Zeitung Heute : Wie jeder andere auch

Seine Behinderung sieht man ihm nicht an Die Arbeit hat ihn selbstbewusst gemacht Andreas Joestel wird nie ein starker Mann sein, aber sein Handicap hat ihn nicht klein gekriegt. In der Backstube von Dewiback in Spandau hat er die gleichen Aufgaben wie seine gesunden Kollegen.

Spätschicht. Andreas Joestel mit seinen Kollegen.
Spätschicht. Andreas Joestel mit seinen Kollegen.

Adreas Joestel weiß genau, wie ein perfektes Brötchen aussehen muss. Länge, Breite und Gewicht müssen stimmen, der Teigling exakt mit Sonnenblumenkernen, Leinsamen oder Sesam bestreut sein. In Fünfer-Reihen fallen die unfertigen Brötchen auf ein Förderband. Joestels kritischer Blick wandert die Teiglinge ab. Er nimmt Maß, wirft auffällige Exemplare auf eine Waage, um ihr Gewicht zu prüfen. Joestel macht Brötchen im Akkord, rund 20 000 Stück pro Tag.

Seit 2004 arbeitet der gelernte Bäcker und Konditor bei Dewiback in Spandau. Er ist gewissenhaft, erledigt seine Aufgaben, übernimmt Verantwortung. Was man dem 43-Jährigen nicht ansieht: Er gilt als schwerbehindert und nur eingeschränkt arbeitsfähig. Als Jugendlicher hatte er einen schweren Unfall. Seitdem kann er den linken Arm nicht richtig bewegen, nicht belasten und schon gar nichts Schweres heben.

Vor allem bei der Jobsuche hat Joestel immer wieder zu spüren bekommen, dass sein Handicap ein Hindernis ist. Natürlich muss er seine Behinderung im Lebenslauf erwähnen. Doch kaum eine Firma lud ihn zum Vorstellungsgespräch ein, stattdessen bekam er etliche Absagen. Seine Behinderung schrecke vermutlich viele Arbeitgeber ab, vermutet er. Mit Aushilfsjobs musste er sich jahrelang über Wasser halten. Bis er schließlich vom Arbeitsamt zu Dewiback geschickt wurde. Brötchenteiglinge auf Bleche legen, Backwaren von A nach B fahren, Verpackungsarbeiten: Die meisten Tätigkeiten im Backbetrieb sind einfach und wiederholen sich. „Der Großteil unserer Beschäftigten macht die gleichen Arbeiten“, sagt Anja Fechner aus der Geschäftsleitung. „Es macht daher keinen Unterschied ob jemand eine Behinderung hat oder nicht.“

Elf Schwerbehinderte hat Dewiback derzeit angestellt. Einige sind geistig-seelisch behindert, manche hören schlecht oder haben andere körperliche Beeinträchtigungen. Nur für Rollstuhlfahrer und Blinde gibt es keine Jobs in der Backstube. Mit der Zahl der Schwerbehinderten liegt der Betrieb weit über der gesetzlich vorgeschriebenen Quote in Höhe von fünf Prozent der Beschäftigten. Doch für Dewiback ist nicht nur die Vorgabe ausschlaggebend, um Schwerbehinderte anzustellen. „Uns ist soziales Engagement wichtig, die meisten Beschäftigten bleiben über Jahre bei uns“, sagt Fechner. „Für manche ist der Betrieb sogar zum Familienersatz geworden“.

