Zeitung Heute : Wie kommt Nelly an Prinz William heran?

Rolf Brockschmidt

Nelly liebt Bücher über alles, sie bringt es fertig, im Gehen auf der Straße zu lesen, was in puncto Hundehaufen und Sauberkeit des Teppichs zu Hause fatale Folgen haben kann. Nelly interessiert sich auch für Mathematik und Schwarze Löcher. Sie liest im Bus zur Schule mal eben Stephen Hawkings "Eine kurze Geschichte der Zeit", während sich ihre Altersgenosen knutschend an die Wäsche gehen. Aber selbst diese heftige Fummelei studiert Nelly Edelmeister wie eine wissenschaftliche Versuchsanordnung. Wie ist das mit dem Küssen? Muss man das lernen oder geht das von alleine? Ohne Emotion registriert Nelly die amourösen Abenteuer ihrer Mitschüler, die für sie, die Klassenbeste, nur Hohn und Spott übrig haben. Nelly, die als Dreizehnjährige auf eine deutsch-amerikanische Schule in Berlin geht, ist das, was man auf amerikanisch ein "Nerd" nennt, "Leute mit Superhirn und null Appeal". Und plötzlich beginnt sie, darunter zu leiden.

Aber damit nicht genug. Als Prinzessin Diana beerdigt wird und alle Fernsehsender über die Windsors berichten, entdeckt Nelly für sich Prinz William, den künftigen König von England, den Halbwaisen, der ihr urplötzlich wie ein Donnerschlag vermittelt, was es heißt, wenn man jemanden "süß" findet. "Ich konnte nicht antworten. Ein Komet war auf meinen Kopf gestürzt, hatte mein Herz aufgebrochen, mir den Atem gestohlen. Gleich würde ich umkippen."

Holly-Jane Rahlens lässt Nelly Edelmeister mit dem Abstand von einigen Jahren ihre Geschichte erzählen, selbstsicher, selbstkritisch, mit viel Humor und einer fotografisch genauen Beobachtungsgabe. In Nellys Mutter, der toughen amerikanischen Journalistin Lucy, die aus Liebe zu einem wenig erfolgreichen Musiker im alten West-Berlin hängengeblieben ist, kann man unschwer selbstironische Züge der Autorin erkennen. Und dann ist da noch Risa, die Freundin der Großmutter mütterlicherseits, die Auschwitz überlebt hat und Nellys Mutter in Berlin als Ersatz-Tochter unter ihre Fittiche genommen hat.

Der Roman setzt ein, als Nelly etwa acht Wochen vor ihrer Bat-Mizwa steht, der Aufnahme in die Welt der Erwachsenen, für die Mutter, die "Party-Queen", ein Ereignis für 150 Gäste, aber Tochter Nelly hat keine Freunde, die sie einladen kann. Sie projiziert ihre ganze Liebe auf den fernen Prinzen. Holly-Jane Rahlens zündet in dem Roman "Prinz William, Maximilian Minsky und ich" ein erzählerisches Feuerwerk voller Überraschungen. Es ist genial, wie Nelly mit kühlem Verstand analysiert, dass ihr nur die Basketballmannschaft der Schule, die nach Eton fährt, weiterhelfen kann. Aber wie kommt man in diese Mannschaft, wenn man total unsportlich ist? Der Mensch braucht ein Ziel, und schon versetzt er Berge. Zur Not erteilt er sogar Fieslingen Nachhilfeunterricht, um in die Mannschaft zu kommen.

Ein weiterer Faden ist das gespannte Verhältnis der Eltern zueinander. Die erfolgsgewohnte Mutter mäkelt immer wieder an dem weniger erfolgreichen Vater herum, der sich schließlich in die Mutter eines Klassenkameraden verliebt. Dies alles zeigt Nelly, dass die Welt nicht nur aus Büchern und den Sternen am Himmel besteht. Sie ist gezwungen, sich mit ihren Mitmenschen auseinander zu setzen, mit Liebe, Eifersucht und Tod, ihre Interessen zu verfolgen und Gefühle zuzulassen. So wird allmählich aus dem "Nerd" ein ganz normales Mädchen, das seinen Weg geht. Holly-Jane Rahlens erzählt das alles mit viel Humor, süffisanten Bemerkungen zum Verhältnis von Deutschen und Amerikanern und natürlich zu Berlin, der Stadt, in der alles spielt und die sich so gerne mit New York vergleicht. Ein aufregender Roman, an dem nicht nur Jugendliche ihre Freude haben werden.

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