Zeitung Heute : wie Peter Handke einmal Helmut Lohner erschreckte

Hellmuth Karasek

Zu den Salzburger Festspielen in den 70er Jahren fuhr ich zum letzten Mal für die "Zeit", und als ob ich geahnt hätte, dass mir ein wichtiger Abschied bevorstände (ich ging im folgenden Jahr für 22 Jahre zum "Spiegel"), schrieb ich einen sehr elegischen Artikel, der die Überschrift "Lauter letzte Tage" trug. Nun gehört ein (barock eingefärbtes) Vergänglichkeitsgefühl, eine wehe Abschiedsstimmung ohnehin zu Salzburg, auch die wilde Lebenslust Mozarts (lange als Rokoko verkannt) hat hier ihre Wurzeln und wer beim "Rosenkavalier" und beim "Jedermann" nicht an Vergehen und Abschied, "Ja, die Zeit!", denkt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Am ersten Abend hatte Helmut Lohner Premiere. Der brillant feinnervige Schauspieler, ein Bündel an Empfindungen (ich werde seinen Ferdinand in Kortners "Kabale und Liebe" nicht vergessen, wo er die rührende Dummheit und Weltfremde des "teutschen Jünglings" rührend und erbarmungslos enthüllte) spielte in Otto Schenks Inszenierung von Nestroys "Talisman" den Titus Feuerfuchs, der sich mittels Perücke gegen die Vorurteile der Welt tarnt, und für das berühmte Couplet "Na, da hab ich schon gnur, na, da hab ich schon gnur!",hatten er und sein Regisseur wie üblich ein paar zeitkritische Strophen hinzugedichtet. In einer davon machten sie sich, unter dem Jubel des Premierenpublikums, über die Misanthropie und den vermeintlichen Grobianismus des damals noch als österreichischem Ärgernis quietschlebendigen Thomas Bernhard lustig.

Ich hatte am frühen Nachmittag Lohner im Café Bazar getroffen, wo auch Peter Handke saß. Und dabei hatte ich erfahren, dass Lohner am Tag darauf Handke-Texte für den Rundfunk oder eine Sprechplatte aufnehmen sollte und wollte. Beide waren ein Herz und eine Seele, voll gegenseitiger liebevoller Bewunderung.

Dann kam die Premiere und nach der Premiere die Premierenfeier, die, weil die Premiere ein rauschender Erfolg war, auch rauschend wurde. Und da saß irgendwo auch Handke und ein harter Kern feierte noch sehr lange in einem Beisel, das, wie das Landestheater, auf der linken Seite der Salzach lag.

Irgendetwas zwischen Helmut Lohner und Peter Handke muss ich verpasst haben, aber als ich am nächsten Morgen wach wurde, war es nicht durch den erwarteten Weckruf im Hotel "Bristol", das ich schon deshalb liebte, weil man über den Hof tagsüber die Klavieretüden und die Gesangsübungen aus dem nahe gelegenen "Mozarteum" durchs Fenster hörte. Die Zimmer waren damals noch, wenn der August schön war, unerträglich heiß, es gab keine Klimaanlage, und mein Kopf war durch die ausdauernde Premierenfeier noch ziemlich dumpf und schwer.

Am anderen Telefonende (es war, wie sich herausstellte, kurz nach acht Uhr) ein aufgeregter Helmut Lohner, der sich zunächst leise und stockend - er war eigentlich immer leise und stockend - entschuldigte, dass er mich so früh anriefe. Aber es sei etwas Schreckliches, ja Unerwartetes passiert. Er, Lohner, habe in aller Herrgottsfrühe einen Anruf von Peter Handke erhalten. Handke sei voller Empörung und Zorn gewesen. Und habe ihm die gemeinsam vorgesehene und fest geplante Sprachaufnahme abgesagt. Ja! Pause!

Auf mein "Warum, um Gottes Willen?" erzählte mir Lohner, es sei wegen des Nestroy-Couplets. Ob ich mich an die Strophe über Thomas Bernhard erinnere. Ich erinnerte mich. Handke, erzählte Lohner, habe sich über diese "Gemeinheit" geärgert. "Niedrig" sei es, habe Handke gesagt, "Niedrig", sich derart banausisch über einen großen Autor mit allen spießigen Vorurteilen herzumachen. Ja, niedrig. Und deshalb habe Handke die Sprachaufnahme abgesagt. Und was er, Lohner, denn jetzt machen solle. Und ob ich nicht vermitteln könnte! Und Handke anrufen. Das aber schien mir, wie ich Handke kannte, keine gute Idee, es würde seinem Gockelzorn und Dichterstolz nur neue Nahrung zum Aufbäumen geben.

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihm zum Abwarten geraten. Und dass er zur Aufnahme gehen solle, als wäre nichts geschehen. Das hat Lohner dann wohl auch gemacht. Und ich denke, dass die Aufregung ganz umsonst war: "Na, da hab ich schon gnur, na, da hab ich schon gnur!"

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