Zeitung Heute : Wie Quälgeister den Abflug machen

Gegen Mücken, Motten, Schaben und Co. helfen nicht nur chemische oder elektrische Folterwerkzeuge.

Stephanie Saueressig

Das nervtötende Summen einer Mücke in der Dunkelheit und die Ameisenstraße in der Vorratskammer: Das sind die negativen Seiten des Sommers. Wer Insekten aus dem Haus fernhalten will, muss nicht gleich zum chemischen Schädlingsbekämpfungsmittel greifen. Auch mechanische Maßnahmen helfen oft.

Auch in der saubersten Wohnung tauchen immer wieder mal Ameisen, Motten, Silberfischchen oder Schaben auf. Doch nicht alles, was da krabbelt und kriecht, ist ein Schädling. „Viele Lebewesen wie Silberfische sind harmlose Lästlinge“, beruhigt Dirk Petersen, Umweltberater bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Andere Eindringlinge wie Spinnen seien sogar nützlich, die man daher in Ruhe lassen sollte. Nicht so aber Gesundheitsschädlinge wie Kakerlaken. Hier müsse ein Profi helfen.

Doch Insektensprays, Elektroverdampfer, Mottenpapier und ähnliche Vernichtungsmittel enthielten oft giftige Substanzen wie Organophosphate und Pyrethroide, warnt die Stiftung Warentest. Sie sollen den Schädlingen den Garaus machen, können aber auch dem Menschen schaden. Und: Es geht auch ohne Gift im Haushalt, sagt Rainer Gsell, Bundesvorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes in Essen. „Voraussetzung für erfolgreiche Gegenmaßnahmen ist die genaue Bestimmung der aufgetretenen Tiere.“ Könne der Betroffene das Insekt nicht selbst bestimmen, sollte er es einfangen und einem Schädlingsbekämpfer zeigen. Der habe Tipps, wie man gegen den Befall vorgehen muss. „Heutige Schädlingsbekämpfer setzen nur so viel Chemie ein wie unbedingt notwendig. Meist kommen sie ohne aus, denn der Profi stimmt die Maßnahmen auf den Schädling ab“, erklärt Gsell.

Doch den Profi zu rufen, kostet viel Überwindung. Was, wenn der Profi denkt, man hätte schlecht geputzt? Gsell beschwichtigt: „Die meisten Schädlingsprobleme haben nichts mit Sauberkeit zu tun. Die häufigste Ursache ist Einschleppung.“ So könne etwa ein Hund einen Floh ins Haus bringen.

„Auch Lebensmittelmotten werden, etwa durch den Einkauf von befallenem Müsli oder Mehl, eingeschleppt“, sagt Petersen. Denn in Getreideprodukten, aber auch in Trockenobst, Hülsenfrüchten und Schokolade fühlen sich die Mottenlarven wohl. Deshalb sei es wichtig, diese Lebensmittel nach dem Einkauf in verschließbare Behälter umzufüllen.

„Flattert eine Motte durch die Wohnung, sollte man alle Nahrungsmittel nach Gespinsten und die Verpackungen nach Löchern absuchen“, rät Petersen. Außerdem sollten Schränke ausgeräumt und ausgewaschen werden. In unzugänglichen Bereichen und Ritzen könnten abgelegte Eier mit dem Föhn so erhitzt werden, dass sie absterben.

Motten nisten auch gern in Wolle. „Sie lieben alte Hautschuppen und Schweißgeruch“, sagt Petersen. Die Winterkleidung sollte man daher waschen oder reinigen lassen, bevor sie verpackt ins Sommerquartier verschwindet. Lavendelkissen, Walnussblätter und Zedernholz zwischen den Kleidern beugen Mottenbefall vor. Sind die Motten aber schon da, helfen Pheromonfallen. Sie locken mit einem Sexuallockstoff männliche Motten in die Falle, so dass der Vermehrungszyklus der Insekten unterbrochen wird. „Oft werden diese Duftstofffallen jedoch falsch angewendet“, warnt Gsell. Werden etwa zu viele Fallen in die Räume gelegt, würden bei geöffneten Fenstern zusätzlich Motten aus der Nachbarschaft angelockt. „Wer die befallene Kleidung behalten möchte, muss sie so heiß wie möglich waschen und anschließend bei mindestens minus zehn Grad für einige Tage in die Gefriertruhe stecken“, rät Heidrun Heidecke vom Bund für Naturschutz und Umwelt Deutschland (BUND) in Berlin.

Auch Schlupfwespen bekämpfen Lebensmittel- und Kleidermotten. Die Larven der sehr kleinen Schlupfwespen sind nur 0,4 mm groß und werden auf Karten in die Schränke gelegt. Ausgewachsen werden sie dort zum Feind der Motten. „Schlupfwespen legen ihre Eier in die Motteneier, die daraufhin absterben“, erläutert Petersen. Auf diese Weise wird die Brut der Lebensmittelmotten zerstört. Anschließend sterben auch die Schlupfwespen. Diese Methode der Motten-Bekämpfung ist jedoch teuer, da sie in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten mehrmals wiederholt werden muss.

In den Sommermonaten können Ameisen lästig werden, wenn sie auf der Suche nach Nahrung in Gebäude und Wohnungen vordringen. „In der Regel bringt ein Befall von Ameisen kein gesundheitliches Risiko“, sagt Petersen. Eine Ameisenstraße in der Wohnung werde durch Bestreichen des Bodens mit Lavendelöl unterbrochen. Es störe den Orientierungssinn der Tiere. Schlupflöcher im Haus, wie Ritzen, sollten mit Silikon versiegelt werden. Klebende Barrieren, die es im Handel zu kaufen gibt, blockieren den Zugang durch Fenster und Türen.

Radikalere Methoden töten die Tiere: „Backpulver ist ein altes Hausmittel gegen Ameisen. Es wird von den Ameisen gefressen, bläht sich im Magen auf und tötet so die Insekten ab“, sagt Petersen. Auch Diatomeenerde wirke tödlich, da es den Chitinpanzer der Insekten verletzt und die Tiere in kurzer Zeit austrocknen. Zu den chemischen Vernichtungsmitteln gehört zudem noch Haarspray.

„Schaben und die seit einiger Zeit wieder verstärkt auftretenden Bettwanzen widerstehen sanften Bekämpfungsmethoden“, ergänzt Ingrid Nöh vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. Diese Tiere krabbeln nachts aus Schrankritzen und Wandfugen. Bei einem solchen Befall sollte man immer einen Schädlingsbekämpfer beauftragen, rät die Expertin.

„Das beste Mittel, um Insekten aus dem Haus zu halten, sind immer noch Fliegengitter“, sagt Michael Pommer von der DIY-Academy in Köln. Die einfachste und billigste Variante seien spezielle „Stores“, die von innen an den Türrahmen geklebt werden. „Das sind 10 bis 15 Zentimeter breite Streifen, die man einfach runterfallen lässt und die eine Art Vorhang bilden.“ Wer im Sommer auf der Terrasse essen möchte, kann so auch problemlos Geschirr rein- und raustragen. Die Kosten liegen je nach Tür zwischen 15 und 30 Euro.

Auch für Fenster gibt es eine entsprechende Lösung: „An dem Rahmen wird rundherum von außen ein Klettband aufgeklebt, auf das dann das Fliegengitter geklebt wird.“, erklärt Pommer. „Dieses System eignet sich aber meist nur für eine Saison, da die Gitter über den Sommer schmutzig werden.“ Je nach Fenster koste so ein Fliegengitter zwischen 8 und 20 Euro.

„Es gibt auch langlebigere Systeme. Die sind stabiler, aber auch ein bisschen teurer“, sagt Pommer. Wer handwerklich begabt ist, kann sich komplette Tür- und Fensterrahmen aus Aluminiumprofilen auf die passende Größe zurechtsägen. „Diese werden mit Kunststoffriegeln zusammengesteckt und mit einer Gaze bespannt.“ Die Fliegentüren verfügen über Angeln und können vor die eigentliche Tür gesetzt werden.

„Wer keineFliegengitter hat, sollte ab Dämmerung kein Licht bei offenen Fenstern im Zimmer anlassen“, rät Roswitha Meierhöfer vom Deutschen Hausfrauen- Bund in Neuried-Altenheim (Baden- Württemberg). Insekten und vor allem Mücken werden vom Licht magisch angezogen. So gibt es auch UV-Fliegenfallen. „Die Insekten werden durch das Licht angelockt und dann durch hohe Stromschläge verbrannt“, erklärt Pommer. Diese Methode ist allerdings bei Umweltschützern umstritten.

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