Im Vorstellungsgespräch bei Dewiback kam auch Joestels Behinderung zur Sprache. Die Arbeit an der der Brötchenmaschine – kein Problem mit seiner Einschränkung am Arm. Sein Teamchef weiß von seiner Behinderung, um im Notfall schnell reagieren zu können. Doch gegenüber der Belegschaft schweigt die Geschäftsführung. „Wir überlassen es unseren Mitarbeitern zu entscheiden, was sie ihren Kollegen über ihre Behinderung erzählen möchten“, sagt Fechner. „Für uns stehen die Fähigkeiten im Vordergrund.“

Bei früheren Arbeitgebern machte Joestel kein Geheimnis aus seiner Beeinträchtigung und erzählte freimütig von seinem Unfall. Die Folge: Die Kollegen beäugten ihn kritisch, der Chef überging ihn. „Mir wurde nichts mehr zugetraut“, sagt er. Ein Arbeitgeber kündigte ihm. Man merkt ihm die Wut an, wenn er sich erinnert.

Als Joestel bei Dewiback anfing, zögerte er zunächst, seinen Kollegen von seiner Behinderung zu erzählen. Sowieso verliert er nicht gerne viele Worte, schon gar nicht bei diesem Thema. Hinzu kam die Angst, ausgegrenzt zu werden, mit dem Stempel „behindert“ keinen Respekt mehr zu bekommen.

Doch nach einer Weile hat er seine Kollegen besser kennengelernt und zu erzählen begonnen. Dass manche erst einmal irritiert reagieren und sogar Abstand halten, nimmt er ihnen nicht übel. „Vorurteile gibt es immer“, sagt der 43-Jährige gelassen. Und auch er gibt zu, den einen oder anderen nicht ganz Ernst genommen zu haben. Bei dem einen kam ihm der Kleidungsstil komisch vor, bei einem anderen ein kurioses Hobby. „Doch die Vorurteile bauen sich schnell ab“, sagt Joestel. „Man merkt ja, welche Qualitäten die Kollegen haben.“ Längst wissen im Betrieb alle Bescheid über seine Behinderung. „Das ist kein Problem hier“, sagt er. „Wir sind aufeinander angewiesen, schließlich ist der Job Teamarbeit.“

Halbzeit in der Spätschicht bei Dewiback. Ein säuerlicher Geruch wabert durch die Backstube, Lüftung und Maschinen dröhnen. Joestel schiebt eine riesige Teigschüssel unter einen überdimensionierten Quirl. Die Maschine springt an, der Teig wird verrührt und geknetet. Während die Mischung bearbeitet wird, kontrolliert Joestel die nächste rohe Brötchenfuhre. Gerade als er sich einen Rohling schnappen will, kneift ihn im Vorbeigehen ein Kollege in die Hüfte. Joestel erschrickt, taumelt rückwärts. Dann grinst er und versucht seinen Kollegen zu erwischen. Beide lachen.

Andreas Joestel gefällt die Spätschicht. Obwohl er als Bäcker daran gewöhnt sein sollte, mitten in der Nacht zu arbeiten, fällt ihm das frühe Aufstehen schwer. Jetzt ist er von 14 Uhr 30 bis 22 Uhr 30 im Backbetrieb. Zwar sehe er seine Frau kaum, sagt er. Doch so sei es ihm trotzdem viel lieber. Außerdem sind ihm die Kollegen ans Herz gewachsen. Mit einigen verbringt er sogar einen Großteil seiner Freizeit. Beim Pokern oder einem Feierabendbier.

Früher blieb er lieber zuhause und vermied es, unter Leute zu gehen. Doch die Arbeit hat ihn selbstbewusster gemacht. Und ihn wieder träumen lassen. Zum Beispiel von fremden Kulturen, von Reisen nach Ägypten, vom Tauchen im Roten Meer. Um sich diese Träume zu verwirklichen, spielt auch sein Handicap keine Rolle. Davon ist er überzeugt.

Aber er weiß, dass es Dinge gibt, die er nie machen wird. Autofahren zum Beispiel. Das wäre viel zu gefährlich. Oder stundenlang Wände tapezieren, oder zwei schwere Koffer gleichzeitig tragen. Aber er will auf keinen Fall als Sonderfall behandelt werden – weder von Kollegen, noch vom Chef, noch im Alltag. „Ich fühle mich wie jeder andere auch“, sagt Joestel. „Ich bin ganz normal.“

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