Zeitung Heute : Wie lang ist lebenslänglich?

Ein Pfarrer kämpft um die Würde eines Mörders. Der sitzt seit 45 Jahren im Gefängnis, so lange wie kein anderer in Deutschland

Markus Götte

Der Mann ist nicht zu sprechen. Nicht dass er es nicht wollte. Die Justizbehörden wollen nicht, dass jemand mit ihm spricht. Mit dem Mann, dessen 45. Jahr hinter Gittern gerade angebrochen ist. Bei keinem anderen Häftling in Deutschland dauert lebenslänglich so lang. Wer ist der 67-jährige Heinrich Paulus (Name geändert), der ohne Hoffnung auf Entlassung eingesperrt ist in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal in Baden-Württemberg? Die Antwort kennt wohl nur einer: der ehemalige Gefängnispfarrer Ernst Ergenzinger. Er kämpft seit mehr als einem Jahrzehnt für die Würde eines Mörders.

Wer Heinrich Paulus war vor einem halben Jahrhundert, das kann man nachlesen in Zeitungsarchiven und Gerichtsakten: Heinrich Paulus packte die junge Frau, als sie die Toilette im Feriensonderzug von Heidelberg nach Basel verlassen wollte. Er riss die Wagontüre auf und schubste sie aus dem fahrenden Zug. Dann zog er die Notbremse und sprang hinterher. Rannte den Bahndamm entlang zurück zu der schwer Verletzten, um sie zu vergewaltigen und zu töten. Zwischen 1958 und 1959 hat Heinrich Paulus vier Frauen ermordet, bei zwölf weiteren hat er es versucht. Er hat gestohlen, geraubt, erpresst und vergewaltigt. Der 23-jährige Heinrich Paulus galt als „Bestie in Menschengestalt“ und wurde in der Presse beschrieben als der „erbarmungsloseste Verbrecher der Nachkriegszeit“. 1960 wird Paulus zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Schwarz-Weiß-Fotos von einst zeigen einen gut aussehenden Mann: groß, schlank, mit glatt nach hinten gekämmten Haaren. An seine klaren blauen Augen erinnern sich Zeitzeugen.

Dieselben Augen kann man im Gesicht eines übergewichtigen alten Mannes entdecken, der seit einer geschlagenen Stunde regungslos im Schmetterlingshaus der Wilhelma, des Stuttgarter Zoos, sitzt und wartet. Es ist feuchtheiß in dem Glashaus. Zwischen Farnen und exotischen Blüten tanzen Schmetterlinge. Drei Männer, die den Alten begleiten, schwitzen still. Endlich lässt sich ein orangefarbener Schmetterling auf dessen blasser Hand nieder und klappt seine Flügel zusammen. „Das sind Mörderhände, habe ich gedacht“, erzählt Ernst Ergenzinger. „Das sind dieselben Hände, mit denen er unbegreifliche, grässliche Dinge getan hat.“ Ergenzinger ist einer der Begleiter des Serienmörders.

Weil die Behörden Paulus abschirmen, muss man sich solche seltenen Szenen von dem pensionierten Pfarrer schildern lassen. Auch im Ruhestand besucht Ernst Ergenzinger ihn im Gefängnis. Zweimal im Jahr darf er „den Heinrich“, wie er ihn nennt, zusammen mit Justizbeamten für acht Stunden ausführen. Selbstverständlich sind diese begleiteten Ausführungen, wie es im Juristendeutsch heißt, nicht, sondern vor Gericht erstritten. Die erste Ausführung überhaupt erlaubte man Heinrich Paulus nach 34 Jahren Gefängnis. Ergenzinger erinnert sich noch genau, wie sich Paulus auf einem Rasenstück niederkniete und sein bärtiges Gesicht ins feuchte Gras drückte. „Weißt du eigentlich, wie Gras riecht?“, hat er gefragt. Sie sind dann zum Einkaufen gegangen, weil seine Hemden und Hosen nach über drei Jahrzehnten im Keller der Haftanstalt in seinem Koffer vermodert waren. Sie besuchten eine Kirche und badeten in einem Baggersee. Danach gab es keine Ausführungen mehr. Erst 2002 darf Heinrich Paulus nach erneuten Klagen nun regelmäßig hinaus. Das Gefängnis verlassen sie, Heinrich Paulus, Justizbeamte und der Pfarrer, auf verschlungenen Pfaden. Ergenzinger hat Angst, die Medien könnten davon Wind bekommen, Fotografen schicken, um das „Monster“ im Zoo oder auf einem Ausflugsdampfer abzuschießen. Solche Schlagzeilen möchte er nicht.

„Heinrichs Haut ist so weiß wie die eines Mehlwurms. Schon lange hat er keine Zähne mehr im Mund. Ein Gebiss trägt er nicht. Er ist Diabetiker wie ich und schlecht zu Fuß. Aber viel, viel dicker“, berichtet der Pfarrer mit dem weißen Vollbart und der starken Brille. Er erzählt gerne von dem Menschen Heinrich Paulus, der einst grausame Verbrechen beging, und ihm „ins Herz geplumpst ist“. Manche beschimpfen ihn deshalb als Sympathisanten eines Mörders und Vergewaltigers und greifen ihn an, weil er einen Menschen ehrt, der entsetzliches Unglück über viele Familien gebracht hat. Nur weil er Heinrich Paulus als Menschen behandle, vergesse er doch dessen Taten und das Leid der Angehörigen seiner Opfer nicht, sagt Ergenzinger. „Verständnis zeigen heißt doch nicht einverstanden sein.“

„Heinrich spricht sehr langsam mit vielen Schweigepausen. Erst summt er, dann wackeln seine Hände und schließlich beginnt er erneut zu sprechen“, erzählt Ergenzinger. Meist setze er dann „marmorne Blöcke in die Landschaft“. Etwa solche: „Auch Bäume sind unserer Liebe bedürftig.“ Wieso, weshalb, warum – auf W-Fragen, so Ergenzinger, bekomme man von ihm keine Antwort. Schon gar nicht auf Wann-Fragen. „Der Heinrich lebt in einer anderen Zeit. Nach 45 Jahren Knast tickt da keine Uhr mehr. Die Zeiger sind schon längst heruntergefallen.“

Seit 45 Jahren ist Heinrich Paulus eingeschlossen in einer neun Quadratmeter großen Zelle, überwacht von Kameras. „Gitter, Stacheldraht und Aktenberge. All das brüllt auf ihn ein, du bist kein Mensch, sondern eine Bestie“, sagt Ergenzinger. Einmal hat er ihn gefragt, ob er sich nicht gewünscht hätte, damals, bei seiner Verurteilung 1960, hätte es noch die Todesstrafe gegeben. „Dann hättest du alles hinter dir gehabt.“ Heinrich habe lange geschwiegen und dann mit seiner tiefen Stimme geantwortet: „So sehe ich das nicht. Ich will leben.“

Damit seine lebenslange Strafe kein Tod auf Raten wird, haben sie sich durch die Instanzen geklagt, der Pfarrer a.D. Ernst Ergenzinger und der Karlsruher Anwalt Hannes Linke. So wurde die Haftzeit von zunächst 50 Jahren auf 42 Jahre reduziert. Schließlich urteilte das Bundesverfassungsgericht: Heinrich Paulus hat seine Schuld getilgt. Das war nach 36 Jahren und fünf Monaten Haft. Entlassen wurde er trotzdem nicht, weil bis heute eine positive Kriminalprognose fehlt. Also ein Gutachter, der sagt: Heinrich Paulus wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal morden und vergewaltigen. Doch diese Garantie konnte und wollte der Hamburger Psychiater und Sexualforscher Wolfgang Berner zum damaligen Zeitpunkt nicht geben. Denn während beinahe vier Jahrzehnten Strafvollzug hatte Heinrich Paulus keinerlei Therapie bekommen. Zwar regte der Psychiater eine Behandlung in einer psychiatrischen Einrichtung an, was jedoch nicht genehmigt wurde. Aber ohne erfolgreiche Therapie kein positives Gutachten, ohne Gutachten keine Lockerungen oder gar Haftentlassung. Schließlich wurden Heinrich Paulus einige Klagen später 25 Stunden Psychotherapie gewährt. Als die vorüber waren, wurden keine weiteren bewilligt. Zunächst ohne Begründung. Später hieß es, Fortschritte bei der Therapie seien nicht erkennbar, obwohl der Therapeut und der Gutachter deutliche Fortschritte diagnostiziert hatten. „Natürlich klagen wir wieder dagegen“, sagt Ergenzinger, „genauso, wie wir die Ausführungen eingeklagt haben.“

Mittlerweile scheint die Lage aussichtslos. Sechs Untätigkeitsklagen haben der Anwalt und der Pfarrer bisher gegen die Justizbehörden angestrengt. Der Aktenberg wächst Blatt um Blatt, ansonsten sind sie jedoch zum Abwarten verdammt. „Die Franzosen haben einen schönen Begriff“, sagt Ergenzinger, „die trockene Todesstrafe. Es fließt kein Blut, aber die Lebenszeit verrinnt.“ Zwar hat das Bundesverfassungsgericht mehrmals im Fall Paulus geurteilt, jeder Häftling, selbst wenn dieser schwerste Schuld auf sich geladen hat, muss hoffen dürfen, noch einmal frei zu sein. Und dieser Lebensrest in Freiheit darf nicht durch Todesnähe oder Siechtum gekennzeichnet sein. Doch die Urteile hatten keine Folgen.

Pfarrer Ergenzinger sagt: Der Heinrich hätte schon damals, bei seiner Verurteilung, in die Psychiatrie gehört und nicht ins Gefängnis. Im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht Ernst Ergenzinger deshalb seit mehr als zwölf Jahren, das Leben von Heinrich Paulus wenigstens ab und zu etwas menschlicher zu gestalten. Eine Geburtstagsfeier zu seinem 60. Geburtstag, ein Fest anlässlich des 43. Jahrestages seiner Verhaftung, draußen in einem kirchlichen Gemeindezentrum. Ergenzinger hält Vorträge in Kirchengemeinden und Schulklassen, besucht Tagungen zum Strafvollzug, um von „seinem Lebenslänglichen“ zu berichten und für die Menschenwürde von Langzeithäftlingen zu streiten. Mittlerweile hat sein Engagement für einiges Interesse am Fall Paulus gesorgt. Die ARD zeigt heute um 23 Uhr eine Dokumentation.

Solche wie Paulus gehörten eingesperrt bis zum bitteren Ende, sagen viele. Einige sind dann verdutzt, wenn Ergenzinger antwortet: „Wirkliche Freiheit für Heinrich Paulus, die gibt es gar nicht. Wo soll der frei sein mit seinem Namen? Wer vermietet ihm ein Zimmer?“ Paulus habe weder Rentenansprüche, noch sei er krankenversichert. „Wie soll der draußen leben?“ Ergenzingers Ziele für die nahe Zukunft sind bescheiden: Einmal im Monat mit Heinrich Paulus hinaus in die Welt jenseits der Knastmauern. „Einmal mit ihm gemeinsam Weihnachten feiern. Bei mir zu Hause.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar