Zeitung Heute : Wie Gott in Bayern

Der Tagesspiegel

Von Mirko Weber, München

Man muss sich das so vorstellen: Zwei Männer radeln auf der Leopoldstraße in Richtung Münchner Freiheit. Der eine davon ist der Oberbürgermeister Christian Ude. Und weil der etwas schneller radelt, überholt er bald den anderen. Dieser ist der so genannte Kritikerpapst von der „Süddeutschen Zeitung“, Joachim Kaiser. Da man einen Papst aber nicht so einfach überholt, bremst der Oberbürgermeister jäh ab, springt vom Fahrrad, man kennt sich, man begrüßt sich, und sofort sind die beiden Radfahrer in ein tiefes Gespräch verstrickt. Man darf sich den Journalisten und den Politiker übrigens auf ungefähr demselben intellektuellen Niveau vorstellen. Denn bei Udes zu Hause sind früher die Bücher manchmal bis über den Rand der Badewanne gestapelt worden, der Vater war Literaturredakteur.

Von ihm hat der Bub einiges geerbt, unter anderem die Liebe zum Lesen und Schreiben. Und eben die Liebe zu München, die keinesfalls selbstverständlich ist. Es gibt genug Menschen, die an dieser Stadt leiden, aber beim Juristen Christian Ude ist nun wirklich das Gegenteil der Fall. Weil die Bewohner von München das merken, haben sie ihn gerade wieder zum Oberbürgermeister gemacht, mit 64,5 Prozent, und eine rot-grüne Mehrheit im Stadtrat hat es obendrein noch gegeben. Allerdings ist auch nur jeder Zweite überhaupt zur Wahl gegangen.

Davon abgesehen, hat selbst der vom Erfolg verwöhnte Oberbürgermeister nicht mit einem so deutlichen Sieg gerechnet und schon gar nicht mit einer Bestätigung für Rot-Grün. In den letzten Tagen vor der Wahl hatte Ude deshalb manchmal ein wenig maskenhaft fröhlich gewirkt, weil er nichts mehr fürchtete als eine Große Koalition mit den Schwarzen, denn das hätte andauernd langwierige Verhandlungen bedeutet, und langwierige Verhandlungen mag Ude, der Entscheider, gar nicht.

Die CSU aber hat sich in München selbst erledigt mit ihrem Kandidaten Hans Podiuk, dem bis zum Schluss jeder angemerkt hat, dass er selber von sich dachte, er sei der Falsche. „Depperter und tollpatschiger“ habe man sich nicht anstellen können, befand Konkurrent Ude.

Dass sein Fell am Ende dieses Wahlkampfs nicht mehr sonderlich dick war, konnte man auch daran merken, dass der OB ziemlich gereizt reagierte, als ihm Siegmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk leicht verquält gratulierte. Da war es schon nach acht Uhr, und es hatte wirklich jeder von der CSU seinen Senf zur Wahl geben dürfen. Nun also war endlich uns Ude dran, ein, wie gesagt, etwas vergrätzter Ude, der in Beleidigtheitsmomenten die Unterlippe auf eine Art und Weise vorschieben kann, dass man denkt, er wäre der Hans-Jochen Vogel, sein Vorvorgänger. Doch Ude verfügt über das Talent, von sauer auf lustig umzuschalten, ohne dass man’ s groß merkt. Also gab der OB Gottlieb zu verstehen, dass er schon Verständnis habe, dass er so lange auf ein Interview warten musste, weil München ja nun mal nicht die wichtigste Stadt in Bayern sei, sondern nur ein unbedeutendes Dorf am Rande der Alpen. Ironie und Siegmund Gottlieb jedoch sind zwei Begriffe, die sich ausschließen, Ude erntete ein verkniffenes Gesicht.

Überhaupt war es ein vergleichsweise düsterer Abend für den Bayerischen Rundfunk, dessen Hauptnachrichtensendung mit dem unschlagbar seriösen Moderatorenausruf: „Die Enttäuschung ist groß“ eröffnet wurde. Dass München nicht zu gewinnen war, hatten sie in der CSU erwartet, dass aber Nürnberg schon wieder auf der Kippe steht, war nicht einberechnet. 1996 erst hatten sie das jahrzehntelang rote Rathaus gestürmt, nun erreichte der Herausforderer Uwe Maly von der SPD fast 50 Prozent und erzwang eine Stichwahl. Auch Würzburg ist für die CSU noch nicht entschieden. Sicher holte man sich hingegen Regensburg, Erlangen und Ingolstadt, weswegen eigentlich keine Rede davon sein kann, es habe sich die Stimmung gegen den Kandidaten Edmund Stoiber verkehrt. Nein, der wird, so viel ist Gewissheit beim Bayerischen Rundfunk, am 22. September zum Kanzler gewählt.

Das Datum immerhin gibt ihm Gelegenheit, bis dahin noch einmal einen Blick auf Amtsführung und Stil des Kollegen Ude zu werfen, der nie höher hat hinaus wollen, als Erster in München zu sein. Das genügte ihm, und das genügt ihm immer noch. Er hat Spaß dran, in seinem Schwabinger Dorf auf der Dachterrasse zu stehen, noch einmal die Katze zu streicheln und dann aufzubrechen: Leopoldstraße, Münchner Freiheit, Occamstraße, Haimhauserstraße, Kleinhesseloher See. Was braucht ein Stadtmensch mehr als den Englischen Garten, sagt Ude immer.

In Wahrheit braucht er persönlich schon noch einiges dazu. Denn ohne seinen Job, den er seit nunmehr zwölf Jahren arbeitsaufwändig ausübt, wollte er nun mal nicht sein. Anders lässt es sich nicht erklären, dass dem OB keine Einweihung zu läppisch, keine Übergabe zu gering und keine Eröffnung zu unbedeutend ist. Er kommt. Und schüttelt Hände. Und redet. Er kann gut reden. Notfalls kann er sogar mitten im Reden noch ein wenig seine Meinung ändern, was nichts mit Wetterwendigkeit zu tun hat, sondern mit Gefühl: Ude weiß, was Menschen wünschen, und als sie zum Beispiel zuletzt mehrheitlich genug von den Transrapid-Plänen hatten, hatte auch Ude genug davon und sagte es deutlich. Der Transrapid ist Zukunftsmusik, die S-Bahn Gegenwartsgequietsche, und das obwohl dem Radfahrer Ude bekannt ist: Sie kommt oft zu spät.

Nun ist aber auch nicht nur Sonne um ihn, Christian, den ungekrönten König von München. Die nach dieser Wahl etwas ramponierten Grünen fuchst es manchmal schon, dass Ude mit ihnen im Stadtrat oft umspringt, als hätte er sie erfunden. Zuletzt jedoch ist es vor allem bundespolitischer Schatten gewesen, der sich über die unverkennbar höher werdende Stirn des Stadtvaters gelegt hat. Es ist dem Bürger Ude nämlich nicht entgangen, dass die Parteiführung in Berlin den Kontakt zur Basis ziemlich schleifen lässt, und das ärgert jemanden wie Ude, der um jeden zusätzlichen Kindergartenplatz persönlich kämpft. Richtig ist außerdem, dass er den Wohnungsbau nicht gerade erfunden hat. Was aber auch stimmt, ist, dass Ude die Stadt München in eine Art von wirtschaftlicher Dauerblüte versetzt hat. Es kommt hier einfach nicht jeder rein, der möchte.

Der jetzt für sechs Jahre bestätigte OB will umgekehrt eigentlich nicht mehr raus hier, es sei denn im Sommer, wenn es ihn mit seiner Frau, der Fotografin Edith von Welser, nach Mykonos zieht. Den Rest des Jahres geht Ude zum Schwabinger Griechen ums Eck. So teilt man sich die Welt ein, wenn man in München ein glücklicher Mensch ist.

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