Zeitung Heute : Wie im frühindustriellen England

Der Tagesspiegel

„Wer die Globalisierung verstehen will, der muss auf seine Schuhe schauen“

Naomi Klein, kanadische Autorin

Von Erik Eggers

Köln. Es sind hohe Ideale, die der Sport für sich proklamiert. Seitdem englische Gentlemen im 19. Jahrhundert diese Form der Körperertüchtigung erfunden haben, steht sportlicher Wettkampf für Fairness und gleiche Ausgangsbedingungen, Sportler achten im Idealfall Gegner und eigene Physis, olympischer Sport gar strebt nach Frieden und weltweiter Völkerverständigung. Es sind diese selbst gegebenen Werte, denen der Sport in der Öffentlichkeit seinen Stellenwert als globales Phänomen verdankt.

Auf der anderen Seite ist eine globale Industrie entstanden, die diese Werte zeitweise ad absurdum führt. Etwa im Falle der indonesischen Fabriknäherin Leily (Name geändert). Nach ihrem Schulabschluss 1997 bekam sie Arbeit in der Firma PT Nikomas Gemilang in Seran. Die tägliche Arbeit sah so aus, wie es in den Geschichtsbüchern vom frühindustriellen England geschildert wird. Leily wurde von Schichtführern, die selbst unter größtem Produktionsdruck standen, angeschrien und als „Affe“, „Schwein“ oder „Trottel“ beschimpft. Sie wurde, weil das Produktionssoll nicht erfüllt werden konnte, mit Schuhsohlen beworfen. Sie stand aus demselben Grund zur Strafe einen Tag lang vor der Fabrik. Dafür bekam sie 40 US Dollar - im Monat.

Nikomas Gemilang produziert unter anderem für Adidas und Nike. So steht es jedenfalls in dem gerade veröffentlichten Report „We are not Machines: Indonesian Nike and Adidas Workers“. Autor Tim Connor ist ein Experte auf diesem Gebiet. Seit Mitte der Neunzigerjahre gehört er zur „Nike Campaign“, die auf die Verhältnisse bei der Herstellung von Sportartikeln in Mittelamerika und Südostasien aufmerksam macht. Ernst genommen wurden Globalisierungskritiker wie Connor erst, als Jugendliche ihre Schuhe vor „Nike-Town“ in New York abwarfen. „Nike, wir haben dich gemacht“, sagte dabei einmal ein 13-Jähriger aus der Bronx und grinste in die Kameras. „Wir können dich auch vernichten."

Natürlich hat Nike, der weltweit umsatzstärkste Sportartikelkonzern, die Studie Connors als „nicht aussagekräftig“ abqualifiziert. Genau das Gegenteil sei der Fall: Die Arbeiter dieser Fabrik seien zufrieden mit den Arbeitsbedingungen und dem Verhältnis zu Abteilungsleitern und Managern. Adidas-Salomon als ebenfalls betroffenes Unternehmen moniert, der Report vermittele „kein ganz ausgewogenes Bild". Das soziale Engagement des Konzerns in Indonesien sei nicht gewürdigt worden, etwa die Fortschritte hinsichtlich Gewerkschaftsfreiheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Adidas werde weiter bei Nikomas Gemilang einkaufen.

Seit einigen Jahren unterwirft sich die Marke mit den drei Streifen nach eigenen Worten einem strengen Verhaltenskodex. So genannte „Standards of Engagement“ (SOE) sollen sicherstellen, „dass unsere Zulieferer die Sicherheit am Arbeitsplatz und die gerechte Behandlung ihrer Mitarbeiter gewährleisten". Doch wie weit manchmal Wunsch und Wirklichkeit auseinander liegen, zeigt eine weitere Studie über den indonesischen Adidas-Zulieferer „PT Dada“, erstellt vom „Workers Right Consortium“ (WRC) . Auch bei „PT Dada“ werden die Näherinnen laut Report schikaniert, diskriminiert, sexuell belästigt, unter Tarif bezahlt, teilweise wie Tiere behandelt. Wie der Weltkonzern aus Herzogenaurach auf solche Vorwürfe reagiert, davon steht auch in der Replik auf diesen Report kein Wort.

Gelegenheit zum Dialog gibt es am 3. und 4. Mai in Köln, beim Kongress „Fit for Fair“, den die „Kampagne für saubere Kleidung“ an der Deutschen Sporthochschule veranstaltet. Unter der Schirmherrschaft von Verbraucherministerin Renate Künast werden Arbeiterinnen aus Indonesien von ihren Arbeitsbedingungen berichten. Zahlreiche Vertreter von Politik, Gewerkschaften, Kirchen und Sportverbänden sind angekündigt, dazu Manager der Global Players im Business Sport (Puma, Adidas und Nike).

Und ihr Kritiker Tim Connor.

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