Wie lange noch Zurückhaltung beim Essen? : Fragen, die der Gipfel nicht beantwortete

Es war ein Krisengipfel zu Ehec. Doch viele konkrete Antworten zur derzeitigen Epidemie hat er nicht gegeben. Das war vielleicht auch nicht zu erwarten. Wir haben einige weitere Fakten und Einschätzungen zusammengetragen.

Eine heiße Spur waren bislang Sprossen vom Gärtnerhof in Bienenbüttel. Bislang sind aber keine Erreger gefunden worden. Verläuft diese Spur im Sand?

Nein, im Gegenteil. Obwohl bislang keine belasteten Sprossen gefunden wurden, verdichten sich die HInweise, dass diese Anlage in Niedersachsen eine Infektionsquelle für Ehec ist. Eine Mitarbeiterin des Betriebs sei schon zwei Wochen vor der ersten Ehec-Warnung an Durchfall erkrankt, hieß es aus dem Landesagrarministerium. Es könne sein, dass diese Frau durch unglückliche Zufälle den Keim in den Betrieb gebracht habe. Bei einer weiteren erkrankten Mitarbeiterin des Hofes wurde der Ehec- Stamm nachgewiesen, der für den aktuellen Ausbruch verantwortlich ist. Zudem wurde eine Kantine im Raum Cuxhaven identifiziert, die Sprossen aus Bienenbüttel bezogen hatte. Dort waren 18 Menschen erkrankt. Die Kantine sei der siebte Ort, an dem nach einer Sprossen-Lieferung aus Bienenbüttel eine Reihe von Ehec-Erkrankungen auftraten. Die Auswertung von Proben aus Bienenbüttel lief derweil mit Hochdruck weiter. Neun von 17 Proben waren negativ, acht Analysen laufen noch.

Wie lange kann oder muss die Verzehrwarnung vor rohen Tomaten, Gurken, Salaten und Sprossen noch bestehen?

Es ist die Entscheidung der Länder, die Verzehrwarnung zurückzunehmen. Die Forscher geben nur Empfehlungen, wenn sie bestimmte Infektionsgefahren ausgemacht haben. Wahrscheinlich ist, dass die Verzehrwarnung erst dann zurückgenommen wird, wenn es zu keinen Neuinfektionen mehr kommt und von diesem Zeitpunkt an zusätzlich rund zehn Tage Inkubationszeit vergangen sind. Im Übrigen rät das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schon seit Langem zur Vorsicht beim Verzehr von Sprossen, rohem Gemüse und vor allem Blattsalaten, weil all das generell sehr anfällig für Bakterien aller Art ist. Deshalb wird auch die Hygieneempfehlung so hartnäckig ausgesprochen. Und es ist ja nicht ausgeschlossen, im Gegenteil sogar wahrscheinlich, dass man den derzeitigen Erreger nie findet. Laut BfR hat man in dreiviertel der weltweiten Ausbruchsfälle den Erreger nicht nachweisen können.

Warum ist die Verzehrwarnung nicht auf Norddeutschland begrenzt, wo der Ursprung aller Ehec-Fälle ist?

Die Behörden sagen: Wir wissen ja nicht, wohin die Erregerquelle geliefert worden ist. Und man könne eben nicht ausschließen, dass der Erreger auch auf den Feldern der Bauern zu finden ist. „Vorsorgenden Verbraucherschutz“ nennen das die Experten.

Woher kommt der Erreger?

Wie der Tagesspiegel berichtete, handelt es sich bei dem Erreger des jetzigen Ausbruchs um einen Eaec-Keim, der das gefährliche Shigatoxin offenbar von einem Ehec-Keim übernommen hat. Eaec-Keime sind bisher nur in Menschen beschrieben, nicht in Tieren. „Vergleichbare Stämme wurden bisher insgesamt selten und als solche eher beim Menschen nachgewiesen“, schreibt etwa das Robert-Koch-Institut. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt, das Nationale Referenzlaboratorium für E.coli am BfR habe den Erregertyp bisher nicht bei Tieren und in Lebensmitteln finden können.

Das bedeutet nicht, dass der Erreger im Moment von Mensch zu Mensch übertragen wird. Es ist aber wahrscheinlich, „dass der Eintrag des Erregers im jetzigen Ausbruchsgeschehen in betroffene Lebensmittel über den Menschen oder vom Menschen über die Umwelt erfolgt sein kann.“

Kann ein Mensch so viele Infektionen verursachen?

Ja, wenn ein Mensch zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie arbeitet, kann er unwissentlich Keime verbreiten. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Eines der bekanntesten ist Mary Mallon. Die irische Köchin war selbst nicht krank, schied aber Typhusbakterien aus. Durch Schmierinfektionen – das heißt: mangelnde Hygiene nach dem Toilettengang – infizierte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hunderte, möglicherweise sogar tausende Menschen mit dem Bakterium.

Was bedeutet das für die Hygiene?

Ganz konkret heißt das: Ein Mensch, der sich die Hände nicht richtig wäscht und dann zum Beispiel ein Messer in einer Großküche berührt, kann so hunderte Menschen anstecken. „Deshalb ist Küchenhygiene so immens wichtig“, sagt BfR-Präsident Andreas Hensel. „Man muss sich immer klar machen, was man da berührt. Wenn Sie mit den Fingern einen rohen Hühnerschenkel auf den Grill legen und dann ein paar fertige Würstchen runternehmen, können Sie schon genug Bakterien übertragen, um sich und andere krank zu machen.“

Welche Lebensdauer hat der Erreger?

Die Fachleute vom Bundesinstitut für Risikobewertung sagen, er sei „verdammt hartnäckig“ und könne sich bis zu drei Monaten halten.

Kann er auch in Tiefkühlkost überleben?

Theoretisch ja, allerdings gibt es dazu noch keinen Fall, der den Forschern bekannt ist. Bei Tiefkühlkost ist das Gemüse aber schon deshalb weniger betroffen, weil man es in der Regel erhitzt oder kocht. Im Fleisch kann sich der Ehec-Erreger aber auch in der Tiefkühltruhe halten. Da hilft nur: gut durchbraten.

Genügt es, Gemüse sorgfältig abzuwaschen oder kann der Erreger auch ins Gemüse eindringen?

Dazu gibt es widersprüchliche Angaben. Vermutlich hängt es von der Pflanze ab, ob die Erreger auch in sie eindringen können. „Um auf Nummer sicher zu gehen, würde ich es lieber wegwerfen als es zu waschen“, sagt Lothar Wieler, Mikrobiologe und Veterinärmediziner an der Freien Universität Berlin.ale/kkp/dpa

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben