Zeitung Heute : Wie heißt dieser Platz?

Früher flanierten hier Lessing und Fontane. Heute breitet sich zwischen St.Marien und dem Roten Rathaus eine namenlose Brache aus. Wie die Altstadt Berlins unter den Rasen gekehrt wurde.

Von Klaus Hartung In den vergangenen Wochen lud die Marienkirche zur „Zukunftsmesse“. Ein neuer Ansatz und eine alte Idee: So wie im Mittelalter die Zünfte ihren liturgischen und zugleich sozialen Ort in der Kirche hatten, wurden nun auch Berufsgruppen gezielt eingeladen; zum Gottesdienst und zu einem anschließenden Empfang. Am letzten Sonntag waren die politischen Handwerker an der Reihe. Die Referenten, Büroleiter, Sekretärinnen der Bundestagsabgeordneten.

Der junge Pfarrer Johannes Krug begann: „Unsere Kirche steht unübersehbar zentral. Sie erinnert daran, dass der Glaube keine private Gesinnung ist, sondern ein öffentlicher Auftrag.“ Und er verwies auf das Gegenüber, auf das Rote Rathaus, dem Ort der weltlichen Macht, eine Zuordnung, die immer auch die Frage nach dem „rechten Maß“ aufwerfe. Ein schöner Gedanke, eine Erinnerung an die Vision der europäischen Stadt und ihres Stadtbürgers, dessen Wiederkehr auch Berlin heiß ersehnt. Das gehörte ja einmal zusammen, Glaubensbekenntnis, werktätiger Fleiß und Bürgersinn. Aber das Bürgertum hatte einen Ort, an dem sich sein Selbstverständnis manifestierte: das Zentrum. Doch steht St. Marien im Zentrum? An diesem Punkt beginnt die Vision des Pfarrers zu zerfallen, obwohl er historisch Recht hat. Wer sich auf die Gegenwart bezieht, muss verneinen, dass die Kirche „unübersehbar zentral“ liege. Im Gegenteil. Ihre Zentralität sieht der normale Berliner gar nicht.

Damit beginnen die Paradoxien des Ortes. „Es sieht so aus, als sei die Kirche willkürlich in eine moderne Umgebung hineingesetzt worden. Dabei ist es umgekehrt. Wir waren immer schon da.“ Gregor Hohberg sagt das, der zweite, auch sehr junge Pfarrer von St. Marien. Tatsächlich wirkt der gotische Bau wie eine Randexistenz, an die laute Liebknechtstraße geklemmt, halb versunken in der Tiefe der Historie, gerade noch geduldet von der Dominante des Platzes, der sozialistischen Stadtkrone, dem Fernsehturm.

Wie sehr sich die beiden Wirklichkeiten ausschließen, kann jeder drastisch erleben, der die Treppen hinabsteigt und den hellen Kirchenraum betritt. Da ist der grandiose Totentanz, die reich geschmückten Epitaphe der Ratsherren, Advokaten, Kaufherren und Stifter, da ist die Schlütersche Kanzel, die von einer Gloriole förmlich nach oben gezogen wird und den mächtigen Pfeiler zum Schweben bringt. Man betritt den Raum einer reichen, lebendigen Bürgergeschichte. Es ist die wahre Ankunft inmitten der Stadt. Das schwere Gemäuer dämpft das Dröhnen des Verkehrs. So erwartet man beim Verlassen der Kirche dichtes Markttreiben und lebensfrohe Straßen – und erlebt einen Kälteschock.

Da ist der Platz, ein klaffender Raum, Verkehr, mit Dimensionen ohne Maß. In dem großen Raum zwischen dem Palast der Republik und Fernsehturm verlieren sich die Menschen statt sich zu begegnen. Er wird nicht von den umliegenden Bauten gestaltet. Sie liegen am Rand, bilden einen Stadtrand. Ein peripheres Gefühl kommt auf. Keinerlei Reiz zum Schlendern. Nichts verlockt den Spaziergänger.

Was dieser Platz zur Anschauung bringt, ist weniger die Mitte einer Stadt, weniger die öffentliche Existenz der Städter. Vielmehr zeigt sich hier vor allem ein real existierendes Stück Hauptstadt der DDR. Es war die Staatsachse, die via triumphalis der sozialistischen Stadt, der Raumanspruch der dem Forum fridericianum entgegengesetzt wurde. Die krude Gewalt der Projektanten hat sich hier in Beton materialisiert. Hans Stimmann, der Senatsbaudirektor sieht darin die „Verstaatlichung und Entchristianisierung der Innenstadt“ vollendet.

Nach der Wende haben die sehnsuchtsvollen Hungerleider der Ost-Berliner Bauakademie diese Stadtplanung verklärt, haben die „DDR-Moderne“ erfunden und die „offenen Räume der sozialistischen Stadtplanung“ gefeiert. Bruno Flierl, der Vater des Kultursenators, ist einer der Protagonisten. Tatsächlich ist es aber eine verspätete Adaption der Nachkriegsmoderne: die stadtplanerische Großfigur, die 11- bis 14-stöckigen Hochhauswände, der „Liebknechtriegel“ und die „Rathauspassage“, die den Raum um den Fernsehturm umfassen sollten, aber in Wahrheit wie suburbane Zentren westdeutscher Trabantenstädte aus den 50er Jahren anmuten.

Unter dem großen Platz am Roten Rathaus, unter den Rasen, Rabatten, Pflasterungen ist ein Drittel von Alt-Berlin, ist der größte Teil des Marienviertels verschwunden. Selbst der Name des Viertels wurde gelöscht. Auf den 808 Seiten des detaillierten „Lexikon Berlin Mitte“ wird es nicht genannt. Nur der Stadthistoriker weiß, wo der Neue Markt, einer der beiden Altstadtplätze lag. Das war der Ort des Hochgerichts. Hier wurde 1324 der Bernauer Probst Nikolaus von wütenden Berlinern gelyncht. Sie lehnten sich gegen die Manöver des Papstes um die Landesherrschaft auf. Berlin wurde mit dem Kirchenbann bestraft. Das weiße Sühnekreuz neben dem Portal von St. Marien zeugt davon.

Spät, Anfang dcr 70er Jahre, als in Europa schon der Wert der Innenstädte wiederentdeckt wurde, liquidierten die Planer der Staatsachse Straßen und Gassen. Burgstraße, Heilige-Geist-Straße, Bischofstraße, Hoher-Stein-Weg, Neue Friedrichstraße, Kleine-Post-Straße – entschwundene Namen. In der Burgstraße, im Hotel „König von Portugal“, logierte Minna von Barnhelm. Fontanes alter Vitzewitz blickte aus dem Hotelfenster auf das Schloss vis-à-vis und sagte sich: „Das kann nicht über Nacht verschwinden.“ Nun ist beides verschwunden, Schloss und Viertel. Lessing wohnte in der Heilig-Geist-Straße; Paul Heyse kam da zur Welt. Moses Mendelsohn wirkte Ecke Spandauer/Liebknechtstraße. Genau genommen ist die Adresse der stieren Klassiker vom Marx-Engels-Denkmal Heilig-Geist-Straße Nr. 16.

Das alles ist dahin. Aber zur eigentümlichen Suggestion des Platzes gehört, dass über ihm die Stimmung des unbekannten Verlustes liegt. Er ist schwer beschreibbar. Seine Ornamentik erschließt sich nur aus der Höhe des Turmcafés. Die Kreisfiguren um Marx und Engels, die zusammen mit den Stelen und den eingeätzten Fotos der Arbeiterbewegung wie eine archaische Opferstätte wirken. Die Figur der Trümmerfrau mit dem Spaten und der Bauarbeiter mit der Spitzhacke bauen sich in schwerer Bronze vor dem Roten Rathaus auf. Hinter ihnen ihr Werk, die Tabula rasa? Wenn die Sonne scheint, kommen Menschen. Aber sie besuchen weniger den Platz, sondern haben bestimmte Absichten, lassen sich auf dem Schoß von Marx fotografieren, springen in den Neptunbrunnen, sonnen sich auf der Fernsehturmterrasse. Bei Kälte und Regen reißt der Fußgängerstrom vom Hackeschen Markt oder vom Lustgarten sofort ab. Trotz der nimmermüden Ambitionen des Grünflächenamtes liegt eine chronische Verwahrlosung über der Fläche.

Die Möblierung des Platzes hat sich nicht zu einer Form verbunden. Er wirkt wie ein überdimensionierter Flohmarkt, der Fundstücke ausstellt. Das Lutherdenkmal vom Neuen Markt ist an der Kirchenwand beinahe unsichtbar platziert. Der Neptunbrunnen von Begas wurde vom Schlossplatz entfernt. Über dem Ensemble schwebt etwas Unversöhntes. Das liegt nicht zuletzt an der Marienkirche. Sie ist, wie es sich gehört, nach Osten ausgerichtet, und bricht daher schräg in die Staatsachse ein. Liquidieren ließ sie sich nicht. Sie war gewissermaßen die Zentralkirche der DDR. Die Prediger des Westens traten dort an die Kanzel: Karl Barth, Heinrich Grüber, Martin Niemöller, Martin Luther King. Aber die Kirche wurde kleinlich bestraft.

Der graue Schaft des Fernsehturms dementiert das Aufragen des gotischen Turms. Die Bankreihen des Platzes kehren der Kirche den Rücken zu; sie liegt außerhalb des Wegeplanes. Die jungen Pastoren führen eine Art Kulturkampf. Gegen das Grünflächenamt habe sie die Öffnung der Bankreihen zur Kirche durchgesetzt. Die Bäume wurden gelichtet, damit man die Fassade wieder sieht. Zusammen mit einem prominent besetzten Förderkreis von St.Marien haben sie durchgesetzt, dass die Straßenbahnhaltestelle jetzt „Spandauer Straße/Marienkirche“ heißt. Ein kleiner Sieg im Kampf um die Rückeroberung des historischen Ortes und seiner religiösen Würde.

Aber es sind winzige Schritte auf einem langen Weg. Die meisten Berliner haben keine Erinnerung an den Ort. Man kann da wetten und zwei einfache Fragen stellen: Was ist der größte Platz im historischen Zentrum? Und: Wie heißt er? Das Ergebnis einer privaten Umfrage im Bekanntenkreis – immerhin unter mehr als 50 Berlinern – war jedenfalls deprimierend. Niemand konnte diese Fragen bislang richtig beantworten. Viele nannten den Gendarmenmarkt, den Schlossplatz, den sie zumeist an der falschen Stelle ansiedelten. Erst wenn man den leeren Raum zwischen der Rückseite des Palastes der Republik und dem Fernsehturm beschrieb, wurde zugegeben, dass das wohl ein Platz sei, der eigentlich mitten in Alt-Berlin liege. Und der Name? Auf Alexanderplatz oder Marx-Engels-Forum wurde getippt. Aber keinem kam in den Sinn, dass der Platz gar keinen Namen hat.

Die Wiege Berlins ist anonymisiert. Und nicht einmal das ist bewusst. Da aber Ortsangaben nötig sind, hat der Ort der Marienkirche auch einen Behelfsnamen: Sie steht im „Bereich um den Fernsehturm.“ „Dass der Fernsehturm in der Altstadt steht, ist den meisten Berlinern nicht bewusst“, sagt Stimmann.

Wie konnten die Berliner eine derartige Verwahrlosung der eigenen Herkunft zulassen, wie können sie so ignorant sein, nicht einmal den Verlust ihrer Stadtmitte wahrzunehmen? Welche Desensibilisierung hat bewirkt, dass selbst dasVakuum nicht gespürt wird? Gewiss, Alt-Berlin hatte die repräsentative Kraft einer reichsunmittelbaren Stadt, lag im Schatten des Schlosses, nachdem der Berliner „Unwille“ abgestraft war. Die symbolischen Orte der Transformation von der Residenz zur Metropole waren anderswo, die „Linden“, der Leipziger Platz, der Gendarmenmarkt oder gar der Kurfürstendamm. Aber der Flaneur Franz Hessel riet dringend zum Besuch: „Hier gibt es noch richtige Gassen, noch Häuserchen, die sich aneinander drängen und mit ihren Giebeln vorlugen, gar nicht weiter berühmt außer bei ein paar Kennern, aber auch nicht so leer oder nur so am Rande besiedelt, wie es die richtig sehenswürdigen Häuser sind.“ Jetzt, nachdem das urbane Potenzial der historischen Mitte genutzt wird, stelle man sich den Neuen Markt vor. Er wäre weit mehr als der Hackesche Markt Treffpunkt des neuen Berlin.

