Zeitung Heute : …wie ich mit Peter Palitzsch den Landfrieden brach

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Von Hellmuth Karasek

Mitte der sechziger Jahre war ich, nach zwei Jahren, vom Stuttgarter Theater wieder zur „Stuttgarter Zeitung" zurückgekehrt. Ich war als Redakteur und einer der vier Theaterkritiker (unter Siegfried Melchinger und neben Richard Biedrzynski und Rolf Michaelis) als Dramaturg zum Theater gegangen und, nachdem Michaelis als Literaturredakteur zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gewechselt hatte, als Feuilleton-Chef zurückgekehrt. Der Wechsel hin und zurück hatte sich also für das, was man Karriere nennt, gelohnt.

Es war nach dem Schah-Besuch, den Prügel-Persern, nach der „Spiegel"-Krise, den Schwabinger Krawallen. Die Studenten begannen, gegen Springer zu demonstrieren. Ich saß am Abend vor dem Fernseher und sah, dass in Berlin, Hamburg, München und auch in Esslingen, wo es eine Druckerei und Auslieferung der „Bild"-Zeitung gab, die Studenten der „Außerparlamentarischen Opposition" zu Demonstrationen aufgerufen worden waren, um die Auslieferung der „Bild"-Zeitung zu blockieren. Man sah, abends um acht, wie sich die ersten Protestgruppen in Bewegung setzten, wie sie versuchten, die Werktore zu blockieren, wie da die Polizei aufzog, der private Werkschutz sich mit Schäferhunden formierte.

„Komm, da müssen wir hin!", sagte ich zu meiner Frau: Wir waren neugierig, und sensationsgeil, wollten an einem Ereignis des Aufbruchs, ja der Revolution teilnehmen. Es war, als wollten wir an einem Verkehrschaos oder einem ausufernden Pop-Konzert oder an einer Naturkatastrophe halb als Beobachter, halb als Akteure teilnehmen; wir waren aufgeregt und kamen uns gleichzeitig unheimlich „politisch" vor, während wir uns mit Freunden zusammentelefonierten: „Du, lass uns nach Esslingen fahren! Da ist was los! Da bahnt sich was an!"

Wir fuhren also los. Mit von der Partie waren die Schauspielerin Inge Engelmann, eine kraftvolle, spontane, herrliche Schauspielerin, die damals mit dem Dramaturgen Jörg Wehmeyer, meinem Nachfolger am Theater, zusammen lebte (er sollte später mit Peter Palitzsch, Wilfried Minks und Horst Laube das erste Mitbestimmungsmodell am Frankfurter Schauspiel entwickeln), Peter Palitzsch, der inzwischen schon Schauspieldirektor des Schauspielhauses war, und der damals 16-jährige Sohn von Inge Engelmann, der bei uns zu Hause oft als Babysitter unseren siebenjährigen Sohn hütete, wenn meine Frau und ich unterwegs waren.

In Esslingen herrschte eine gespannte Atmosphäre, als wir in Richtung Druckerei zogen, es war ein Fußgängerzug (die Autos waren ordentlich und zur Sicherheit in gebührender Entfernung auf Parkplätzen abgestellt), wie er sich ähnlich vor großen Fußballspielen auf die Stadien zubewegte.

Am Rande standen Polizisten. Teilweise war das Gelände neben der Straße und vor den Druckereigebäuden von Werkschützern abgesichert, die drohend abwartend da standen, ihre kläffenden Schäferhunde an der Leine.

Da passierte es. Der 16-jährige Sohn von Inge Engelmann fühlte sich durch den Werkschutz provoziert, beschimpfte die Männer mit den Hunden und ging, als sie zurückschimpften, langsam in ihre Richtung. Wir waren noch auf der Straße, als die Werkschützer ihre Hunde auf den jungen Engelmann losließen. Kläffend fielen sie über ihn her.

„Oh Gott! Hilfe! Mein Sohn!", schrie Inge Engelmann. Die Polizei in der Nähe machte keine Anstalten einzugreifen. Ich fühlte mich elend, weil ich wusste, dass ich, um dem Sohn meiner Freundin, dem Babysitter meines Sohnes zu helfen, eingreifen musste. Also gingen Palitzsch, ich und Wehmeyer los und stürzten uns, ich mehr blind als gezielt, ins Getümmel. Durch meinen Mantel, einen Trenchcoat, spürte ich einen Hundebiss, ein Schäferhund hatte mich angefallen.

Zum Glück griff die Polizei in diesem Moment ein, die bisher, wie gesagt, tatenlos zugesehen hatte. Passanten hatten Palitzsch und mich erkannt und den Polizisten gesagt, der Schauspieldirektor und der Kulturredakteur der „Stuttgarter Zeitung" stünden da im Nahkampf mit Schäferhunden.

Wir wurden von der Polizei auf einen Lastwagen verladen; wie sich herausstellte, war der junge Engelmann sechzehn Mal gebissen worden, Palitzsch und ich hatten je eine leichte Bisswunde – als Zeichen unserer vorsichtigen Tapferkeit. Wir wurden auf die nächste Polizeistation gebracht, ärztlich versorgt. Vorher bei der spektakulären Abfahrt hatte uns eine „Stern"-Fotografin als Helden des Widerstands hinten auf der Ladefläche des Lastwagens fotografiert, mit grimmig entschlossenen Gesichtern: Und wir können sagen, wir sind dabei gewesen! Wir erstatteten bei der Polizei Anzeige, dann fuhren wir nach Hause, in dem Bewusstsein, etwas erlebt zu haben.

An einem der nächsten Tage kam ein Kriminalbeamter zu mir in die Redaktion, artig mit Voranmeldung, und fragte mich unter anderem, während er protokollierend mitschrieb, ob ich denn in Ausübung meines journalistischen Berufs an der Esslinger Demonstration teilgenommen hätte.

„Ach Gott, das kann ich so nicht sagen", sagte ich. „Eher als Zuschauer." Denn für die Berichterstattung sei wohl die Lokalredaktion da gewesen. Der Kriminalbeamte wiegte bedächtig den Kopf. Das sei aber wichtig, in welcher Funktion ich in Esslingen gewesen wäre. Schließlich sei dort Landfriedensbruch verübt worden. (Damals herrschte noch das alte Landfriedens- und Demonstrationsrecht.) Ich sagte, das sei mir egal. Schließlich sei ich von einem Hund angefallen und mein Babysitter sei sechzehn Mal gebissen worden. Der Beamte verabschiedete sich höflich.

Etwa ein Jahr später erhielt ich eine Mitteilung von der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren gegen mich wegen Landfriedensbruchs sei eingestellt worden.

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