Zeitung Heute : Wie lebtPeenemündemit Hitlers Erbe?

Vor 60 Jahren startete auf Usedom die erste V2-Rakete.

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Von Uta Andresen, Peenemünde

Es muss in der Natur der Sache liegen, und die ist nun einmal technischer Art. Auf Usedom jedenfalls deutet ein sprödes Kürzel an, welche Erinnerungen das Gedächtnis zulässt.

Manche sagen A4. Wie Reinhold Krüger, dem Peenemünde so etwas wie die Realisierung eines Jules-Verne-Romans war, die Stahlwerdung eines Kindheitstraums: Raketen, die zum Mond fliegen, Stars wie der Ingenieur Wernher von Braun, die im Kabriolett über die Halbinsel brausen, und er selbst, noch halbwüchsig, als Lehrling mittendrin. A4 übrigens wie Aggregat 4, die erste unbemannte Rakete der Welt, die am 3. Oktober 1942 die Atmosphäre überwindet.

Manche sagen V2. Wie Heinz Erdmann, dem Peenemünde eher die Stahlwerdung eines Alptraums war: Waffen, die den Krieg entscheiden sollten, KZ-Häftlinge, die im Keller unter der Montagehalle gerade noch so lebten, dass sie arbeiten konnten, und er selbst, schon längst erwachsen, als Dreher an der Werkbank und nach dem Bombenangriff beim Leichenkommando, das Körper einsammelte und unter die Erde brachte. V2, wie Vergeltungswaffe 2, Hitlers Wunderwaffe, die zwar London trifft und New York treffen soll, aber den Nazis nicht den Endsieg bringt.

Aber wer denkt schon an V2? „In Peenemünde war die Raumfahrt“, heißt es heute auf der Halbinsel Usedom. Und schieben sich hier nicht die Touristen in kurzen Hosen durch eines der meistbesuchten Museen Deutschlands? Vorbei am schwarz- weiß-geringelten Nachbau der Rakete, hinein ins gigantische Kraftwerk, hindurch unter der roten Schrift „Geheime Kommandosache“, zur Wiege der Raumfahrt, aus Ziegeln gemauert und in den vorpommerschen Sand gesetzt? Dass die Nationalsozialisten dabei mehr an der Beherrschung der Erde interessiert waren als an der Erkundung des Weltraums? Ach Gott ja, Politik eben.

Das war der Aufschwung

Am 28. September will der junge Museumsdirektor des ersten gelungenen Raketenstarts vor 60 Jahren mit dem „War-Requiem“ von Benjamin Britten gedenken. Wenn man so will, ein Gedenken an den Startschuss für das Wettrüsten der 50er Jahre und das Gleichgewicht des Schreckens in den Jahrzehnten danach. Soll er machen. Sollen sie kommen, die Honoratioren, Rau und Gorbatschow, und ihre Reden über Verantwortung und Ethik halten. Am Verhältnis der Halbinsel zu Peenemünde wird das nicht viel ändern. Denn mit der Perspektive ist das so eine Sache. Sie verändert sich, je näher man am Objekt ist.

Für die abgelegene Halbinsel Usedom mit ihren wenigen kaiserlichen Seebädern und ihren vielen kargen Äckern bedeutet die „Heeresversuchsanstalt Peenemünde“, so der offizielle , zunächst eines: Endlich passiert etwas. „Mit Peenemünde ging die Sonne auf. Wer hat da nicht gearbeitet?“, erzählen die alten Leute. Der Schwager in der Registratur, der Nachbar beim Wachdienst, die Frau im Lager, selbst die Villenbesitzer am Strand von Karlshagen wurden ordentlich dafür entschädigt, dass ihre Häuser dem Dorf der Wissenschaftler weichen mussten. Eigens wurde eine Schmalspur-Bahn gebaut, die die Inselbewohner im Zehn-Minuten-Takt zum Standort an der Nordspitze brachte. So sah der Aufschwung aus.

Sagt man A4, dann kann es sein, dass einem die Erinnerung vor allem ein Geräusch schickt. Dieses tiefe, eher fühl- als hörbare Grollen, das satte Vibrationen durch den Körper pulst. „Wenn neun Tonnen Brennstoff in 60 Sekunden verglühen, das gibt schon ein tolles Geräusch“, sagt Reinhold Krüger. „Aber wenn der Schall bei dir ist, dann ist die eigentliche Brennzeit des Gerätes schon vorbei, vielleicht hat man noch etwas fliegen sehen.“ Koserow, das Dorf aus dem er stammt, auf der Mitte der Halbinsel gelegen, war einfach zu weit weg von Peenemünde. „Schiet och.“

A4. Reinhold Krüger ist 14 Jahre alt, als er 1944 das erste Mal an der Sperre des Sicherheitsdienstes vorbei darf, an den Männern mit der Wehrmachtsuniform und dem halbrunden Schild vor der Brust, rein ins Sondergebiet, dahin, wo die Stratosphärenschiffe aus seiner Bettlektüre Wirklichkeit wurden. „Natürlich war ich gern in Peenemünde, es war etwas Besonderes, dort reinzudürfen. Bei der Rüstung arbeiten, Werkzeugmacher bei einem staatlichen Betrieb lernen und nicht bei irgend so einem Krauter, das war doch was.“ Und dann war da noch der Wagen des Wernher von Braun, dieses jungen Wissenschaftlers, SS-Mann und später Karriere-Ingenieur in den USA. Toller Schlitten, ein Tatra 87, mit silberner Heckflosse und Heckmotor, der stand oft vor Haus 4, Konstruktionsabteilung. „Wernher von Braun selber hab ich nie gesehen, wir waren ja kleine Pimpfe, hatten stramm zu stehen und unsere Arbeit zu machen“, sagt Reinhold Krüger.

Pimpf Krüger sammelt Raketenstarts wie jemand in seinem Alter heute wohl Computerspiele. „In dem knappen Jahr, in dem ich in Peenemünde war, hab ich 60 Schüsse gesehen.“ Und Reinhold Krüger sieht die Karikaturen, die auf die Raketen gepinselt sind. Den Churchill, der seinen Kopf stützt, und im Kanal um ihn herum schwimmen Whiskyflaschen. Und später den Waffenschmied, der dem Frontsoldaten eine A4 in die Hand drückt. „Man war ja damals froh, eine Waffe gegen die Tommys zu haben. Nur, waffentechnisch war das nix, das war ja ein fliegendes Labor von 20 000 Teilen, hat viel zu viele Rohstoffe gekostet.“

Reinhold Krüger. 72 Jahre, gelbblond, rotgebrannt, fester Händedruck, das Haus Ende der 50er Jahre selbst gebaut, mit Materialien aus Peenemünde, Rohre für die Heizungen, Steine für die Mauern, Eisen für den Zaun. Ein Techniker Zeit seines Lebens, baut nach dem Krieg Schiffe auf der Peene-Werft. Die Sätze geradeaus, ohne „vielleicht“, ohne „aber“. Relativieren ist seine Sache nicht. Die Nationalsozialisten waren Verbrecher, jawoll. Aber ihre Technik war einmalig, und er, Reinhold Krüger, interessiert sich nun einmal für Technik. Da, die Bücher und Zeitschriften im Regal – alles, was es über Peenemünde in der DDR zu lesen gab, und nach der Wende kam noch einiges dazu. Und den Russen war die Technik, die sie an der Küste fanden und die er, Reinhold Krüger, ein halber Junge noch, bei der Demontagekommission 104 abbauen musste, doch auch recht.

Es ist wohl diese Fähigkeit, Dinge getrennt voneinander zu betrachten, die Reinhold Krüger nach der Wende zum „Förderverein Peenemünde“ bringt, der sich im einstigen Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt ein Museum einrichtet mit technischen Devotionalien. Ein Verein von ehemaligen NVA-Offizieren und Fans wie Reinhold Krüger. Mit Lehrlingen der Peene-Werft baut er das A4 nach, das heute vor dem Museumseingang steht. Und kann sich immer noch darüber ärgern, dass ihm für die Spitze der Rakete die richtige Schraube fehlt. Die Zwangsarbeiter, die KZ-Häftlinge von Peenemünde, die 20 000 Toten, die Entwicklung und Bau der Rakete kosteten? Kein Thema. 70 000 Leute kommen und sehen sich die Ausstellung an. Waffen als Event.

Das erkennt auch die Rüstungsindustrie und will hier 1992 das 50. Jubiläum des ersten geglückten Raketenstarts feierlich begehen, Unterstützung leistet Staatssekretär Erich Riedl (CSU) vom Wirtschaftsministerium. Es hagelt Proteste, die Party wird abgesagt, Riedl muss gehen, und der „Förderverein Peenemünde“ verliert sein Museum an ein Wissenschaftler- und Politikergremium, das ab Mitte der 90er Jahre für eine Ausstellung sorgt, die nicht mehr die Unschuld der Technik preist. Und Reinhold Krüger? Arbeitet weiter auf der Peene-Werft, geht in Rente, zieht sich zurück. „Dass da die technische Seite etwas überbetont wurde, das mag schon sein, aber den Wirbel damals hab ich nie verstanden.“ Es gibt Leute „mit starrerem Blick“, wie Reinhold Krüger sagt, die sich von dem neuen Museum fern halten. Als der 39-jährige Museumsdirektor Dirk Zache Reinhold Krüger von den Mikrofilmen mit den Forschungsberichten erzählt, die den USA 1945 zugespielt wurden und die sie nun dem Museum überlassen haben, bietet er an, sie zu sichten.

Im Labyrinth

Sagt man V2, dann kann es sein, dass einem die Erinnerung ein Geräusch schickt: „Krcht, Krcht, Krcht. Dieses Geräusch der Holzpantoffeln, so verfroren und verhungert die waren, konnten die nur noch schlurfen, die armen Teufels“, sagt Heinz Erdmann. Die armen Teufels. Mitleid hatte man nicht direkt. „Heute lässt sich das ja ganz anders an, aber damals? Das waren für uns Häftlinge, die hatten etwas ausgefressen, und dafür saßen die ein“, sagt er.

V2. 32 Jahre ist Heinz Erdmann alt, als er, Soldat, seine ersten KZ-Häftlinge kennen lernt. „Die Politischen“ mit dem roten Winkel, die holländischen Studenten, die hier lernen sollten, dass es falsch war, sich am Amsterdamer Aufstand gegen die Nationalsozialisten zu beteiligen. Und „die Kriminellen“ mit dem grünen Winkel, Deutsche, die gestohlen oder betrogen hatten und lernen sollten, dass das Recht der NS-Volksgemeinschaft das Recht des Stärkeren war. Gerade erst hatte Heinz Erdmann geheiratet, eine Frau aus Karlshagen, dem Dorf am Rande des Versuchsgeländes. „Flieger Erdmann meldet sich zur Stelle.“ Und ab ging es, in die Fertigungshalle F1, gemeinsam mit den Häftlingen arbeiten, Zylinder drehen, die die Nase der Rakete werden sollten.

Hager, kraftlos sitzt Heinz Erdmann in seinem Sessel, auf der Fensterbank Plastikblumen, leicht zu pflegen. Vor ein paar Tagen gerade aus dem Krankenhaus entlassen, rechtzeitig, um den 91. Geburtstag zu Hause mit der Frau feiern zu können.

Heinz Erdmann hat so seine eigenen Erinnerungen an Peenemünde. Für ihn war hier nicht einfach „die Raumfahrt“. „Man soll da nichts beschönigen“, sagt Heinz Erdmann, „dass wir für Waffen gearbeitet haben, das wusste wohl jeder.“ Dass Heinz Erdmann nicht beschönigen will, liegt vielleicht daran, dass er Dora-Mittelbau kennen lernt, jenes Stollenlabyrinth im Harz, in dem die Raketen weitergebaut wurden, nachdem die Briten im August 1943 den Standort Peenemünde entdeckt und bombardiert hatten. Aus der Nähe ändert sich die Perspektive.

Die Schwägerin wird von einer Bombe zerfetzt, Heinz Erdmann wird zum Leichenkommando abgestellt. „Ich musste Leichen einsammeln, ein paar Tage lang.“ Versehentlich hatten die Briten das Zwangsarbeiterlager getroffen. Auch auf die Fertigungshalle fielen Bomben, doch an seinen Arbeitsplatz darf Heinz Erdmann nicht. Im Keller der Halle lagen ja die KZ-Häftlinge. „Und für die war die SS zuständig, die bekamen wir gar nicht zu sehen.“ 750 Menschen sterben. Wenige Wochen nach dem Bombenangriff wird Flieger Erdmann verlegt. „Wir bekamen den Befehl, Zivil zu besorgen, dann rein in den Zug und ab nach Dora.“ In Zivil, weil man kein Aufsehen erregen wollte.

Die Namen der Häftlinge, mit denen er über Jahre zusammenarbeitete, hat Heinz Erdmann längst vergessen. Nicht aber manche Tage. Etwa jenen, an dem sich morgens ein KZ-Häftling, nachdem er stundenlang einen Stollen freiräumen musste, in einen Berg Säcke verkriecht, um zu schlafen. „Den hat ein SS-Mann über die zwölf Stunden, die wir dort gearbeitet haben, langsam totgeschlagen“, erzählt Heinz Erdmann. Oder jenen Tag, an dem der Kollege einem Häftling, den er von früher kannte, seinen Pullover gibt. „Am anderen Tag stand er selber in Häftlingskleidung an der Fräsmaschine.“ Unter solchen Bedingungen lernt man, sich zu fügen. „Dazwischen sein und nichts ändern können, fühlen, dass das Unrecht ist und praktisch mitmachen.“ Heinz Erdmann hätte wohl gern auf diese Erfahrung verzichtet.

Er lernt noch etwas: sich raushalten. „Man kann bewusst mitmachen, man kann ungern mitmachen und man kann sich drücken.“ Heinz Erdmann drückt sich, wenigstens vor der Partei, vor SS und SA und später vor dem Volkssturm. Und damit muss er sich weit mehr rausgehalten haben als die anderen Männer aus seinem Dorf, denn nach dem Krieg gilt Heinz Erdmann den Russen als so unbelastet, dass sie ihn zum Bürgermeister machen und in den Rat des Kreises berufen. Dass er da nicht bleibt und nach zwölf Jahren wieder als Dreher „in der Produktion“ arbeitet, hat wohl auch etwas mit dieser Lektion zu tun.

Begegnet sind sie sich schon, im Museum, – der einstige Dreher, der die V2 nicht vergessen kann, und der ehemalige Lehrling, der das A4 nicht in Vergessenheit geraten lassen möchte. Heinz Erdmann, der müde in seinem Sofa sitzt und mit der Frau über die Kinder, den Garten spricht. Und Reinhold Krüger, der regelmäßig nach Peenemünde fährt, um die Mikrofilme mit den Forschungsberichten zu sichten. Aber ein Gespräch, was hätte das bringen sollen? Man hätte sich ausgetauscht, abgeglichen. Aber die Erinnerung würde einem doch immer wieder nur das alte Geräusch schicken.

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