Zeitung Heute : Wie im Film

Matthias Stütz hat ein Friedrichshagener Traditionskino wiederbelebt

Martin Gropp

Die gemeinsame Geschichte von Matthias Stütz und dem Union-Filmtheater beginnt ein bisschen wie in einem Thriller: Vor gut sechs Jahren schlich Stütz mit einer Taschenlampe über den Hof des ehemaligen Union-Kinos in Friedrichshagen. Durch ein Toilettenfenster gelangte er ins Gebäude. Schließlich stand er mitten im großen Kinosaal. Und genau dort, im Taschenlampenlicht unter dem Oberrang, wurde Matthias Stütz plötzlich klar, dass er seinen ursprünglichen Plan ändern wird: „Eigentlich“, sagt der Eigentümer des Union-Filmtheaters heute, „wollte ich hier Partys veranstalten.“ So, wie er es in Magdeburg gemacht hatte: ein verlassenes Gebäude finden, die Tür aufschließen und dann feiern, bis die Polizei räumt. Doch vor sechs Jahren im Kinosaal an der Bölschestraße erkennt Stütz: Hier müssen wieder Filme laufen!

Weil in den Jahren zuvor die Bürgerinitiative „Kino Union bleibt“ um den Bauingenieur Michael Schölzel erfolgreich für den Erhalt des Gebäudes gekämpft hatte, konnte Mathias Stütz im Mai 2003 das seit fünf Jahren leer stehende Kino mieten. In den folgenden Monaten renovierte er es, steckte rund 100 000 Euro in den betagten Bau. Anfang Dezember 2003 feierte das Union-Filmtheater dann seine große Wiedereröffnung: Auf der Leinwand schmachtete Humphrey Bogart in „Casablanca“ Ingrid Bergman an, im Kinosaal waren die 175 Plätze restlos besetzt.

Seitdem hat sich das Union-Kino wieder zu einer festen Einrichtung in Friedrichshagen entwickelt. Und es zieht immer mehr Besucher an: Im zweiten Betriebsjahr, 2005, wuchs die Besucherzahl um 54 Prozent. Auch die folgenden beiden Jahre verzeichnete Kinobetreiber Stütz positive Zuwachsraten. 2008 kamen noch einmal gut 20 Prozent mehr Zuschauer, fast 50 000 Menschen besuchten vergangenes Jahr das Kino. „Es war uns ein Anliegen, das Filmtheater zu erhalten. Und ich bin froh, dass es jetzt gut läuft“, sagt Margrit Lehmberg, die sich auch bei „Kino Union bleibt“ engagiert hatte.

An einem Mittwochvormittag im Februar stehen die ersten Kinobesucher schon um kurz vor neun vor der verschlossenen Tür des dunkelroten Gebäudes, obwohl die Vorstellung erst in gut einer Stunde startet. Viele der Wartenden haben graue Haare, manche stützen sich auf eine Gehhilfe. Mittwochs ist Seniorenkino: Drei Euro Eintritt, inklusive Kaffee, Kräutertee und Streuselkuchen. Auch Liane Bettin wartet darauf, dass Matthias Stütz die Tür aufschließt und sie hereinlässt. Die 76-Jährige kommt seit zwei Jahren fast jede Woche aus Bohnsdorf nach Friedrichshagen. Die „ausgesucht guten Filme“ nennt Bettin als Grund, aus dem sie die elf Kilometer weite Fahrt antritt. Aber auch der günstige Eintritt im Union-Filmtheater inklusive der Bewirtung locke sie an. „So etwas Tolles gibt es doch woanders nicht“, sagt Liane Bettin.

Matthias Stütz hat Erfolg als Kinobetreiber, weil er sich der Bevölkerungsstruktur des Berliner Südostens anpasst. Dort leben überdurchschnittlich viele Rentner, aber seit neuestem auch wieder Familien mit kleinen Kindern. Also macht Matthias Stütz Seniorenkino und zeigt den Kinderfilm des Monats. Beide Veranstaltungen erreichen bei ihm die höchsten Besucherschnitte – abgesehen von der Samstagsabendvorstellung, die ist immer am zuschauerträchtigsten im Union-Filmtheater.

Gleichzeitig kann das Vorortkino aber auch nur wegen des höheren Durchschnittsalters der Bevölkerung bestehen. Denn Matthias Stütz ist ein sogenannter Nachaufführer: Die meisten Filme laufen bei ihm erst bis zu acht Wochen nach ihrem Start. Wollte er Filme wie etwa den neuesten James Bond gleich nach Erscheinen zeigen, müsste er sie drei Mal am Tag bringen – und zwar drei Wochen lang. Bond würde 21 Tage lang die einzige Leinwand des Kinos besetzen, und Stütz könnte keine anderen Filme mehr anbieten. „Für ältere Menschen ist es aber fast egal, ob man einen Film gleich oder erst im nächsten Monat sieht“, sagt Matthias Stütz. Also laufen die Filme später, und trotzdem kommen die Zuschauer.

Demnächst könnte sich diese Situation allerdings ändern, denn Mathias Stütz will sein Kino ausbauen. Vor zwei Jahren hat er deshalb schon mal das Gebäude und das Grundstück ersteigert, nun möchte er auf dem Hof, über den er einst zum ersten Mal das Kino betrat, zwei Säle mit weiteren Leinwänden bauen. Dann könnte er auch neue Filme zeigen und dennoch die Programmvielfalt erhalten.

Dass diese Pläne auch Verantwortung und ein wenig geschäftliches Risiko bedeuten, stört den ehemaligen Spontan-Partyveranstalter, Festival-Caterer und Weltenbummler Stütz kaum. „Ich war ein bisschen müde vom rastlosen Leben“, sagt er. „Und hier muss ich einfach nur kommen und das Licht anmachen.“ Und wieder aus – sobald der Film beginnt.

Eigentlich wollte ich in dem alten Union-Filmtheater Partys veranstalten. Doch als ich den Saal vor sechs Jahren betreten haben, wusste ich: Hier müssen wieder Filme laufen!“

Matthias Stütz,

Besitzer Union-Filmtheater

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben