Zeitung Heute : Wie kleine Riesen mit schwacher Faust die Natur verändern

Klimawandel ist Kulturwandel – und umgekehrt: Das wusste schon Johann Gottfried Herder

Thomas Macho
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Vordenker. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ begründete Herder vor mehr als 200 Jahren den...

Die Frage nach den kulturellen Voraussetzungen und Konsequenzen des Klimawandels wird gegenwärtig in verschiedensten Zusammenhängen diskutiert. Dabei geht es auch um die Frage, was einzelne Individuen gegen drohende Katastrophen ausrichten können. „Sie sind an der Reihe“, heißt zwar das letzte Kapitel in Tim Flannerys programmatischer Analyse der „Wettermacher“. Doch erzeugen gerade die konkreten Vorschläge des Autors (auf lediglich fünf Druckseiten) – etwa zum Kauf umweltfreundlicher Kühlschränke – mehr Skepsis als Zuversicht.

Wie könnte eine Kultur tatsächlich aussehen, die das Klima schützt und bewahrt? Kaum jemand zweifelt daran, dass die Menschen während vieler Jahrtausende – spätestens seit dem allmählichen Übergang zu einem sesshaften Leben, der als „neolithische Revolution“ charakterisiert wird – die klimatischen Verhältnisse in ihrer Umgebung beeinflusst und verändert haben. Aber die meisten Veränderungen wurden nicht geplant, die meisten Einflüsse unbewusst ausgeübt.

Soviel ahnte schon Johann Gottfried Herder, als er in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vor mehr als 200 Jahren den Klimabegriff kulturanthropologisch begründete. Das Klima sei wie die Kultur ein „Inbegriff von Kräften und Einflüssen“, zu dem alles Lebendige „in einem wechselseitigen Zusammenhange“ beitrage. Der Mensch habe das „Feuer vom Himmel“ gestohlen und „auf mancherlei Weise“ Veränderungen des Klimas bewirkt. Europa war einst ein feuchter Wald; das Klima des Kontinents haben seine Einwohner geändert. Selbst Ägypten wäre ohne Polizei und Kunst, so schreibt Herder, ein „Schlamm des Nils“ geworden. Die alte Hochkultur wurde dem Nildelta abgewonnen und einem künstlichen Klima unterworfen, das die Menschen als „eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen, die allmählich von den Bergen herabstiegen“ mit ihrer „schwachen Faust zu verändern“ versuchten. Die Zukunft werde uns lehren, wie weit wir es darin gebracht haben, folgert der Philosoph.

Wie erzeugen, verändern oder erleiden die Menschen ihr Klima? Herder spricht von „kleinen Riesen“ mit „schwacher Faust“, als wollte er die Ambivalenz von Macht und Ohnmacht unterstreichen, die im Umgang mit Klima wie Kultur zum Ausdruck kommt. Bäume, Sümpfe oder Schlammwüsten sind verschwunden. Mit dem Klima, so behauptet Herder, haben sich auch die Bewohner der Wälder oder Flussufer geändert. Kultiviert wurde die Natur, aber auch die Menschen selbst.

Überwogen die Initiativen oder die Passionen? Offenkundig teilt der Klimabegriff eine Zweideutigkeit von Bewirken und Erdulden mit dem Kulturbegriff selbst. Als Kultur wird bezeichnet, was die Menschen in Bearbeitung der Natur hervorgebracht haben. Kultur ist aber auch, was den Individuen als eine nicht freiwillig gewählte, sondern historische, geographisch-klimatische, sprachliche oder politisch-religiöse Voraussetzung auferlegt wird. Ist Kultur ein Pseudonym für Klima (und umgekehrt)? Fällt es darum so schwer, konkrete Maßnahmen zu beschließen, die den Klimaschutz gleichsam kulturell implementieren?

Auch im 21. Jahrhundert werden wir in Kulturen hineingeboren, die wir ebenso wenig selbst gemacht haben wie das herrschende Klima. Und wie das Klima kann die Kultur als Schicksal und Projekt zugleich betrachtet werden. Klimawandel ist Kulturwandel und umgekehrt. Selbst radikale Änderungen der klimatischen und kulturellen Bedingungen des Lebens dürfen lediglich auf jene Flexibilität hoffen, die ein Blick auf die vergangene Geschichte der Menschheit – im Sinne Herders – sichtbar werden lässt. Mit Recht bemerkte der Weimarer Gelehrte, es finde sich vielleicht einmal „ein eigner Reisender“, und womöglich sogar eine neue Wissenschaft und Philosophie, die „ohne Vorurteile und Übertreibungen für den Geist des Klima“ denkt und handelt. Diese Hoffnung ist allerdings bis heute nicht eingelöst worden.

Der Autor ist Professor für Kulturgeschichte an der HU und Mitbegründer des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik.

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