Zeitung Heute : Wie ich mit meinen Ravioli kämpfte

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Von Benjamin Lebert

Das Wetter ist so wie meist um diese Jahreszeit in Freiburg. Von der Dreisam steigt der Nebel auf, die Schwarzwaldhügel sind kaum zu sehen. Schnee, Wasser, Sand auf den matschigen Gehwegen. Die Leute laufen mit kraus gezogenen Stirnen durch die Gegend. Vor dem Schaufenster eines Blumenladens beobachte ich eine Frau, die versucht, ein riesiges Herz auf die Scheibe zu kleben, darauf steht „Freitag ist Valentinstag!“

Zur Mittagszeit gehe ich in die Trattoria Tizio, wo ich schon ein paar Mal war. Sie haben dort gute Pasta und eine sehr hübsche Kellnerin. Es ist ein kleines Lokal mit nur fünf Tischen. Gemütlich. Ich lebe allein. Ich hasse es, alleine zu essen. Egal, ob ich zu Hause ein indisches Reisgericht in die Mikrowelle schiebe, dabei den Fernseher laufen lasse, egal, ob ich mir ein Falafel von einem Stand hole, wo immer die Sauce unten hinausläuft und mir die Hose versaut. Am Schlimmsten ist es in einem Lokal, weil ich mich da beobachtet fühle.

Ich würde gerne Prost zu irgendjemand sagen. Oder: „Ich habe heute einen Wahnsinnshunger.“ Oder: „Du siehst heute so schön aus!“ Deshalb habe ich immer mein Handy dabei. Nicht, um zu telefonieren, sondern um eine SMS zu verschicken, alte SMS zu lesen, jedenfalls nicht blöd herumzusitzen und durch die Gegend zu gaffen. Und es macht keinen Krach. Ich rauche ja auch nicht. In den meisten Lokalen darf man es sowieso nicht. Aber hier im Tizio ist es erlaubt. Es wäre wenigstens eine Art Beschäftigung.

Heute ist das Lokal restlos voll. Lauter Herren und Damen gesetzten Alters. An einem Tisch ganz hinten in der Ecke finde ich noch einen freien Platz. Die Kellnerin kommt, kurz liegt mir das „Du siehst heute so schön aus!“ auf der Zunge. Aber ich sage es nicht. Ich sage so etwas nie. Eine Speisekarte existiert hier nicht, sie sagt immer, was es gibt. Und sieht dabei immer nach unten auf den Boden. Ich bestelle Ravioli mit Spinat. Und widme mich meinem Handy. Am großen Nachbartisch fällt ein Glas um. Es klirrt, Scherben fallen auf den Boden. Alle an dem Tisch lachen erheitert, als wäre das so lustig. Und ein paar patschen in die Hände. Auf einmal sehe ich, dass es lauter Behinderte sind. Das ist an ihren Gesichtern, ihren Augen, ihren aphasischen Bewegungen zu erkennen. Frauen und Männer mit fröhlichen Kinderaugen.

Ich bin irgendwie gerührt. Ich bin immer gerührt, wenn ich so etwas sehe. Dann merke ich, dass an allen Tischen Behinderte sitzen. Ein Ausflug sozusagen. Wir bekommen fast zur gleichen Zeit unsere Teller. Ich esse meine Ravioli und beobachte, wie sie mit ihren Spaghetti kämpfen. Und Apfelsaftgläser zitternd halten und lachen, sich auf eine entspannte Art amüsieren.

Ganz komisch, auf einmal fühle ich mich gar nicht so allein. Ich kämpfe auch mit meinen Ravioli. Ich habe ja auch eine Behinderung. Zwar nur eine leichte, aber meine linke Hand ist gelähmt. Was beim Essen gar nicht so ohne ist. Besonders wenn man solo ist. Ich brauche jemand, der mir das Fleisch schneidet. Ich sehe, wie eine Begleitperson einem Mädchen am Nebentisch auch das Fleisch schneidet.

Ich will festhalten, dass am 7. Februar in dem Freiburger Lokal Tizio nur Behinderte sitzen. Inklusive mir. Wenn man es genau nimmt. Ich hebe mein Glas und sage zu dem Herrn mit dem geröteten runden Gesicht, der bei mir am Tisch sitzt: „Prost!“ Und dann lachen wir beide.

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