Zeitung Heute : …wie ich durch Peter Zadek neue Freunde gewann

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Von Hellmuth Karasek

Peter Zadeks Hamburger „Othello“-Aufführung von 1976 war, zuerst, ein ungeheuerlicher Theaterskandal und wurde dann, nur wenige Tage danach, ein ebenso ungeheuerlicher Theatertriumph. Der damals 50-jährige Zadek, der immer ein leicht kritisches Nölen in der Stimme hatte, war ein aufregend wechselhafter Mensch: Er konnte charmant, liebenswürdig, menschenfängerisch sein, um im nächsten Augenblick düster, schroff und mit zynischer Schärfe auf sein Gegenüber zu reagieren. Er war ein Workaholic in Schüben, wenn er inszenierte, steckte er seine Schauspieler mit seiner begeisterten und begeisternden Rücksichtslosigkeit an: Er ging bei der Arbeit über Leichen, aber die „Leichen“, die sich bis zur Erschöpfung und Selbstaufgabe verausgabten, opferten sich ihm widerwillig willig. Schauspieler(innen) wie Eva Mattes und Uli Wildgruber hat er erschaffen: indem er sie mit anfeuernden Peitschenhieben zu sich selbst befreite. „Othello“ war eine seiner radikalsten, konsequentesten Arbeiten.

Als gegen Ende Wildgruber, ein Jahrmarktsneger mit dickem, wie mit Schuhcreme geschminktem schwitzenden Körper, wild seine Shakespeare-Tiraden krähend, Eva Mattes über die entrümpelt vollgemüllte Bühne jagte, die wild Zappelnde nackt über eine Wäscheleine hängte, nachdem seine braunen Patschhände und sein schwitzendes Gesicht auf ihrem prallen Leib abgefärbt hatten, brach im Hamburger Premierenpublikum ein unglaublicher Skandal aus. Türenknallen, Schreien, Buh-Rufe, wilde Redeschlachten im Publikum.

Auch ich hatte mit der Aufführung mehrere Erlebnisse. Ich war als Kulturressort-Leiter und Theaterkritiker relativ neu beim „Spiegel“ und hatte erlebt, wie mein Chefredakteur Erich Böhme noch vor der Pause mit seiner schönen großen rothaarigen Frau, Redakteurin in meinem Ressort, die Aufführung, türenknallend, wenn ich mich recht erinnere, jedenfalls mit ostentativer Missbilligung verließ. Das legte sich mir beim Schreiben aufs Gemüt, hauptsächlich beflügelnd, denn ich war hingerissen, begeistert von diesem „Othello“, ich wusste sofort (was nicht so oft im Leben passiert): Ich hatte an einer Sternstunde des Theaters teilgenommen, mir hatten sich die Augen geöffnet.

Ich lebte damals mit meinem 16-jährigen Sohn Daniel allein, ein allein erziehender oder besser: allein-nicht-erziehender Vater: Und ich hatte Daniel mit zur „Othello“-Premiere genommen. Vor Beginn der Vorstellung trafen wir eine Lehrerin Daniels, sie saß im zweiten Rang, wie sich herausstellte, und so habe ich Daniel gebeten, seine Karte, er sollte neben mir im Parkett, vierte Reihe sitzen, mit seiner jungen hübschen Lehrerin zu tauschen. Ich dachte, in seinem Interesse zu handeln, aber wenn ich heute daran denke, steigt mir noch immer die Schamröte ins Gesicht: Mein Sohn war so beleidigt, dass er, ohne die Vorstellung zu sehen, davonstürzte. Ein väterlicher Fehler, nie wieder gutzumachen!

Als die Vorstellung in den Schluss-Skandal mündete, saß vor mir der Kulturredakteur G. vom NDR mit seiner Frau. Für ihn schrieb und sprach ich regelmäßig Glossen, Berichte, Kritiken, auch um mir ein Zubrot wegen meiner teuren Scheidungskosten zu verdienen. G. und seine Frau waren empört und buhten gegen die Schauspieler auf der Bühne an. Frau G. äußerte sich dabei abfällig laut über die Ästhetik von Eva Mattes’ nacktem Körper (die wundervolle Schauspielerin hatte kurz zuvor 17-jährig als debiles Mädchen in Kroetze „Stallerhof“ als eine der ersten Nackten auf der Bühne gestanden, ein Bild unangreifbarer Kraft, eine Ikone des neuen Theaters), wer so aussähe, meinte Frau G. über die nackte, über der Wäscheleine zappelnde Desdemona der Mattes, sollte besser nicht nackt auftreten. Das heißt, sie meinte es nicht nur, sie schrie es hinauf zur Bühne, mitten im Hexenkessel Schauspielhaus.

Daniels Lehrerin, begeisterte Zuschauerin, reagierte ebenso spontan. Sie fasste Frau G., die Frau des Kulturredakteurs G. am Rücken. Und sagte Frau G., als diese sich umdrehte, aufgeregt und mitten in die Aufregung: Wer so aussehe wie Frau G., solle, egal ob angezogen oder nackt, besser schweigen. Ich sah eine Nebenerwerbsquelle versiegen. Aber es spricht für die Hamburger Toleranz, dass ich weder meinen Job beim „Spiegel“ noch meine Arbeitsbeziehung zum NDR durch meinen „Othello“-Besuch wirklich gefährdete.

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