Zeitung Heute : Wie ich leben will

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Rachel, eine Freundin von mir, zieht um, vom zweiten Stock der Weidenstraße in den dritten Stock in der Lassbergstraße. Was heißt: das bewegliche Mobiliar ist erst hinunterzutragen, dann in zwei Autos von Freunden zu verladen und dann wieder hochzutragen. Umzug ist etwas Furchtbares. Deshalb habe ich meine Hilfe angeboten. An einem Freitagvormittag beginnt die Transaktion. Ich habe meine ältesten Klamotten an, aber keine Handschuhe, was sich später als Nachteil erweisen wird. Ich schreibe diesen Bericht mit einem Finger, dem letzten verbliebenen gesunden Finger an meiner rechten Hand. Da meine linke Hand leicht gelähmt ist, bin ich momentan froh, wenn ich meine Hose ausziehen kann. Rachels Sachen: ein zerlegter Schrank, ein Bett, 23 Topfpflanzen, zwei Holzmasken aus Ghana, vier sauschwere Kisten Bücher und eine Spüle. Wir sind zu viert. Es ist heiß im Treppenhaus der neuen Wohnung. Wir schwitzen alle. Die Stufen sind eng, zu zweit kann man nicht nebeneinander gehen. Es ist kein schönes Haus. Der Anstrich blättert von den Wänden. „Eine andere Welt ist möglich“ hat jemand an die Wand gesprüht. Und alles ist irgendwie dreckig, staubig. Das einzig Gute an diesem Nachmittag ist, dass es sich nicht um mein Bett handelt, das wir da hochwuchten. Zuletzt kommt die Spüle dran. Die ist so ungefüge zu tragen, dass man gar nicht weiß, wie man mit ihr um die Ecken kommen soll. Erster Stock. Zweiter Stock. Wieso ist in dieser Scheißwohnung nicht mal eine Spüle vorhanden? Ich will sie mal kurz absetzen. Aber da kommt sie aus dem Gleichgewicht. Macht einen plötzlichen Ruck zur Seite. Ich spüre, wie die scharfe Kante, noch dazu die rostige scharfe Kante, quer durch meine rechte Hand schneidet. Das Blut spritzt. Eine Sekunde lang gucke ich auf meine Hand. Das letzte, was ich höre, ist, wie Rachel sagt: „Der kippt um!“ Dann kippe ich um.

Einer trägt mich zum Auto, wir fahren ins Krankenhaus. Unterwegs sprechen sie immer davon, dass „das Fleisch raushängt“. Ich schaue nicht hin. Alles ist weit weg von mir. Das Gesicht des Arztes: „War das Teil rostig?“ Er spritzt mir etwas in die Hand. Die fühlt sich an, als ob sie weg wäre. „Strecken Sie den Finger aus!“ Wie kann ich den Finger ausstrecken, wenn ich ihn nicht mehr spüre? Wo ist denn eigentlich die Spüle? Runtergefallen? Gut, dass alles andere schon oben ist.

Dass wir den ganzen Nachmittag geschuftet haben. Ich möchte nie mehr umziehen. Ich will wegziehen von der Erde. Der Arzt gibt mir noch eine Spritze. Meine Hand wird genäht. „Tut’s weh?“ Die runde OP-Lampe ist so weiß wie der Mond. „Es muss jetzt noch Tetanus gespritzt werden.“ Das ist mir gleich. Ich möchte irgendwo hinauf zu den Sternen. Endlich weiß ich, wo ich leben will: nicht mehr hier wohnen. Nicht mehr in einem Treppenhaus zu meiner Wohnung hinaufsteigen. Kein viereckiger Tisch. Kein viereckiger Schrank. Keine Topfpflanze. Vor allen Dingen keine Spüle. Mit scharfen Kanten. Keine Uhr, die tickt, die sagt: du musst los. Kein kalter Parkettboden unter den nackten Füßen, nachts. Keine Schatten an den Wänden. Keine Bilder. Ich liege auf dem schmalen OP-Bett und denke an die Farbe Weiß. Wenn ich mir eine Wohnung vorstelle, muss sie wie eine Muschel sein. Glatt, still, beschützend. Mit einem Inneren, in dem ich ganz verschwinden kann. Vielleicht ist das, wovon ich träume, auch das Haus einer Schnecke. Einer schönen großen Meeresschnecke. Wenn ich mit meinen Eltern im Urlaub am Meer war, sammelten wir immer Muscheln. Einmal fand ich so ein Gebilde, eine Trompete, mit einem tiefen Loch nach innen. Mein Vater sagte, es ist eine Schnecke. Meine Mutter sagte, nein, es ist eine Muschel. Dann stritten sie, und ich wünschte mir so sehr, in dem Inneren dieses Was- auch-immer-es war-Haus zu verschwinden. Und als Geräusch nur dieses Meeresrauschen, das so rätselhaft in allen Muscheln tönt, singt. Sie liegen im Sand und warten, vom Meer wieder weggetragen zu werden. Irgendwohin. Das Meer spielt mit ihnen. Wenn die Tiere, denen sie gehören, sterben, zieht das Meer sie heraus. Die Schale bleibt zurück. Ich würde mich in so einem Haus nur mit weichen Dingen umgeben. Ein bisschen Tang, ein bisschen Sand. Wenn ich eine solche Wohnung hätte, müsste man mich lange suchen. Und niemand sagt: Ich will nur mal schnell reinkommen. Und derjenige, den ich dann reinlasse, der liegt bei mir. Und niemand muss uns beim Umzug helfen. „Sie können nach Hause gehen“, sagt der Arzt.

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