Zeitung Heute : Wie korrigiere ich die Chefin?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Kürzlich war ich bei einem Vorstellungsgespräch und bemerkte, dass sich auf der Visitenkarte der Chefin bei der E-Mail-Adresse ein hässlicher Schreibfehler eingeschlichen hatte. Wäre es richtig gewesen, sie darauf aufmerksam zu machen?

Sie sagen ja selber, dass Sie es schrecklich fänden, wochenlang mit einer falschen E-Mail-Adresse auf der Karte herumzulaufen. Andererseits möchte man in einem ersten Gespräch natürlich nicht unnötig naseweis oder aufdringlich wirken und schon gar nicht eine künftige Chefin in Verlegenheit bringen. Einen Moment lang habe ich mich aber bei Ihrer Zuschrift doch gefragt, ob die fehlerhafte Visitenkarte vielleicht nur ein Test war, den die potenzielle Chefin ins Bewerbungsgespräch eingebaut hat. Es ist ja eigentlich unwahrscheinlich, dass man Visitenkarten über einen längeren Zeitraum herausgibt, ohne einen darauf befindlichen Fehler zu entdecken. Könnte doch sein, dass sie Wert legt auf Mitarbeiter, die gleichzeitig einen Blick aufs Gesamte haben und aufs Detail, die sich nicht darauf beschränken, ihre ursprünglichen Aufgaben gut zu erledigen, sondern sich auch an anderen Stellen für das Wohl des Unternehmens einsetzen. Diesen Wunsch könnte ich gut nachvollziehen, weshalb ich grundsätzlich finde, dass Sie in einer solchen Situation etwas sagen sollten.

Die Kunst liegt, wie so oft, darin, wie Sie es sagen. Wie wäre es denn so: Man betrachtet die Karte aufmerksam und sagt dann überrascht „Das ist ja interessant! Tagessiegel, statt Tagesspiegel.“ (Nur um ein Beispiel zu nehmen.) Blitzschnell müssten Sie sich drei gute Gründe ausdenken, warum man so was mit Absicht machen könnte. Die kleiden Sie dann in Frageform. Soll die Marke weiterentwickelt werden? Handelt es sich um eine Strategie gegen Junk-Mails? Oder waren andere Adressen nicht mehr frei?

Wenn es ihr peinlich ist, kann sie immer noch sagen, dass demnächst eine neue Adresse verfügbar sein wird. Sollte sie aber so souverän sein, wie es sich für eine Chefin gehört, wird sie den Fehler zugeben, sich bei Ihnen bedanken – und sie freudig einstellen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post oder mailen Sie an meinefrage@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!