Zeitung Heute : Wie man Terrorist wird

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Der Prozess schleppt sich mühsam über die Zeit. Der Kronzeuge erzählt ein wenig, mal von Zündern aus präparierten Blitzlichtlämpchen, paniert in pattexverklebter Soße aus geriebenen Streichholzköpfchen, mal von exklusiven Tarnanstrengungen einer terroristischen Vereinigung, bestehend aus zwei voneinander abgeschotteten Zellen. Dann schweigt der Kronzeuge wieder. Sagt, er erinnert sich nicht. Sagt, die Frage ist schon beantwortet worden. Sagt nichts. Zu hören ist im Saal 500 dann nur das zarte Fingertippeln eines konzentriert arbeitenden Laptop-Schreibers.

63. Verhandlungstag im Verfahren um die „Revolutionären Zellen“ (RZ), das vor einem Jahr begann. Die Verteidigung arbeitet immer noch und unermüdlich an der Demontage des Kronzeugen Tarek Mousli. Das ist ermüdend, manchmal nervtötend.

Gelegentlich beschwert sich sogar die Richterin. Matthias Borgmann, der dem Kronzeugen genau gegenüber sitzt, findet es trotzdem spannend, das „absurde Theater". Schließlich geht es um seine Existenz. Borgmann war mal Leiter des Akademischen Auslandsamtes der TU, eine einflussreiche Position mit einer „zugegebenermaßen hohen Bezahlung". Nun ist er mutmaßlicher Terrorist. Anders gesagt: Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein und als solches bei diversen Anschlägen mitgemacht zu haben.

Am 18. April 2000 wurde Borgmann verhaftet, saß 22 Monate in Untersuchungshaft, wurde am 12. Februar 2002 wegen eines Unglücksfalls in der Familie gegen Kaution aus der Haft entlassen und hofft nun auf seinen Freispruch. Die Chancen stehen gut, denn der Kronzeuge, auf dessen breiten Schultern die gesamte Anklage ruht, verheddert sich immer weiter in Widersprüchen und Ungereimtheiten und sagt verdächtig oft: Das weiß ich nicht mehr so genau.

Es ist nicht so, dass Matthias Borgmann auf sein Gegenüber, dem er den Verlust seines Jobs, zweier Jahre seines Lebens und einiges an seelischen Härten zu verdanken hat, teuflisch wütend ist. Er hält ihn nur für einen „Lügner“ und für einen „gekauften Zeugen". Im Prozess schweigt Borgmann – so verteidigt er sich auf Anraten seines Anwalts. Das Schweigen fällt nicht mehr ganz so schwer, seit er aus der U-Haft entlassen wurde. Ende Januar sagte zudem einer der vier Mitangeklagten, Rudolf Schindler, zugunsten von Borgmann aus. Auch Schindler bezeichnete Mousli als Lügner. Nun steht Aussage gegen Aussage. Beweise gibt es ohnehin kaum.

Den „Revolutionären Zellen“, einer Art Stadtguerilla, werden zwei Beinschuss-Attacken auf hohe Beamte und einige kleinere Sprengstoff-Anschläge zur Last gelegt, geschehen in Berlin zwischen 1986 und 1991. Danach löste sich der Verein von Feierabendterroristen auf und geriet langsam in Vergessenheit – bis die Fahnder des Bundeskriminalamtes durch ein paar dumme Zufälle einem Sprengstoffdepot des Karatelehrers Tarek Mousli auf die Spur kamen und ihn als Kronzeugen anwarben. Mousli tritt im Prozess mit Toupet und dicker Brille auf – eine Camouflage zum Schutz vor Übergriffen aus der linken Szene, die ihn als Verräter betrachtet.

Mousli sagte den Polizisten, er habe Matthias Borgmann unter dem Tarnnamen „Heiner“ bei einem gemeinsamen Waldspaziergang der RZ-Gruppe am Wannsee kennen gelernt. Schindler sagt, dieser Spaziergang habe nie stattgefunden.

