumt haben, weiß man aber nicht, also kann auch Expertin Mill nicht dafür bürgen, dass die Vorteile einer modernen Gebäudetechnik das Verhalten der Insassen zum Positiven verändert. „Tiere in Gefangenschaft zu halten, ist niemals artgerecht.“ Für ein Tierheim habe man in Falkenberg schon sehr gute Bedingungen geschaffen. Die neuen Anlagen seien „entschieden besser“ als die alten in Lankwitz.

Ein Manko sind allerdings die fehlenden Abstellkammern für Futter, Material, Transportkisten und Decken. Die hat der Architekt vor lauter Gestaltungsdrang einfach vergessen. Probleme gibt es auch bei den neuen Außenzwingern. Die Zäune wurden nicht hoch genug bemessen – es besteht Fluchtgefahr. Die eigenwillige Architektur des neuen Heims zwingt auch die Tierärzte, sich zu positionieren. Auf der Loggia des Langhauses, in dem die Katzen wohnen, wird Anne Mill nachdenklich. Doch ein bisschen erinnere das schon „an das Parteitagsgelände in Nürnberg“. Aber hätte man denn Brandenburger Fachwerkhäuschen hinstellen sollen? Frau Mill hat sich entschlossen, die Architektur gegen ihre Kritiker zu verteidigen. Sicher, hinter den mächtigen, fensterlosen Mauerringen könnte man auch ein Straflager vermuten, aber anders seien die umliegenden Siedlungen nicht vor dem Lärm der kläffenden Hunde zu schützen. In Lankwitz habe es deswegen immer wieder Ärger mit den Bewohnern gegeben. In Falkenberg gibt es eben dicke Mauern. Das neue Tierheim wurde in erster Linie für den Menschen gebaut, sagt Heim-Sprecherin Carola Ruff. Die Vorteile von Falkenberg macht sie an einem einfachen Experiment fest. Sie stellt sich in das Zentrum eines der Zwingerrondells, in denen jeweils zwölf Hunde untergebracht sind, und spricht erfolgreich über den Lärm hinweg. In Lankwitz sei jeder Dialogversuch in einer wilden Bellorgie untergegangen. Sowas schreckt den Tierinteressenten ab. „Und die Hunde waren abends fix und foxi.“

In Falkenberg sind die Hunde durch Glasscheiben getrennt. Jetzt können sie sich sehen, aber nicht mehr verletzen oder anstecken. Besser sehen können auch die Menschen. Jedes Tier wird in seiner Behausung bewusst ausgestellt. Die Katzen liegen in ihrem Glaskäfig wie in einer Museumsvitrine. So steigen die Vermittlungschancen, sagt Frau Ruff, und: Jeder Besucher kann selbst beurteilen, wie gut das Tier gepflegt wird. Dieser Vorteil ist aber zugleich ein Nachteil. Wenn der Mitleidseffekt wegfällt, wird auch der Helferimpuls deaktiviert. Ein gut gepflegtes Tier muss niemand mehr aus dem Heim erlösen.

Die fehlende Privatsphäre bedeutet für die Tiere zumindest in den ersten Tagen Stress, erklärt Amtsärztin Mill. Danach gewöhnen sich die meisten an die Big-Brother-Welt. Während die Hunde jaulen, kläffen, winseln oder sterbenstraurig gucken, sieht man den Katzen nichts an. Sie liegen reglos in ihren Körbchen, interessieren sich für die mächtigen Klettertürme aus Beton nicht die Bohne und leiden auf jeden Fall mehr als die Hunde, sagt Frau Ruff. Heim-Katzen haben nicht nur ihre Familie verloren, sondern auch die gewohnte Umgebung. Dafür werden sie schneller vermittelt. Die 72 Katzen, die man im Februar aus einer Wohnung holte, sind fast alle wieder weg. Das Katzenhaus steht halbleer – bis auf Ladenhüter wie Brian, acht Jahre, Protestpinkler und zickig zu kleinen Kindern oder Zweitkatzen.

Bei den Hunden ist das optimierte Vermittlungs-Konzept noch nicht aufgegangen. Schuld ist die verschärfte Hundeverordnung. Die 220 Boxen sind zu beinahe 70 Prozent mit Kampfhunderassen belegt, die quasi nicht vermittelbar sind. Für sie ist das Tierheim vor allem Verwahranstalt. Ähnlich wie beim Menschen droht nach langem Aufenthalt hinter Gittern der „Zwingerkollaps“. In einer Art U-Haft sitzen auch die Hunde, die zur staatlichen Tiersammelstelle im Heim gehören. Sie wurden ihren Besitzern weggenommen – etwa wegen mangelnder Pflege oder ausstehender Steuerzahlungen – oder sind Gegenstand von Gerichtsverfahren. Ein zutraulicher Schäferhund-Mischling ist schon acht Monate im Heim, weil er über einen Gartenzaun sprang und zum gerichtlichen Streitfall wurde. Der könnte sofort vermittelt werden, aber der Staatsanwalt lässt nicht mit sich verhandeln.

Im neuen Tierheim wird noch weiter gebaut. Der Seminarsaal mit Bühne und das Langhaus für die Kleintiere sind noch nicht bezugsfertig, ebenso wenig die Empfangshalle samt Beratungstrakt. Als Service sind Computerterminals geplant, in denen die Besucher das aktuelle Tierangebot schon mal digital vorsortieren können. „Die Leute sind doch Fernsehgucker“, sagt Frau Ruff, nun doch etwas grummelnd. Dann müsse man ihnen auch Fernsehen bieten.

Draußen im 16 Hektar großen Gelände werden Wege zum Herumspazieren angelegt. Es gibt noch genug Platz für viele weitere Rondellzwinger und Langhäuser. Die ersten Erweiterungen sind fest eingeplant. Das Tieraufkommen einer Stadt wächst mit der Einsamkeit ihrer Menschen. Auf dem Gelände können sich die Menschen problemlos aus dem Weg gehen. In der Weite des Raumes, auf einem der geländerlosen Stege zwischen den Löschteichen, erscheint plötzlich ein Gemälde: schneeweißer flatternder Arztkittel vor monotonem Hellgrau der Betonlandschaft – sehr ausdrucksstark. Die Schritte unter dem Kittel werden verschluckt – alles ist ruhig und gedämpft dank der dicken Mauern. Auch den flachen Gewässern mit Uferzone entströmt ein Unbehagen. Amtsärztin Mill weiß nur eins: Die Menschen werden die ambitionierte Architektur unterlaufen und bald die ersten Schildkröten aussetzen. Die fühlen sich hier bestimmt wohler als zu Hause im Aquarium.

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