Vielleicht hat das untergegangene Marienviertel auch einen Standortnachteil. Seine Nicht-Existenz steht gewissermaßen im Schatten einer anderen Nicht-Existenz – der des Schlosses nämlich. So stark, wie diese gefühlt wird, wird die andere nicht gespürt. Wenn Wolf Jobst Siedler mit seinem Diktum – „Berlin ist das Schloss“ – Recht hat, dann könnte man hoffen, dass mit der Wiederherstellung des Schlüterbaus auch endlich wieder die Abwesenheit der Altstadt bemerkt wird. Immerhin wird in der Schlossdebatte schon von der „Stadtseite“ des „Palastes“ geredet, das heißt, von der Seite, wo die Stadt verschwand.

Aber das allein erklärt noch nicht die selbstverschuldete Demenz der Berliner. Stimmann sieht den Grund in einem antibürgerlichen Affekt. „Die geringe Bedeutung, die die Stadt dem Bürgertum beigemessen hat, setzt sich in der Geringschätzung der Altstadt fort.“ Diese bürgerfeindliche Haltung verschmilzt mit einer anderen Affektlage: der Abwehr des Zentrumsgedankens.

Nach der Wende gab es den großen Konsens zwischen der West-Berliner Intelligenz und der Ost-Berliner Intelligenzija: „Berlin ist polyzentrisch“. Dieser Refrain wird auch noch heute gesungen, ist der basso continuo aller Stadtplanungsdebatten. Natürlich hatte Berlin wie jede Weltstadt viele Zentren. Aber es hat zugleich nur ein Zentrum, von der geschichtlichen Herkunft her und unübersehbar von der Stadtstruktur vorgegeben. AltBerlin liegt genau in der Mitte, als Zentrum noch hervorgehoben durch den barocken Stern der Stadterweiterungen. Aber jene, die die Berliner Polyzentrik beschworen, hatten klare Interessen im Sinn. Die West-Berliner, weil sie den Bedeutungsverlust des Westteils befürchteten. Und die Ost-Berliner, weil dann Mitte dem Ostteil zugeordnet blieb. Das polyzentrische Berlin war die Verewigung der Teilung. So sprach man denn von Ost- und Westcity, eine Doppelstadt gewissermaßen.

In der ersten Ausgabe des „Planwerks Innenstadt“ 1996 wurde ein Rekonstruktionsvorschlag für das Zentrum vorgelegt. Es war ein vorsichtiger Versuch, traditionelle Strukturen zurückzugewinnen. Das alte Straßenmuster sollte wieder über die Fläche gelegt werden. Eine kirchhofähnliche Umbauung sollte die Marienkirche von der Übermacht des Fernsehturms befreien. Gegenüber dem Roten Rathaus sollte eine Markthalle entstehen. Der kleine Wochenmarkt, der am Dienstag und am Wochenende russische Fellmützen, Spreewaldgurken und Riesenbockwürste anbietet, bestätigt auf rührende Weise diesen Gedanken. Insgesamt sollte der diffuse Großraum aufgelöst werden in urbane Räume mit menschlichem Maßstab. Allein, dieser Teil des Planwerks ging unter im Wutgeschrei und Hohngelächter.

Für immer? Das ist eigentlich undenkbar. Irgendwann wird man die innerstädtische Peripherie nicht mehr ertragen; irgendwann wird man spüren, dass nicht das Zentrum fehlt, sondern das real existierende Nicht-Zentrum die Stadt im Kern zerteilt; irgendwann wird man die Augen öffnen und sehen, wie aggressiv die Betontatze des Fernsehturms die würdige Marienkirche angreift. Ein atheistisches Denkbild. Vielleicht wird der erwachende Bürgersinn, den die Regierung beschwört und zu dem sich immer mehr Berliner bekennen, dazu führen, dass endlich wieder das historische Zentrum angeeignet wird. Vielleicht wird durch die Rekonstruktion des Molkenmarktes, die jetzt beginnt, wieder eine Planung des Marienviertels in Angriff genommen und dadurch der Bürgersinn endlich auch den animierenden Ort finden. Jedenfalls wird die Hässlichkeit des namenlosen Platzes nicht überleben. Sie ist der Fluch der gelöschten Geschichte.

Vorerst bleibt die namenlose Trübe des großen Raums. Ich stehe mit dem Pfarrer Hohberg an der Kirchenpforte. Es ist dunkel. Das angestrahlte Rote Rathaus leuchtet, als stände es am anderen Ufer. Wie eine schwarze Wasserfläche wirkt der Platz. Kein Mensch ist zu sehen. Es zischelt in den Rosenrabatten. „Ratten“, sagt Hohberg, „ja, Ratten gibt es hier übergenug.“

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