Zeitung Heute : …wie ich mit Arthur Schnitzlers Sohn um den „Reigen“ feilschte

$AUTHOR

Von Hellmuth Karasek

Anfang der sechziger Jahre war Ludwig Marcuses „Obszön" erschienen, eine Geschichte der wegen ihrer Darstellung der Sexualität vor Gericht gezerrten, skandalisierten, verbotenen, unterdrückten Literatur. Da las man zum Beispiel von dem Prozess, der Flauberts „Madame Bovary" gemacht wurde, weil es da ein Kapitel gibt, in dem die verheiratete Emma mit ihrem jungen Liebhaber stundenlang in einer Pferdedroschke, deren Fenster verhangen sind, durch Rouen fährt. Der Leser ahnte, was in der Kutsche vorging – und das war unsittlich.

Auch über Arthur Schnitzlers „Reigen" war zu lesen, der bei der Uraufführung 1920 in Berlin einen solchen Skandal erregte, dass die Polizei weitere Aufführungen verbot, und die Schauspieler vor Gericht gestellt wurden. Schnitzler, ein ebenso angesehener Wiener Arzt und berühmter Schriftsteller und Schilderer der Seelennöte seiner Epoche (des Fin de Siècle-Wiens) war über den Skandal so erschrocken und von den Reaktionen so verletzt, dass er alle künftigen Aufführungen verbot, auch testamentarisch. Dieses Verbot erlosch erst 1982, zusammen mit Schnitzlers Urheberrecht: Der Autor war 1932 gestorben.

Es gab nur eine seltsame Ausnahme; in Frankreich durfte das Stück gespielt werden, und das kam so: Die Übersetzerin war eine der letzten Geliebten des melancholischen Viel-Liebhabers gewesen, und er wollte sie mit den Tantiemen versorgen. Deshalb gibt es, Gott sei Dank!, die wunderschöne „Reigen"-Verfilmung von Max Ophüls mit Alfred Wohlbrück.

Als ich 1962 zum Theater kam, kannte und liebte ich natürlich den Film und las das Stück, nachdem ich Marcuses Buch gelesen hatte. Ich kannte schon die „Süße-Mädel“-Tragödie „Liebelei“, das grandiose „Weite Land“ und den schwermütigen Bilderbogen über einen Wiener Dandy und Don Juan „Anatol“ – der „Reigen“ aber übertraf das alles (jedenfalls damals für mich), weil er das Schnitzlersche Thema auf den Kern reduzierte: auf das Davor und Danach in der Liebe, der Kette zwischen Trieb, Lust und Trauer, die sich in den wechselnden Liebes-Vorspiel- und Liebes-Nachspielszenen vollzieht: die Dirne mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Dienstmädchen, das Dienstmädchen mit dem jungen Herrn …und so weiter, bis sich der „Reigen“ zwischen dem Grafen und der Dirne wieder schließt.

Wie kann man das Stück trotz Verbot aufführen, wie die Verfügung Schnitzlers aufheben? Ich wusste, dass sein Sohn Heinrich in Wien lebte. Der 1902 Geborene hatte nach der Emigration an der Wiener Josefstadt inszeniert und gespielt, der Stuttgarter Schauspieldirektor Karl Vibach kannte ihn aus seiner Hamburger Gründgens-Zeit, und so besuchten wir Heinrich Schnitzler in Wien und luden ihn für eine Inszenierung nach Stuttgart ein. Natürlich dachten wir, klammheimlich, an den „Reigen“, denn Heinrich Schnitzler war der Testamentswahrer seines Vaters.

Er kam also nach Stuttgart, um sich in Vorstellungen die Schauspielerinnen mal anzusehen, mit denen er arbeiten sollte. Er war begeistert.

Heinrich Schnitzler war ein feiner, älterer Herr um die 60. Auf mich wirkte er eher wie ein schüchterner Gelehrter und nicht als Sohn seines Vaters, von dem ich klischeehaft wilde Vorstellungen hatte. War das nicht der stürmische Liebhaber Adele Sandrocks gewesen, der in seinem jugendlichen Überschwang ein Fahrrad brauchte, um tagtäglich seine „süßen Mädel“ und Geliebten in den diversen Wiener Bezirken und Vorstädten besuchen zu können. Heinrich Schnitzler wirkte seriös wie ein Notar.

Und natürlich ließ er über den „Reigen“ nicht mit sich handeln: Keineswegs würde er sich über die Verfügung seines Vaters hinwegsetzen. Er hatte sich aber so über den Schauspieler Günter Lüders begeistert, dass wir uns darauf verständigten, er würde Schnitzlers „Professor Bernhardi“ inszenieren, das grandios hellsichtige Konversationsstück über den latenten Wiener Antisemitismus. Der Lübecker Lüders als weltläufiger jüdischer Professor in Wien? Es wurde eine seltsam anrührende Aufführung – wohl die erste dieses Stücks in Deutschland.

Professor Heinrich Schnitzler ist 1982 gestorben, im gleichen Jahr erlosch das Aufführungsverbot für den „Reigen“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben