Zeitung Heute : Wie Grundwasser Geld in die leeren Kassen spült

GIDEON HEIMANN

Wenn etliche Berliner etwas darüber lesen und hören, daß an anderen Stellen dieser Welt Wasser Mangelware ist, können sie bestenfalls lachen.Denn bei ihnen schwappt der Grundwasserspiegel mitten durch den Keller.Schließlich ist der Berliner Verbrauch in den seit der Wende vergangenen Jahren um ein Drittel auf etwa 220 Millionen Kubikmeter pro Jahr gesunken, der Pegel hat sich also deutlich erhöht, was zum Beispiel in Rudow, in der Nähe des Wasserwerks Johannisthal, zu Problemen in den Häusern führte.

An die Frage, wer schuld an der Situation ist, wollen wir noch nicht einmal denken, denn da setzt man sich nur zwischen alle Stühle.Hier nur so viel: Die Verwaltung sagt, "Die Bauherren haben drauflosgeplant, ohne sich an den 1945 gemessenen Höchst-Pegelständen zu orientieren.Dies wäre ihre Pflicht gewesen, dann hätten sie eine wasserfeste Wanne installiert und trockene Keller." Darauf kontern die Bürger: "Noch nicht einmal die Bauämter hatten in den 60er Jahren geglaubt, daß die Grundwasserstände noch einmal steigen könnten.Niemand hat damals das Thema Wanne überhaupt erwähnt."

Immerhin wurde im Rudower Blumenviertel inzwischen eine Ableitung des Grundwassers in den Teltowkanal eingerichtet, die täglich 4500 Kubikmeter fortführt.Allerdings setzen die Wasserbetriebe auf der anderen Seite des Kanals acht Brunnen bis zum Herbst außer Betrieb, für eine marode Stromversorgung muß Ersatz geschaffen werden.Der Pegel in dem Gebiet ist wieder im Steigen begriffen, und der Streit zwischen Verwaltung und betroffenen Rudowern, der ohnehin schon ein paar Jahre läuft, dürfte nun in die nächste Runde gehen.

Ökologisch fragwürdig wirdÕs aber an ganz anderen Stellen der Stadt: vor allem an der Kuhlake in Spandau und im Bereich des Wasserwerks Jungfernheide, wird gereinigtes Havel- und Spreewasser dem Boden zugeführt.Diese Anlagen stammen noch aus den 70er und 80er Jahren, als man sich um sinkende Pegel sorgte.Um die 50 Millionen Kubikmeter sind das pro Jahr.Die könnte man jetzt eigentlich kräftig drosseln, jedenfalls dann, wenn es dabei rein um ökologische Gesichtspunkte und um Aspekte der Wasserversorgung ginge.

Doch der Betrieb wird aus rein finanziellen Gründen weiter auf dieser Höhe gehalten.Denn das, was die Wasserbetriebe anreichern, wird ihnen beim Grundwasser-Entnahmeentgelt gutgeschrieben.Von den geförderten 220 Millionen Kubikmeter Wasser werden also bei der Berechnung des Entgelts die 50 Millionen Kubikmeter abgezogen.

Zum Verständnis: Pro Kubikmeter Wasser, der aus dem Boden geholt wird, kassiert das Land Berlin ein Grundwasser-Entnahmeentgelt von 60 Pfennig.Dieser "Wassergroschen" war ursprünglich einmal eingeführt worden, um Altlasten im Einzugsgebiet der Wasserwerke zu sanieren, Ufer zu pflegen und zur Erhaltung der Gewässer beizutragen.Schnell jedoch mutierte das Entgelt zur willkommenen "Nebenbei-Steuer", die angesichts leerer Haushaltskassen nun noch interessanter ist.

Die Wasserbetriebe könnten jetzt auf etwa 15 Millionen Kubikmeter Anreicherung verzichten.Diese Zahl sei durchgerechnet und gesichert, sagt Pressesprecher Eike Krüger.Nur, dann müßten sie mehr Entnahmeentgelt zahlen, 15 Millionen Kubikmeter mal 60 Pfennig sind bittschön auch neun Millionen Mark.Wie teuer die Anreicherung ist, sagen die Wasserbetriebe nicht, es könnten vielleicht 30 Pfennig pro Kubikmeter sein.Die Differenz macht also 4,5 Millionen Mark, die letztlich von den Verbrauchern aufgebracht werden müßten.Und daran mag derzeit niemand denken, zum einen sollen Teile der Wasserbetriebe verkauft werden, zum anderen sind im Herbst Wahlen.

Aber man könnte doch den Wasser-Betrieben die Zahlung des Entgeltes für eben jene 15 Millionen Kubikmeter erlassen? Dem Boden wärÕs egal, die Zahlung an die Landeskasse würde sich nicht ändern und die bei der Anreicherung sinnlos verpraßte Energie wird gespart, was sich schonend in der Berliner CO2-Bilanz niederschlüge."Das haben wir auch überlegt", sagt Peter Schirmer, zuständiger Abteilungsleiter in der Umweltverwaltung."Aber das geht aus rechtlichen und formalen Gründen leider noch nicht.Doch auch hierüber muß noch einmal nachgedacht werden."

Und noch ein Gedanke: Flußwasser wird mit zunehmender Forschung immer suspekter.Zuviele Chemikalien wie etwa über die Toilette ausgeschiedene Medikamente, die die Klärwerke unbehindert passieren, könnten den Weg zurück ins Trinkwasser finden.Manche Stoffe sind an Brunnen schon meßbar - in gesundheitlich völlig unbedenklicher Konzentration, aber immerhin.Hinzu kommen Rückstände aus Landwirtschaft und Tiermedizin.Und dieses Zeug nun bewußt dem Boden zuzuführen, ist auch nicht gerade (öko)logisch, zumal dann nicht, wenn man auf das Wasser gut verzichten kann.

Demgegenüber ist es um das Stichwort Altlasten schon ruhiger geworden.Gerade Johannisthal liegt sozusagen als Insel in einem Meer früherer und teilweise auch heutiger Industriestandorte.Sanierungen laufen, und Untersuchungen haben ergeben, daß sich mit noch einiger Arbeit ein stabiler Zustand erreichen läßt, sagt Schirmer.

Das Fazit stimmt dennoch nachdenklich.Sicher, Berlin hat inzwischen Wasser genug im Boden.Es sieht auch nicht danach aus, als brächte die Entwicklung so viele Neu-Berliner, daß es in absehbarer Zeit knapp werden könnte.Andererseits geht es eben nicht nur um die Quantität des Trinkwassers, sondern auch um seine Qualität.Und darauf muß das Augenmerk weiterhin ruhen.Wasser bleibt also auch bei uns ein Thema, selbst wenn es im Moment hinter anderen verschwindet.

Übrigens ist am Montag der Internationale Tag des Wassers.Wer sich darüber informieren will, kann am morgigen Sonntag von 10 Uhr an zum Tag der Offenen Tür im Wasserwerk Beelitzhof (Wannsee) kommen.Fachleute aus der Umweltverwaltung, vom Umweltbundesamt und aus Fachinstituten stehen für Fragen zur Verfügung.

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