Zeitung Heute : Wie Phönix aus der Pleite

Der Tagesspiegel

Von Antje Sirleschtov

Vorgestern Holzmann, gestern Fairchild-Dornier und die Thüringer Mühl AG. Heute Herlitz, morgen vielleicht schon Kirch. Deutschland, so scheint es, setzt zu einem grausamen Frühjahrsputz an. Während Ökonomen und Politiker den nahen Aufschwung der Konjunktur bereits zu sehen glauben, stehen die Vorstandsvorsitzenden, zumal die von namhaften Unternehmen, jetzt eher vor den Türen der Amtsrichter an. Insgesamt gut 20 000 Arbeitnehmer in den traditionsreichen Unternehmen bangen derzeit um ihre Jobs, weil die Unternehmen Insolvenz angemeldet haben oder der Pleitegeier zumindest über ihnen kreist. Noch nicht mitgerechnet sind dabei all die vielen tausend kleinen Mittelständler und Handwerker, von deren Krisen man nirgendwo liest.

Steht der Wirtschaftsstandort Deutschland vor einem neuen Pleitenrekord und in dessen Folge vor noch schwierigeren ökonomischen Zeiten? Ist gar die konjunkturelle und strukturelle Krise einer der stabilsten Wirtschaftsnationen der Welt viel tiefer, als Prognosen und Statistiken der vergangenen Wochen ausgesagt haben? Müssen sich am Ende die Politiker aller Parteien auf einen Wahlkampfsommer einrichten, der jeder Zeit von spektakulären Pleitemeldung überschattet wird? Oder warum lassen die Banken gerade jetzt reihenweise Unternehmen wie Holzmann, Mühl, Herlitz oder den Flugzeugbauer Dornier fallen?

Die Flaute überbrückt

Die Konjunktur-Experten warnen erst einmal vor übertriebenem Pessimismus. Am Ende eines jeden Konjunkturtiefs, sagen Ökonomen, gibt es eine deutlich sichtbare Insolvenzhäufung. Die betroffenen Unternehmen hätten durch Auftragsüberhänge aus besseren Zeiten und lang laufende Kredite die wirtschaftliche Flaute gerade noch überbrücken können. Irgendwann allerdings würden sie strukturelle Probleme und Liquiditätssorgen einholen. „Pleitewellen sind Nachläufer der Krise“, sagt Axel Nitschke, Chef-Volkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK, beschwichtigend. „Sie deuten eher auf einen Aufschwung als auf eine anhaltende Krise hin.“ Auch die Statistiken versprechen den Deutschen ein baldiges Anziehen der Konjunktur. Zum zweiten Mal hintereinander produzierten deutsche Unternehmen im Januar mehr Waren als im Monat zuvor. Und der viel beachtete Geschäftsklimaindex des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) zeigt zum wiederholten Male, dass sich die Auftragsbücher der Unternehmen wieder füllen und die Stimmung in den allermeisten Branchen spürbar besser wird.

Dass Holzmann, Herlitz und Co. davon nicht mehr profitieren, liegt vor allem daran, dass sich nun mit Macht eine Entwicklung Bahn bricht, die sich schon seit geraumer Zeit andeutet: „Die Deutschland AG ist am Ende“, erkennt Rüdiger Pohl, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Jahrzehntelang hätte hier zu Lande eine Allianz aus Vorständen, Bankern und Politikern dafür gesorgt, dass Unternehmen Geschäfte machen konnten, obwohl ihnen das notwendige Eigenkapital fehlt. Sie seien dabei immer mutiger Risiken eingegangen, die sie nicht schultern konnten und die anderswo längst zur Überschuldung und zum Konkurs geführt hätten. In Deutschland trafen sich in solchen Fällen immer wieder Unternehmer, Kreditgeber und Politiker, die aus Sorge um Arbeitsplätze Kreditpakete geschnürt haben, die die wahre finanzielle Situation der Unternehmen verschleierten, meint Pohl. Das war so bei Kirch, bei Dornier und auch bei Herlitz. Offenkundig wurde das bei Holzmann, dem Baukonzern, der 1999 nur durch ein Wort des Bundeskanzlers an die Banken vor der Insolvenz zu retten war, und den das Ende nun mit dreijähriger Verzögerung traf.

„Jetzt brechen die Banken diesen Pakt auf“, sagt der Hallenser Ökonom Pohl. Denn keine andere Branche musste sich in den vergangenen Jahren so stark dem internationalen Wettbewerb stellen wie die Kreditinstitute. Die Globalisierung zwang die Banken zur Umstrukturierung ihrer Geschäfte, zu Fusionen und nicht zuletzt dazu, ihre Unternehmensbeteiligungen und die Kredite in Deutschland nach internationalen Maßstäben zu bewerten. Das neue deutsche Insolvenzrecht, nachdem die Unternehmen nach der Insolvenz weitergeführt und für sanierungsfähige Teile Investoren gesucht werden, und letztlich auch die Steuerreform der Bundesregierung, die den Verkauf von Beteiligungsbesitz steuerfrei stellt, beschleunigen das Rating in den Beteiligungsbüchern der Banken noch dazu.

Der Weg ist versperrt

Was dabei am Ende herauskommt, zeigt das Beispiel des Flugzeugbauers Dornier ganz eindrucksvoll. Obwohl das Land Bayern und der Bund frühere Kredite verbürgt haben, entschieden sich die Banken dafür, kein weiteres Fremdkapital zu geben – auch nicht, wenn das Land Bayern mit neuen Bürgschaften eingesprungen wäre. Jetzt kann der Insolvenzverwalter des bayerischen Unternehmens neue Investoren für die überlebensfähigen Teile von Dornier suchen.

Und die Politik? „Wenn die Banken das alte Spiel nicht mehr spielen“, sagt Pohl, „dann ist den Politikern der Weg versperrt.“ In den Wahlkampfteams von Schröder und Stoiber ahnt man längst, dass medienwirksam verteilte Kapitalspritzen keines der jetzt insolvent gewordenen Unternehmen retten würde. Nicht ohne Grund wehrte Schröder jeden Versuch von Holzmann, neue Bundeshilfe zu bekommen, ab. Auch in der Union hieß es am Mittwoch, Stoiber täte gut daran, wenig mit den bayerischen Krisen bei Kirch und Dornier in Verbindung gebracht zu werden. Kein Wunder, dass jetzt aus Stoibers Wahlkampfteam zu hören ist: „Die Zeiten, in denen man mit Staatsknete Insolvenzen abwenden kann, sind vorbei.“

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