Borgmann schweigt. Die Sache werde nochmal zur Sprache kommen, kündigt sein Anwalt an. Der heute 53-jährige Borgmann blickt auf den Prozess inzwischen durch die Brille des distanzierten Analytikers. Verglichen mit den Verfahren um die RAF oder die Bewegung 2. Juni, die er damals interessiert verfolgte, sei das Klima im Gerichtssaal erheblich entspannter. Auch Borgmann gibt sich gelöst. Er leistet sich sogar Witze über seine U-Haft in der JVA Moabit, dem „Heartbreak Hotel". Das ist die ironische Distanz, die ihn – unter anderem – vor der Verzweiflung bewahrt hat.

Vor zwei Jahren sah das noch anders aus. Gegen die Wirklichkeit eines BKA-Kommandos, das morgens unverhofft an der Tür klingelt, ist jede ironische Distanz machtlos. Immerhin: Borgmann durfte in Ruhe frühstücken, während ein Dutzend Polizisten seine Wohnung durchkämmte. Als die Beamten fertig waren, wurde Borgmann festgenommen und kam auf dem Polizeiabschnitt Friesenstraße in Gewahrsam.

Der angesehene Uni-Funktionär verbrachte die erste Nacht seines Lebens auf einer Holzpritsche bei künstlichem Licht. Das war dann wirklich schlimm, sagt er. Am nächsten Morgen ging es zur Vernehmung zum Bundeskriminalamt nach Treptow. Borgmann hatte den Beamten nichts zu sagen. Die konterten sein Schweigen mit einem Angebot: Er könne ja wie zuvor Tarek Mousli Kronzeuge werden. Dann bliebe er von der U-Haft verschont. Borgmann lehnte ab und verschwand hinter den Mauern der Haftanstalt Moabit. Am gleichen Tag wurde er von der TU fristlos entlassen.

Die erste Zeit in der Haft ist man damit beschäftigt, sich zurechtzufinden, sagt er. Wo gibt es Kaffee, Bücher, Zeitungen? Wem kann man trauen unter den Kollegen Mitgefangenen? Bald senkte sich der Adrenalinpegel wieder. Es folgte die Phase der Wahrnehmung. Was ist überhaupt passiert? „Zuerst dachte ich noch, der Spuk sei bald vorbei.“ Doch Borgmann musste sich für länger in seiner Zelle einrichten – wegen angeblicher Fluchtgefahr. Unter den Knastis wurde er als „Terrorist“ mit dem Prädikat „zwölf Jahre mindestens“ belegt - eine Anerkennung.

Er galt als Promi-Knacki mit guten Kontakten nach außen. So einer kann vielleicht helfen. So einen sollte man nicht ärgern. Bleibende Schäden hat die U-Haft bei ihm wohl nicht hinterlassen, nur prägende Erinnerungen: Etwa das gemeinsame Duschen von 40 Häftlingen im Keller, zweimal die Woche, auf Kommando. Mit seiner Frau tauschte er täglich Briefe aus – Besuchszeit war nur alle 14 Tage. Als unnötig unmenschlich habe er die U-Haft empfunden.

Aus seiner Vergangenheit erzählt Borgmann nicht viel. Darf er nicht wegen der auferlegten Schweigepflicht. Eine typische 68er-Biographie ist herauszuhören: Jura-Studium an der FU, Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Engagement im „linken Spektrum“, dann Abbruch des Studiums, um in einer Fabrik dem Proletariat die Sinne zu schärfen, erneut Studium, diesmal als Berufsschullehrer, Engagement in der ÖTV, Arbeit in der Studienberatung der TU, Wechsel ins Akademische Auslandsamt, seit 1992 Leiter desselben. Eine linke Vorzeige-Karriere.

Auch wenn der Prozess mit einem Freispruch endet – ein Makel wird bleiben, sagt Borgmann. „Aus Mangel an Beweisen“ wäre es nur ein Freispruch zweiter Klasse.

Die Leute werden tratschen: Der soll doch mal was mit Terroristen zu tun gehabt haben, oder? Der saß doch mal im Knast, oder? Der öffentliche Dienst wird ihn nicht mehr nehmen, glaubt Borgmann. Kann er aber verschmerzen. Einen neuen Job werde er schon bald finden. Und mit dem Makel, mal in Moabit eingesessen zu haben, kann ein Linker gut leben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar