Zeitung Heute : Wie rettet man seine Heimat?

Das Wasser stand ihnen bis zum Hals, als die Oder über die Ufer trat. Seitdem sind sie sehr empfindlich, wenn es um ihr Land geht. Wenn etwa ein Minister eine Straße quer hindurch bauen will. Dann läuten die Glocken im Bruch wieder Sturm, und die Menschen kämpfen.

Nadja Klinger

Mitunter lacht Hartmut Meyer etwas zu breit. Er ist Minister, und er sagt: „Ich baue eine Straße und die Bürger wehren sich.“ Er trägt Krawatte zum Anzug und hat einen persönlichen Referenten. Auf den zeigt er mit dem Finger. „Führt die Straße an seinem Haus vorbei, gründet er eine Bürgerinitiative.“ Der Referent nickt. „Geht’s bei ihr lang, gründet sie eine.“ Meyer zeigt durch die Tür ins Vorzimmer, wo die Sekretärin sitzt. Er tauscht einen Bürger gegen den anderen aus, in seiner Geschichte sind sie alle beliebig. Man wünscht sich nicht, dass er so redet, aber er tut es. „Entsteht die Straße hinter meinen Garten“, fährt er fort, „dann gehe ich eben auf die Barrikade“, und lacht wieder sehr breit. Sein Referent sitzt dann ganz steif.

Die Bühne, auf der sich die Geschichte abspielt, ist etwa 20 Kilometer breit und 60 Kilometer lang: das Oderbruch am Ostrand Deutschlands. Flachland, viel Himmel, kaum Bäume, etwa 19000 Bewohner. Die Häuser stehen auf Flussschwammsand, Ton und Torf. In Trockenzeiten bricht der Boden, dann stehen sie nicht mehr stabil. Es gibt Felder und Vieh. Die Einheimischen tragen Gummistiefel. Im Herbst stecken ihre Autos im Matsch fest. Zugvögel landen und machen Pause. Gegen Jahresende steht die Zeit still. Es steht der Fluss. Wochen nach Neujahr schiebt die Oder den Winter gen Norden, langsam, dann schneller, bis das Eis rast. Die Schollen krachen aneinander und zerbersten im Sonnenlicht in glitzernde Scherben. Auf den sattgrünen Frühling folgen heiße Sommertage, die münden in feuchte Abende und kühle Nächte.

Im Fernsehen hat Brandenburgs Verkehrsminister Meyer erzählt, er spaziere gern mit seiner Frau und dem Hund an der Oder entlang auf dem Deich. Die Oderbruchbewohner lachen darüber. Sie sagen, der Minister hätte zuerst den Hund und dann die Frau genannt. Das stimmt aber nicht. Sie sind aufgebracht, die Bürger. Sie misstrauen Meyer. An seinen Geschichten ist was faul, und sie wünschten, jeder könnte das hören.

Mitunter steht der Pegel des Flusses den Menschen bis zum Hals. Jede Generation im Oderbruch erlebt ein, zwei Überschwemmungen. Beim Hochwasser vom Juli 1997 schaute ganz Deutschland zu. Das Fernsehen sendete, es gab einen Helden. Matthias Platzeck, damals Umweltminister, heute Ministerpräsident von Brandenburg, ist im Oderbruch berühmt geworden. Auf Fotos steht er als Retter auf dem Deich.

September letzten Jahres haben die Oderbruchbewohner ihm einen Brief geschrieben: „Wir sind sicher, dass Sie unsere Sorge um die Region teilen.“ Sie haben Platzeck gebeten, die Straße, die sein Verkehrsminister durch die sensible Flusslandschaft bauen will, zu verhindern. Ein Antwortschreiben gibt es immer noch nicht. Der Ministerpräsident ist mit der Osterweiterung der Europäischen Union befasst. Brandenburg wird Brücken nach Polen bauen und asphaltierte Schneisen schlagen. Der Brief, mit dem sich das kleine Oderbruch in den Vordergrund drängt, liegt in der Potsdamer Staatskanzlei. Die Bewohner haben Platzeck zu sich eingeladen. Er war nun mal der Deichgraf, sagen sie. Und warten. Aber der Deichgraf kommt nicht noch einmal.

In Otto Knolls Stube in Neureetz hängt eine Landkarte. Knoll wandert darüber hinweg. Er kennt jeden Weg und jedes Haus. Er hat sein Leben im Oderbruch verbracht, jetzt schnauft er, weil er ein alter Mann ist, aber er hat das Gebiet unter Kontrolle. Er ist der Chef. Er koordiniert drei Bürgerinitiativen gegen die geplante Straße. Er hat einen dicken Ordner mit Studien des Verkehrsministeriums und von Umweltschützern, mit Schriftkram. Er weiß, wie viele LKW kommen, und dass sie ein weitgehend intaktes Ökosystem mit hochrangig bewahrenswerter Flora und Fauna zerstören werden. Er erklärt, wie die Trasse die unterirdischen Flussadern abschneiden, das Wasser stauen, den Boden verändern und die Hochwassergefahr erhöhen wird. In seinen Papieren steht, dass die Gemeinden zu einem Durchgangsraum für den europäischen Güterverkehr verkommen und die Touristen das Gebiet meiden werden. Knoll trägt selbst in der warmen Stube einen dicken Pullover überm karierten Hemd. Er ist immer auf dem Sprung. Er springt auf Ämtern, Versammlungen und Protestveranstaltungen herum. Er malt Fragezeichen in die Papiere, der Kugelschreiber verschwindet in seiner kräftigen Hand. Knoll würde lieber Sandsäcke schleppen. „Ich fürchte mich nicht vor dem Wasser“, sagt er. „Aber die Politiker machen mir Angst.“

1997 haben sie mit Sandsäcken gegen das Wasser gekämpft. Deiche weichten durch, man flickte. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe bat den Kanzler um Hilfe. Helmut Kohl schickte die Bundeswehr. Deiche brachen, und man errichtete neue. Tagelang, ohne Pause, bis die Sirenen heulten und die Kirchenglocken läuteten. Sie läuteten wie immer, aber es handelte sich um einen außergewöhnlichen Befehl: Die Menschen sollten fliehen. Die Brandenburger Landesregierung hatte die Absicht, den Hauptdeich aufzugeben und den nördlichen Teil des Oderbruchs absaufen zu lassen. Aber Otto Knoll und seine Nachbarn schleppten und stapelten weiter. Sie ließen sich nicht wegzerren. Von Gott und der Welt verlassen, klammerten sich Tausende an ihrer Heimat fest. Nur einer konnte sich hervortun. Matthias Platzeck war kein Held. Er war Politiker. Er hatte die Macht, den Gedanken ans Aufgeben offiziell wieder zu verwerfen. „Wir kämpfen“, sagte er, „alles andere liegt in Gottes Hand.“

Die Politik, ein Karnevalsscherz

Michael Rubin hat nach dem Hochwasser 1997 mit anderen Bauern das Forum Oderbruch e.V. gegründet. Gottes Hand, das war ihnen klar, war mindestens eine Hand zu wenig. Rubins Verein kontrollierte, ob die Landesregierung ihre Versprechen einhielt, ob die Deiche saniert, die Hochwasserschutzpläne überarbeitet wurden und die EU-Gelder wirklich ankamen. Rubin ist ein großer, kräftiger Mann mit stoppeligen Haaren und Sonne im Gesicht. Auch er wurde im Oderbruch geboren. Er hat es verlassen und ist wiedergekommen. Bis 1995 war er Bürgermeister, jetzt ist er Präsident vom Karnevalsklub. Er hat Familie, Haus und Stallungen ein paar Hundert Meter hinterm Deich von Zollbrücke. Er raucht starke Marlboro und gießt die Milch seiner Ziegen in den Kaffee. Wenn Hochwasser kommt, wird er über 300 Tiere in Sicherheit bringen. Wenn die Straße kommt, wird sie die Natur zerstören, in der die Ziegen gedeihen. Das Forum Oderbruch e.V. hat eine neue Aufgabe.

„Früher dümpelte bei uns hier jeder vor sich hin“, erzählt Rubin. „Das Heimatgefühl reichte nicht über die Dorfgrenzen hinaus.“ Die vom Untergang bedrohten Menschen hat es 1997 regelrecht zusammengetrieben. Nun gehen sie nicht mehr auseinander.

Rubin und seine Leute haben sich mit zwei anderen Bürgerinitiativen vereint, eine davon ist die von Otto Knoll. Der alte Mann koordiniert die Arbeit, der jüngere streitet sich im Fernsehen mit Hartmut Meyer. Rubin berlinert und redet ohne Umschweife. Hartmut Meyer schmeißt mit kantigen Begriffen zurück: Im Untersuchungsgebiet werde es ein Raumordnungsverfahren und dann ein Planfeststellungsverfahren geben. Das hört sich gut an. Als hätte ein Minister mit politischen Entscheidungen persönlich gar nichts zu tun. Als wäre er nicht auf die Idee gekommen, eine Straße durch das Oderbruch zu bauen. „Bauen Sie doch in Schwedt oder Eisenhüttenstadt, wo Industrie ist!“, ruft Rubin. „Ich scheue mich nicht, mit Ihnen konstruktiv nach vorn zu diskutieren“, antwortet der Minister. Der Präsident grinst. Aus diesem Satz lässt sich zumindest ein schöner Karnevalssketch machen.

Was sollen hier Lastwagen?

Die Lehrerin Ina Wilhelm und der Arzt Jens-Uwe Niehoff waren 1997 gerade aus Berlin ins Oderbruch gezogen, da kam das Wasser. Auch sie haben jetzt eine Bürgerinitiative gegen die Straße gegründet – die dritte im Bund von Otto Knoll. Ina Wilhelm hat ebenso viel Material angehäuft wie der alte Mann. Sie trägt einen Rucksack, damit sie vor der Brust das Papier balancieren kann. In flachen Schuhen, die Haarsträhnen zum Zopf gerafft, ist sie auf der Straße Matthias Platzeck hinterhergerannt. Der war kurz angebunden. Erst war Ina Wilhelm wütend, dann hat sie die Presse informiert, Politiker und Fachleute alarmiert. Sie ist durch die Gegend gefahren, hat sich zu Wort gemeldet. Sie und Jens-Uwe Niehoff gehören nicht zu den Bürgern, die der Verkehrsminister in seiner Variante der Geschichte beliebig gegen andere Protestierende austauscht. Meyer redet von den beiden, als wären sie das Problem – nicht die Straße. Die Zugezogenen, sagt er, wiegelten die Bauern im Oderbruch auf.

Jens-Uwe Niehoff hat weniger Papier bei der Hand, aber viele Fakten im Kopf. Er redet über die Beschaffenheit des Bodens im Oderbruch, malt die Landschaft farbig aus, lässt sich in die Geschichte der Region zurückfallen, dringt in die Seelen der Menschen ein. Du bist jetzt einer von uns, haben die Nachbarn in Altwustrow zu ihm gesagt, nachdem er ein altes Fachwerkhaus mühsam restauriert hatte. Sie meinten das ernst. Es stimmte aber nicht ganz. Niehoff verliert niemals seine gemäßigte Radiostimme. Er wird nicht unruhig, er rastet nicht aus. Er hat sich ins Oderbruch verpflanzt, aber seine Wurzeln gehen nicht so tief. Er ist auf die andere Seite der Oder gefahren. Auch die Bürgermeister dort drüben wollen nur so viele Autos haben, wie eine Fähre über den Fluss bringen kann. Die alten Grenzübergänge reichen. Eine Brücke, eine Straße würden auch in Polen ein Naturschutzgebiet zerstören.

„Warum will der Minister unbedingt hier bauen und nicht südlicher?“, fragt Niehoff. In einem Papier aus Meyers Ministerium steht, das Oderbruch sei „dünn besiedelt“, „ausgeräumt“ und biete „wenig Konfliktpotenzial“. Der Minister fügt hinzu: „Unterschriftensammlungen haben keinen Wert.“ Niehoff sagt: „Wir finden leichter mit unseren polnischen Nachbarn eine Sprache als mit der Landesregierung.“

Hartmut Meyers Vorhaben, im Oderbruch eine Trasse für LKW zu schlagen, ist dieser Tage in den Entwurf zum Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden. In den Gutachten, die erstellt worden sind, gibt es gegen den Bau der Straße zwar viele Bedenken, aber Meyers Idee ist damit nicht gestorben, sie ist nur nicht als dringlich eingestuft worden: Sie steht unter der Kategorie „weiterer Bedarf“. Die Straßengegner haben Grund zur Freude. Die Trasse ist damit unwahrscheinlicher geworden – doch nur, weil das Land für die Kategorie „weiterer Bedarf“ wohl kein Geld hat. Und so haben Knoll, Rubin, Wilhelm und Niehoff zugleich Grund, weiter misstrauisch zu sein. Manfred Stolpe, der einstige Übervater aller Brandenburger und heutige Bundesverkehrsminister, kann die Straße „in begründeten Ausnahmefällen“ trotzdem bauen lassen, heißt es im Entwurf zum Bundesverkehrswegeplan. Wird er das tun? Herr Stolpe könne sich nicht zu jedem Projekt äußern, sagt sein Pressesprecher in Berlin. Ob er stattdessen weiterhelfen könne, fragt der Mann.

Die Antwort ist: nein. Es geht nicht um Fakten, die ein Pressesprecher darlegen kann. Es geht um Verständnis für die Situation im Oderbruch, das Stolpe nur selbst formulieren kann – wenn er es hat. Es geht um das Schweigen des Deichgrafen. Es geht darum, dass Hartmut Meyer die Leute gern mit Handschlag begrüßt und duzt, aber nur eckig mit ihnen spricht. Die EU verlangt Brücken über die Oder, der Verkehrsminister muss sie bauen, egal wo. Es geht darum, dass in der Politik alles möglich ist, auch Unmögliches.

Man kann sich die Zustimmung der Polen erkaufen. Man kann weniger dringliche Projekte dringlich werden lassen. Man kann Briefe nicht beantworten. Man kann plötzlich in Berlin und damit weit weg sein.

Es braucht nur ein Politiker eine Absicht zu haben, schon heulen im Oderbruch die Sirenen, und es läuten alle Glocken. Die Menschen beginnen zu kämpfen wie einst mit den Sandsäcken. Und sie lassen nicht los.

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